Kreatives Schummeln

Spicken: Nichts geht über den Klassiker

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Zettel im Kugelschreiber oder am Körper, Notizen auf dem Etikett einer Wasserflasche, Formeln auf dem Arm - Spicken ist eine Kunst. Und „Experten“ sind sich sicher: Smartphones werden das Papier nie ersetzen.

Offenbach - Wenn es ums Schummeln geht, sind Schüler kreativ. Der herkömmliche Spickzettel ist trotz allem aber nicht vom Aussterben bedroht. Von Lena Marie Jörger

Der kleine Knopf im Ohr ist fast nicht zu erkennen, so gut verdecken die langen Haare ihn. Einzig das Kabel, das von dort am Hals entlang führt und im dunkelgrauen Rollkragenpullover verschwindet, blitzt ab und an hervor. Schummeln mit dem MP3-Player – nur eine der unzähligen Methoden, mit denen Schüler in Klassenarbeiten oder bei Vokabeltests tricksen. Auch im schriftlichen Abitur – in dieser Woche werden in Hessen die letzten Prüfungen abgenommen – versuchen besonders Mutige zu mogeln. Die Techniken werden dabei immer ausgefeilter, doch der klassische Zettel hat längst noch nicht ausgedient.

„Eigentlich wird in jeder Klausur gespickt, aber eher selten mit dem Handy, sondern mit Zetteln unter dem Block“, beobachtet Thorsten Braun, Deutsch- und Geschichtslehrer an der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule. „Eine Schülerin hat das mal sehr souverän gemacht. Sie hat monatelang gespickt, mir ist es erst nach geraumer Zeit aufgefallen.“

Eine Methode, die Brauns Kollegin Eva-Maria Dill, die an derselben Schule Mathe und Wirtschaftslehre unterrichtet, bekannt vorkommt. Zögerlich gibt sie zu, dass sie als Schülerin selbst so geschummelt hat. „Ich denke, so wird das heute auch noch sein“, überlegt sie. „Oder die Schüler benutzen ihre Handys. Die sind zwar eigentlich während Klausuren nicht erlaubt, aber manche Lehrer nehmen sie den Schülern nicht ab.“

Ein Experte in Sachen Spicken

Woran das liegt, weiß der Leiter des Nürnberger Schulmuseums, Mathias Rösch: „Viele Lehrer drücken ein Auge zu, entweder weil sie sich denken, sie waren ja auch mal jung, oder aus Mitleid mit schlechteren Schülern.“ Rösch ist gewissermaßen Experte in Sachen Spicken. Als Kurator der Ausstellung „Bloß nicht erwischen lassen! Spickzettel – die verborgene Seite der Schule“, die im vergangenen Jahr im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen war, sichtete er mehrere Tausend Spickzettel und andere mehr oder weniger ausgefallene Schummelmethoden. Seine Beobachtung: Etwa 90 Prozent der Schüler benutzten Zettelchen.

„Papier ist viel schneller greifbar und einfacher einzusetzen als ein Handy, mit dem ich womöglich erst einmal zur Toilette muss, um es ungestört verwenden zu können“, erklärt Rösch. „Smartphones werden das Papier deshalb nie ersetzen.“ Und das sei auch gut so, denn „durch das Abschreiben der Notizen auf einen Spickzettel lernen die Schüler den Stoff“.

Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider teilt diese Ansicht. „Als Lehrer habe ich meinen Schülern immer empfohlen, vor Klausuren einen Spicker zu schreiben, dadurch können sie Inhalte besser im Gedächtnis verankern“, gibt er zu. „In der Klausur sollten die Schüler den Spicker dann aber selbstverständlich nicht nutzen.“ In seiner Schulzeit geriet Schneider das eine oder andere Mal auch in Versuchung, „besonders in Mathe“, sagt er. „Aber spätestens ab der Oberstufe habe ich erkannt, dass das nicht zielführend ist.“

Allerlei Rafiniertes

Für die Mehrheit der Schüler sei der Spickzettel sowieso eher eine Art Rettungsring, meint Mathias Rösch. „Viele haben ihn dabei, benutzen ihn aber überhaupt nicht. Er gibt eher Sicherheit, weil man etwas hat, falls man irgendwann doch nicht mehr weiter weiß.“ Neben dem Klassiker beherbergt die Nürnberger Ausstellung allerlei Raffiniertes, darunter Getränkekartons mit aufklappbaren Seitenwänden, unsichtbare Tinte oder eine Armbanduhr mit drehbaren Spulen, auf die man bis zu 20 Zentimeter Papier aufspannen kann.

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Besonders fasziniert ist Rösch von einer russischen Tradition. „An dortigen Universitäten verwenden viele Studenten Spickgürtel, also Gürtel mit kleinen aufgenähten Taschen, in denen dann Zettel mit Antworten auf Multiple-Choice-Fragen versteckt werden können“, berichtet er. „Da diese Fragen wohl weitgehend unverändert bleiben, werden die Gürtel oft über Generationen weitervererbt.“ Rösch ist es aber noch nicht gelungen, einen in seinen Besitz zu bringen. Ähnlich schwierig war die Suche nach Spickzetteln aus den USA. „In höheren Schulen wird dort zwar auch geschummelt, aber das würde niemand zugeben, das ist ein Tabu.“

Dass Schüler überhaupt mogeln, liegt nach Meinung des Fachmanns an der enormen Menge an Schulstoff. „Die Kinder haben Angst, zu versagen. Diese Angst gab es immer und wird es immer geben.“ Rösch ist deshalb davon überzeugt, dass schon in der Antike abgeschrieben wurde - „ist nur ziemlich schwer, das zu beweisen.“

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