„Spannende Perspektiven“

Matthias Müller zur Entwicklung Offenbachs

+
Matthias Müller (63), Leiter des städtischen Presseamts und Geschäftsführer der Offenbacher Stadtinformation GmbH, ist überzeugt: Mit der Stadt geht es langsam aufwärts.

Offenbach - Die angekündigte Schließung von Fachgeschäften hat die Diskussion um den Einkaufsstandort Offenbach und die Entwicklung der Stadt neu entfacht.

Einer, der nicht nur berufsbedingt die guten Seiten Offenbachs für unterschätzt und mehr Optimismus für angebracht hält, ist Stadtsprecher Matthias Müller. Zur Kaufkraft, den Fluch des Internets, zu Parkhäusern und das Entstehen eines neuen Offenbach befragte ihn OP-Redakteur Matthias Dahmer.

Herr Müller, WMF macht dicht, der Laden 26 schließt, in Leserbriefen wird beklagt, dass zunehmend Billigläden das Bild der Innenstadt prägen. Wie kommen Sie zu der Einschätzung, dass alles doch gar nicht so schlimm sei?

Die Entwicklung teilt Offenbach mit vielen Städten. Die Ursachen sind gleich: Kein Nachfolger und hohe Mieten. Lange Öffnungszeiten bedeuten zusätzliche Personalkosten. Und das Internet vernichtet ganze Branchen. Ich mag persönliche Beratung und Qualität. Es ist um jedes einzelne Fachgeschäft, das schließt, schade und schlimm. Von Laier bis M.Schneider, vom BAM bis zum Italiener Cuoro gibt es tolle und hochwertige Angebote in Offenbach. Mit diesen Läden müssen wir werben. Wir verschlimmern ihre Perspektive, wenn wir die Ursachen für globale Entwicklungen lautstark nur bei uns selbst in Offenbach suchen.

Aber eine kaufkräftige Schicht fehlt doch in Offenbach?

Ich bin verantwortlich für das OF-Infocenter mitten in der City. Im Jahr 1990 haben wir im Ticketverkauf rund 50 000 Euro eingenommen, heute sind es knapp zwei Millionen. Wir haben konsequent auf Service und Beratung gesetzt. Das Geld ist in der Stadt vorhanden, das zeigt auch ein Vergleich der Kaufkraft-Indizes. Aber das Internet macht auch uns zunehmend zu schaffen. Deshalb stellen wir unsere Strategie ständig auf den Prüfstand.

Aber das Angebot rund um die Fußgängerzone wird immer schlechter.

Natürlich sind Ein-Euro-Läden hier wie überall ein Ärgernis. Aber mal ehrlich: Unsere Konsumgewohnheiten wechseln rasant. Telefone, Mode oder Wohnaccessoires: Viele Produkte, die einst über Jahre gepflegt wurden, sind heute maximal eine Saison chic. Die Wegwerf-Mentalität verändert den Handel. Mit den vielen Ketten wirken unsere Innenstädte zunehmend uniform. Auf der anderen Seite: Türken, Pakistani und andere erfolgreiche Geschäftsinhaber bringen mit einem feinen Angebot Spezialitäten aus aller Welt nach Offenbach. Die türkische Nachtbäckerei in der östlichen Innenstadt beliefert beispielsweise die Sterne-Hotels in Frankfurt. Wir Offenbacher haben dieses Geschäft vor Ort zum Einkauf. Und unsere Gastronomie hat sich in den letzten Jahren in der Spitze und in der Breite hervorragend aufgestellt. Das ist ein echtes Plus.

Was kann eigentlich die Stadt tun, um wünschenswerten Einzelhandel in der City zu halten bzw. ihn hierher zu holen? Sicher ist: Einem Vermieter, der vor allem auf Gewinn aus ist, kann niemand vorschreiben, an wen er vermietet.

Unser Job sind gute Rahmenbedingungen. Schauen wir, welche Vielfalt sich in den vergangenen Jahren in der Frankfurter Straße westlich der Kaiserstraße etabliert hat. Hier haben wir in ein neues Stadtbild investiert. Dafür gab es anfangs auch heftigen Gegenwind. Der Wilhelmsplatz, der neue Stadthof und bald der Marktplatz sind Beispiele für positive Veränderungen. Aufenthaltsqualität ist wichtig. Immer mehr Menschen wollen Einkauf mit Erlebnis verbinden. Die Innenstadt braucht Events und Feste, besonders mit Qualität. Wichtig auch: Unsere City-Managerin ist in engem Kontakt mit den Inhabern, hilft schnell und unbürokratisch bei Problemen.

Wie überzeugen Sie einen konsumwilligen Autofahrer, der in Einkaufszentren im Umland einen Bruchteil der Offenbacher Parkgebühren zahlt, eine Stadt anzusteuern, die auch noch den motorisierten Individualverkehr aus der City verbannen möchte?

Viele Wege führen nach Offenbach, auch der mit dem Auto. In zehn Minuten ist jeder von der Stadtgrenze in der City. Es gibt hier ein gutes Angebot an Parkhäusern. Wünschenswert wäre ein Ersatz der Gebühren durch den Handel. Wünschenswert wäre auch eine Beteiligung aller Betreiber an dem Parkleitsystem.

Aber auch andere Verkehrsträger verdienen mittlerweile ein Mehr an Beachtung, nicht nur aus ökologischen Gründen. Von Mühlheim, Obertshausen und Heusenstamm sind es knapp zehn Minuten mit der S-Bahn nach Offenbach. Über 20 000 Menschen steigen täglich in der Station „Marktplatz“ ein oder aus, 38 000 Fahrgäste sitzen in den Zügen. In der Spitze überqueren in der Stunde knapp dreitausend Fußgänger den Marktplatz. Das sind potentielle Kunden. Ziel ist ein Ausgleich der Interessen von Auto, Bus, Bahn, Fahrrad und Fußgänger. Ein weniger an Durchgangsverkehr heißt immer ein Mehr an Aufenthaltsqualität.

Sehenswürdigkeiten: Wie gut kennen Sie die Welt?

Sehenswürdigkeiten: Wie gut kennen Sie die Welt?

Kommen wir zur Gesamtentwicklung. Auch hier sehen Sie die Dinge optimistischer als die meisten Offenbacher. Was bewegt Sie zu der Ansicht, dass sich insbesondere die nicht unproblematische Bevölkerungsstruktur wandeln wird?

Sie schaue nicht nach links und nicht nach rechts, sondern horche immer nur in sich hinein, charakterisierte jüngst eine Hamburger Wochenzeitung eine große deutsche Organisation. Mit diesem Zitat könnte auch mancher Offenbacher gemeint sein. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft wächst die Europäische Zentralbank, boomt der Frankfurter Osten.

Offenbach profitiert: Im Hafen werden Wohnungen gebaut, verkauft und vermietet – an ein kaufkräftiges Publikum. Zwischen Ex-Allessa und dem Alten Friedhof entstehen neue Quartiere für die Mittelschicht, ebenso auf dem Luisenhof, auf dem Ex-MAN-Gelände. Es sind viele hundert Wohneinheiten. Wer aufmerksam durch das Nordend geht, bemerkt, dass hier ein völlig neues Klientel einzieht mit Bedürfnis nach Bio-Laden und Putenaufschnitt vom Bauern aus dem Odenwald.

Offenbach, nicht die Nachbarschaft, muss diese Menschen abholen. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Stadt und Einzelhandel.

Herr Müller Sie wohnen in Mühlheim. Wann ziehen Sie ins neue Offenbach, etwa in den Hafen?

Als ich vor über dreißig Jahren in Mühlheim mit Freunden Eigentum erwarb, dachte ich noch nicht an eine Beschäftigung bei der Stadt Offenbach. Aber Wohnen am Fluss wäre eine spannende Perspektive für den nächsten Lebensabschnitt. Freunde und Bekannte aus Frankfurt und der Region schwärmen mir immer wieder vom Offenbacher Hafen vor. Da wäre ich schnell in ein vertrautes Netzwerk eingebettet.

Mehr zum Thema

Kommentare