„Bei schönem Wetter scheint die Sonne durch“

Streit um Setzrisse: Stadt Offenbach erkennt Schuld nicht an

Beweisstück: Eine der Wurzeln, die freigelegt wurden. Sie ist rund vier Meter lang.
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Beweisstück: Eine der Wurzeln, die freigelegt wurden. Sie ist rund vier Meter lang.

Die Geschichte um Setzrisse an Offenbacher Immobilien ist um ein Kapitel reicher.

Offenbach - Und wie bisher schon: Es ist ein trauriges Kapitel, bei dem wieder mal die Stadt eine fragwürdige Rolle spielt. „Bei schönem Wetter scheint hier die Sonne durch.“ Hartmut Kresse steht in seinem Wohnzimmer und deutet auf die fingerdicken Risse, die sich – zum Teil gnädig durch ein Bild verdeckt – über die ganze Wand ziehen. Es ist nicht die einzige Stelle. Das ganze Haus der Kresses in der Buchhügelallee (Baujahr 1955) weist ähnliche Schäden auf; im Keller, an nahezu allen Außenwänden, in der Zufahrt zu Garage.

Setzrisse im Mauerwerk: Schuld sind von der Stadt gepflanzte Bäume

Begonnen hat der Ärger 2013. Bis dahin war die Immobilie intakt, waren keinerlei Risse erkennbar. Als sich die ersten zeigten, ergab eine Kanalbefahrung, dass die Wurzeln eines von zwei großen Urweltmammutbäumen, auch Chinesisches Rotholz genannt, vorm Haus der Kresses die Rohre zerfressen hatten.

Die Bäume waren beim Ausbau der Buchhügelallee gepflanzt worden. Dort, wo sie stehen, befanden sich einst die Vorgärten der Anwohner, die für die Verbreiterung der Straße hergegeben werden mussten.

Mit anwaltlicher Hilfe erreichten die Hausbesitzer, dass der Baum gefällt und ein neuer Kanalanschluss gesetzt wurde. Kresses und die Stadt teilten sich die Kosten.

Der Setzriss, der sich über die gesamte Wand im Wohnzimmer zieht, wird immer größer.

Setzrisse in Offenbacher Immobilien: Gutachten durch Experten

Als sich vier Jahre später erneut Schäden an der Bausubstanz zeigten, zog Hartmut Kresse einen Sachverständigen hinzu. Ein Geo-Gutachten, bei dem der Boden vor und hinter dem Haus bis in sechs Metern Tiefe untersucht wurde, ergab: Die Wurzeln des verbliebenen zweiten Mammutbaums sind für die Schäden verantwortlich.

Welche Dimensionen das Wurzelwerk hatte und hat, zeigt exemplarisch das, was seinerzeit im Hof aus dem Boden gebuddelt wurde. „Die ist etwa vier Meter lang“, deutet Hartmut Kresse auf eine Wurzel, die er im Garten deponiert hat.

Schäden an der Wand vor der Eingangstür, die sich verzogen hat und nur noch mühsam öffnen lässt.

Setzrisse durch Baumwurzeln: Stadt Offenbach schickt eigenen Gutachter

Die Stadt reagierte erwartungsgemäß: Sie gab ein Gegengutachten in Auftrag. Dessen Ergebnis klingt nicht nur für die Betroffenen in Teilen geradezu absurd: Die Verwerfungen im Hof seien vom Auto verursacht, die Risse an der Wand neben der Eingangstreppe stammten vom Treppenlift her; den hatte die Familie 1995 installiert, als ihre Tochter nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen war. Die übrigen Risse seien auf altersbedingte Bauschäden zurückzuführen, so der von der Stadt beauftragte Experte.

Nachdem Hartmut Kresse im Mai dieses Jahres ein weiteres Gutachten präsentierte, ließ die Stadt zunächst prüfen, ob der Baum überhaupt noch standsicher sei; schließlich habe Kresse unerlaubterweise Wurzelwerk entfernt, so die Begründung.

Als die Standsicherheit festgestellt worden war, gab die Kommune eine weitere Expertise in Auftrag: Es sollte untersucht werden, ob sich nicht nur vor und hinter dem Haus, sondern auch darunter Wurzeln befänden. Kresse: „Das war vor zwei Monaten, das Ergebnis liegt uns noch nicht vor.“

Wahrscheinlicher Verursacher: Der Urweltmammutbaum vor dem Haus in der Buchhügelallee.

Setzrisse an Offenbacher Immobilie sollen unterspritzt werden

Für ihn drängt sich der Eindruck auf: „Die Stadt spielt auf Zeit. Ich bin 76 Jahre alt, meine Frau 75.“ Dabei gehe es ihnen gar nicht um irgendwelche Regressansprüche gegen die Stadt, sondern nur darum, dass ihnen nicht ihr Haus zusammenfalle. „Wir würden das Fundament gerne zur Stabilisation von einer Fachfirma unterspritzen lassen, was uns rund 20 000 Euro kostet – aber die geben uns nur eine Garantie, wenn der Baum weg ist“, sagt Hartmut Kresse. Die Stadt müsse deshalb nur dafür sorgen, dass der Baum gefällt werde. „Die sollen einen neuen pflanzen, Wir würden ihn auch gießen.“ Sigrid Pietzsch, Vize-Chefin des Stadtplanungsamts, teilt auf Anfrage mit, auch die Stadt warte auf die Ergebnisse des Gutachtens. Die zentrale Frage sei, ob die Wurzeln des Baumes dem Boden unter dem Haus Wasser entzögen. Wenn dem so sei, komme eine Fällung als eine Option in Frage.

Mit Blick auf die Dringlichkeit von zu treffenden Maßnahmen, weist Sigrid Pietzsch darauf hin, dass – sollte der Baum die Ursache sein – in den kommenden Wintermonaten erst mal keine weitere Austrocknung des Bodens zu befürchten sei. (Von Matthias Dahmer)

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