Dauerhaftes Badeverbot in Offenbacher See?

Schultheisweiher ist modrig und trüb: „Wir können den See nicht aufgeben“

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Fischen im Trüben: Berufsfischer an Kescher und Außenbordmotor, Umweltamts-Mitarbeiter mit Statistik-Bogen. Im Zuge der Befischung wurden schlammwühlende (etwa Karpfen) und wasserpflanzenfressende Fischarten (Graskarpfen) aus dem Schultheis entnommen und gezählt.

Ist der Schultheisweiher in Offenbach noch zu retten? Der See hat sich zur Dauerbaustelle entwickelt. Die Stadt zieht alle Register. Vielleicht ist ein dauerhaftes Badeverbot notwendig.

Offenbach - Der Schultheisweiher bleibt ein Problemsee. „Seit drei Jahren ist die Wasserqualität labil“, umschreiben es die Experten des Umweltamtes. Wer einen Abstecher zum Gewässer im Mainbogen macht, in dem das Baden in diesem Sommer komplett untersagt worden ist, kann sich selbst ein Bild machen: eine moos-grüne, trübe Brühe. Oder eine Nase voll nehmen: muffig bis modrig. Mit einer neuerlichen Befischung will die Stadt einen unerwünschten Besatz entfernen und den Bestand erfassen. Für weitere Maßnahmen zur Gesundung.

Dienstag, später Nachmittag. Zwei Berufsfischer lassen ihr Boot zu Wasser, von einem guten Dutzend Schaulustiger beobachtet, die an einem Geländer lehnen. Auf zur Elektrobefischung. Oha. „Hört sich gefährlicher an, als es ist“, versichert er, während er seinen Kescher ins Trübe hält. Dabei wird Strom genutzt, um die Fische aus ihren Verstecken und an die Wasseroberfläche zu befördern. Bedeutet: kleiner Bereich, geringe Betäubung, genutzt für geplante Untersuchungen mit wissenschaftlichem Hintergrund.

Offenbach – Fische sind in der Dämmerung am aktivsten

„Eine gute Uhrzeit, da die Fische in der Dämmerung am aktivsten sind.“ Und zwar an den sogenannten Unterständen in Ufernähe. Dort sind die Fischer sofort erfolgreich. Der Fang wird dokumentiert – und in den See gesetzt. Um gerade schlammwühlende (Karpfen) und wasserpflanzenfressende Arten (Graskarpfen) aus dem Weiher zu holen, sind grobmaschige Stellnetze die bewährte Methode, um die bis zu 20 Kilogramm schweren Exemplare zu entnehmen.

Petri Heil am Problem-See: Die Karpfen holen die Fischer in Nähe der Anlegestelle aus dem Schlamm.

Aber hat die Stadt genau das nicht bereits vor Jahren gemacht? „Ja“, räumt Paul-Gerhard Weiß in seiner Funktion als Umweltdezernent ein. „Aber seit 2017 hat sich die Lage total gedreht. Wir haben es hier immer wieder mit neuen Problemstellungen zu tun.“ Der Schultheis entpuppt sich als ewige Baustelle. Der Stadtrat weiß um die teils „leidenschaftlichen Debatten“ um Sinn, Erfolg und Kosten einzelner Maßnahmen und den Vorschlag, den Schultheis einfach versanden zu lassen. „Wir können den See nicht aufgeben“, betont Weiß, da die Kommune gesetzlich verpflichtet sei, den See in seinem ökologischen Zustand zu erhalten.

See ist maximal 2,80 Meter tief

1929 beginnt die Firma Schultheis mit dem Sand- und Kiesabbau.

In den 1960er Jahren verfüllt man das Areal; überwiegend mit Aushub des Frankfurter S-Bahn-Baus. Das untersagt die Stadt 1975 mit einem Bebauungsplan.

1983 folgt die Ausweisung zum Naturschutzgebiet durch das Regierungspräsidium.

Die Gesamtfläche des Naturschutzgebiets beträgt 27 Hektar, die Wasserfläche etwa 10 Hektar.

Maximale Wassertiefe: etwa 2,80 Meter; mittlere Wassertiefe: 2,50 Meter

Die günstige Lage in der Mainaue stellt für nordeurasische Sumpf- und Wasservögel eine Station zwischen skandinavischen und sibirischen Brutgebieten und den Winterquartieren in Südwesteuropa und Afrika her.

Offenbacher See war ein „krautreicher Klarwasserflachsee“

Heute kaum zu glauben: 2010 bis 2016 schien der Weg einer ökologischen Gesundung gelungen; der Schultheisweiher galt als „krautreicher Klarwasserflachsee“. Seit drei Jahren ist der Patient wieder angeschlagen. Auslöser sind nach Angabe des Umweltamtes „Perioden intensiver Sonneneinstrahlung, stark sinkende Grundwasserspiegel und das Auftreten invasiver Krebs- und Fischarten“. Tiefere und somit kältere Wasserströme zur Zirkulation sind nicht vorhanden.

Zudem führe der Eintrag von Phosphat – auch durch die vielen Wasservögel – zu einer Anreicherung des Nährstoffs im Gewässer. In der Folge setzt sich die Negativ-Spirale fort: In den Sommermonaten bildet sich eine Cyanobakterien-Biomasse, die nicht nur den See trübt, sondern auch Pflanzen absterben und Fische verenden lässt. Aktuell sind die weiteren Aussichten tatsächlich trüb: „Ohne geeignete Maßnahmen ist mit einer voranschreitenden Reduktion von Wasserpflanzen- und Fischarten sowie dem Verlust der ökologischen Funktion des Gewässers im Naturschutzgebiet zu rechnen“, heißt es. Was für viele indes gravierender wäre: Ein dauerhaftes Badeverbot würde mit dieser Entwicklung einhergehen.Die aktuellen Gewässerdaten gibt es hier. (Von Martin Kuhn)

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