Bedeutend und umstritten

Skulptur „Großer Sitzender“ im Büsingpark hat bewegte Vergangenheit

Bildhauer Hans Mettel schuf den „Sitzenden“. Bis die Skulptur ihren heute bekannten Platz im Büsingpark bekam, dauerte es einige Zeit...
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Bildhauer Hans Mettel schuf den „Sitzenden“. Bis die Skulptur ihren heute bekannten Platz im Büsingpark bekam, dauerte es einige Zeit...

Die Skulptur ist umstritten, aber sie hat auch eine bewegte Vergangenheit. Das ist die Geschichte hinter dem „Großen Sitzenden“.

Offenbach – Wie er so dahockt, der zwei Meter hohe „Große Sitzende“ im Büsingpark mit seinen fest auf den Boden gestellten Beinen, dem leicht nach vorne gebeugten Oberkörper, den auf den Knien verschränkten Armen und dem gehobenen Kopf, wirkt er in Offenbachs wandelbarer Innenstadt wie ein Dokument der Zeitlosigkeit. Dabei hat die lange umstrittene Bronzeplastik von Hans Mettel (1903-66 ) - ein Original - eine bewegte Vergangenheit hinter sich.

Die Entstehungsgeschichte des „Sitzenden“ beginnt 1953 im Auftrag der Frankfurter Firma Teves. Vorbereitet durch Studien und Skizzen gedieh die monumentale Gipsform zu einem Hauptwerk Mettels. Der Bildhauer, in Dresden wie in Berlin ausgebildet, war nicht irgendwer. 1931 erhielt er für seine neuartigen Skulpturen den Großen Staatspreis. Vom Naziregime wurden seine Werke 1937 als entartet verfemt. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft machte Mettel da weiter, wo er früher aufhören musste. 1947 holte man ihn an die Städelschule, die er 1950 bis 1955 leitete und in der er, bis zu seinem Tode im Falkensteiner Atelier, unterrichtete. Unter anderem den Offenbacher Bildhauer Ottomar Gassenmeyer.

Mettel schuf nicht nur abstrahierte figürliche Kunst, er engagierte sich auch kunstpolitisch. Mit Arnold Bode initiierte er 1955 die Kasseler documenta I und erregte damit weltweit Aufsehen. In den Mittelpunkt geriet der fürs Freie gedachte „Große Sitzende“, der aber nur im Innenraum gezeigt werden konnte. Die Firma Teves hatte dafür 30 000 Mark Arbeitshonorar gezahlt. Schon in Kassel überlegte man, wo diese herausragende Kunstfigur im öffentlichen Raum aufgestellt werden sollte. Nach der Rückkehr fingen die Probleme mit der Großskulptur an, die wie eine Irrfahrt wirkte. Mettel wollte sie vor dem Deutschen Haus der Cité Universitaire in Paris sehen. Frankfurts Stadtverordneten waren dagegen, sie wollten ein „Frankfurter Zimmer“ nach Paris entsenden. Das Thema wurde zum Eklat, als das Hessische Kultusministerium die Aufstellung der Figur in Paris als „Zumutung“ bezeichnete und untersagte.

Mettel war so empört, dass er als Direktor der Städelschule zurücktrat. Vertrauen fasste er zu Offenbachs Stadtbaurat Adolf Bayer, einem Anhänger der Moderne, die sich in Bauten der Bundesmonopolverwaltung und des Parkbades widerspiegelt. Um der Nachbarstadt den Ankauf schmackhaft zu machen, senkte Mettel den Preis auf (inoffizielle) 12000 Mark. So konnte Offenbach Spitzenkunst zum Schnäppchenpreis erwerben. Auch OB Wolfgang Klüber war angetan, wollte er doch kulturelle Aufgeschlossenheit gegenüber dem „amusischen“ Frankfurt demonstrieren. Doch die Rechnung wurde ohne Offenbacher Institutionen gemacht. Immerhin billigte die Stadtverordnetensitzung 1955 den Ankauf des „Werks von bleibendem Wert“, das nun 20 000 Mark kosten sollte. Es sollte vor der Hauptstelle der Sparkasse aufgestellt werden, deren Verwaltungsrat aber ablehnte: „Das Kunstwerk ist im Charakter zu wuchtig gegenüber der feingliedrigen Architektur unserer Hauses.“ Bei einem Stadtrundgang mit Mettel wurden andere Standorte besichtigt.

Dabei entschied man sich, die Skulptur am neuen Rudolf-Koch-Gymnasium in Verlängerung der Ludo-Mayer-Straße aufzustellen. Die Besprechung der Schulkonferenz geriet zum weiteren Eklat. Stellungnahmen wie „Diese Figur zeigt den Typ eines Arbeiters, der am besten vor eine Fabrik gehört“ oder „Die künstlerische Ausgestaltung unseres Gymnasiums soll das Geistige ausdrücken, nicht das Werktätige und Körperliche“ waren von keiner Sachkenntnis getrübt und führten zur einstimmigen Ablehnung. Auch eine Aufstellung vor der gewerblichen Berufsschule kam nicht zustande. Nach Originalnotizen wusste man 1956 nicht mal, ob die Skulptur schon in Offenbacher Besitz war…

Mettel ließ in Düsseldorf einen zweiten Guss des Sitzenden anfertigen, den er als Original selbst überarbeitete. Das erweckte im Offenbacher Rechtsamt Misstrauen. Zumal Mettel einen dritten und letzten Guss fürs Kreiskrankenhaus Riedlingen an der Donau fertigen ließ, wo dieser unerkannt unter der Kapelle sitzt. Schließlich bot Direktor Henry Gowa 1956 der Kunstfigur Asyl in der unteren Halle seiner Werkkunstschule. Vor dort ging die Figur zu Ausstellungen nach Darmstadt, Nürnberg und Frankfurt, wo man neues Interesse zeigte. Bei der Rückkehr des Sitzenden war es höchste Eisenbahn, das Werk adäquat zu platzieren.

Es wurde der heutige Standort vor dem Parkbad im Büsingpark gewählt. Dort blieb Mettels Original in folgenden Jahren nicht vor Farb-Attacken verschont. Nun ist es um ruhig um die Figur geworden, die letzte Veränderung des Sitzenden durch eine Corona-Maske sorgte eher für ein verstehendes Lächeln. Man hat offensichtlich seinen Frieden gemacht mit diesem Zeugnis oft schwer zugänglicher figürlicher Abstraktion, die eher den Raum beschreibt als konkrete Körperlichkeit. VON REINHOLD GRIES

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