Simulierter Alkoholpegel

Berauschende Ballakrobatik

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Alles andere als treffsicher: Die Rauschbrille macht gezieltes Kicken unmöglich – für die Schüler eine spannende Erfahrung.

Offenbach - Zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft gab es auf dem Sportgelände am Buchhügel ein ungewöhnliches Fußballturnier. Schülermannschaften traten gegeneinander beim menschlichen Tischkicker an. Von Veronika Schade 

Das Besondere daran: Sie trugen Rauschbrillen, die das Gefühl des Betrunken-Seins vermitteln. Der Aktionstag war Bestandteil des Projekts HaLT, das sich der Alkoholprävention verschrieben hat. Auch eine „Promimannschaft“ war dabei. Der Ball liegt Felix Schwenke direkt vor den Füßen. Er holt aus – und tritt voll daneben. Zweiter Versuch. Wieder daneben. Was ist los? Ist der Stadtrat etwa betrunken – und das inmitten eines offiziellen Termins?

In gewisser Weise ja. Die Rauschbrille, die er und seine Mitstreiter in dem aufblasbaren menschlichen Tischkicker tragen, vermittelt das Gefühl, ordentlich was intus zu haben. Dementsprechend schwer fällt die Koordination. Aus der Fußballpartie, die zuvor reich an Tempo und Spannung war, wird ein ungeschicktes Trauerspiel. Eine Erfahrung, die gestern 200 Schüler in und an der Sporthalle am Buchhügel machen. Sie nehmen am Aktionstag des Präventionsprojekts HaLT (Hart am Limit) teil, bei dem hessenweit 13 Landkreise und Städte unter dem Motto „Behalte einen kühlen Kopf – schieß dich nicht ins Abseits“ Fußballturniere für Schüler ausrichten. In Offenbach beteiligen sich Käthe-Kollwitz-, Theodor-Heuss-, Schiller- und Ernst-Reuter-Schule. Aus dem Kreis sind Adolf-Reichwein- und Heinrich-Heine-Schule dabei.

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Der Anlass ist bewusst gewählt. „Zur Fußball-WM wird mehr getrunken“, sagt Polizeivizepräsidentin Anja Wetz. „Dieser Tag soll helfen, die Jugendlichen für die Folgen des Alkoholkonsums zu sensibilisieren.“ Schüler treten in Fünfer-Teams gegeneinander an. Ein Spiel dauert sieben Minuten, jeweils die letzten zwei werden mit Rauschbrillen gespielt. Diese simulieren einen Blut-Alkoholpegel von 1,3 oder 0,8 Promille, manche sind abgedunkelt für ein Gefühl wie bei Nacht.

„Damit es bei den Schülern hängen bleibt, muss es ein bisschen spektakulär sein“, sagt Rainer Ummenhofer vom Suchthilfezentrum Wildhof mit Blick auf die großen, bunten Menschenkicker. Zwar habe der Alkoholkonsum bei jungen Leuten in den vergangenen Jahren eine leicht rückläufige Tendenz, doch die Zahl der Alkoholvergiftungen sei konstant hoch. 26 000 Fälle gab es 2013 bundesweit, in Stadt und Kreis Offenbach waren es 130 Fälle. „Die Jugendlichen trinken gern Wodka, Whisky und Spirituosen, machen sich damit oft Mischgetränke“, weiß der Suchtexperte. Das geht schnell ins Blut.

„Ein komisches Gefühl mit der Brille“, finden die Käthe-Kollwitz-Schülerinnen Miriam Siegel, Valea Ströher und Vanessa Niemann, nachdem sie das Feld verlassen haben. Die Sicht sei verschwommen, der Ball nicht da, wo man ihn vermute, man sehe Regenbogenfarben. „Für eine solche Wahrnehmung muss man sehr viel getrunken haben“, sind sie sicher. Den Aktionstag halten sie für sinnvoll. „Vor allem für Jüngere“, sagt die 19-jährige Miriam. „Wir kennen unsere Grenzen.“

Höhepunkt des Turniers, für dessen Organisation der Stadtschülerrat rund um Stadtschulsprecher Max Moses Bonifer zuständig war, ist die Partie zwischen Mitgliedern des Schülergremiums und einer „Promimannschaft“. In dieser kicken neben Stadtrat Schwenke auch Kreisbeigeordneter Carsten Müller, HaLT-Koordinatorin Sabrina Baier und die Rektoren von Käthe-Kollwitz- und Theodor-Heuss-Schule, Marlies Stülb und Heinrich Kößler. In den fünf Minuten ohne Rauschbrille gelingen den Schülern die Treffer zum finalen Stand von 2:0. Mit Brille geht nichts mehr. Nur der Schweiß fließt in Strömen. „Das Gefühl ist heftig. Echt beeindruckend“, findet Kößler. „Ich hoffe, dass es für die Jugendlichen nicht nur ein Event war, das sie wieder vergessen werden.“

Kicken im Alkoholrausch

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