Qualität im Stadtbild

Für große Bauvorhaben: Stadt bekommt einen Gestaltungsbeirat

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Der Gestaltungsbeirat wird künftig bei stadtbildprägenden Bauvorhaben mitreden. Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (Mitte) stellte das Gremium vor (von links): Martin Haas (Architekt, Stuttgart), Regina Stottrop (Stadtplanerin, Köln), Thorsten Kock (Architekt, Stuttgart) und Ruben Lang (Architekt, Frankfurt). Es fehlt Rebecca Junge (Landschaftsarchitektin, Bochum). 

Bei großen, stadtbildprägenden Bauvorhaben wird in Offenbach künftig ein sogenannter Gestaltungsbeirat mitreden. 

Offenbach – Bei großen, stadtbildprägenden Bauvorhaben wird in Offenbach künftig ein sogenannter Gestaltungsbeirat mitreden. Dem fünfköpfigen Gremium gehören berufserfahrene Architekten und Stadtplaner aus verschiedenen Städten an, ihre Unabhängigkeit wird unter anderem dadurch gewährleistet, dass sie in Offenbach weder planerisch noch gestalterisch tätig sind. Die Besetzung des Beirats, der gestern Abend per Parlamentsbeschluss offiziell installiert wurde, erfolgte auf Vorschlag des Stadtplanungsamts.

Dem Beirat, den Stadtrat Paul-Gerhard-Weiß gestern Vormittag vorstellte, gehören folgende, zunächst für drei Jahre gewählten Personen an: die Stadtplanerin Regina Stottrop aus Köln, die Landschaftsarchitektin Rebecca Junge (Wbp Landschaftsarchitekten) aus Bochum sowie die Architekten Martin Haas (haas cook zemmmerich Studio 2050) Stuttgart, Thorsten Kock (Bez + Kock) Stuttgart und Ruben Lang (o5 Architekten) Frankfurt.

Mit der Einrichtung des Beirats soll nach Angaben von Stefanie Stockmann vom Stadtplanungsamt die bauliche und gestalterische Qualität von Bauvorhaben erhöht werden. Bauherren sollen bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützt, das Bewusstsein für Baukultur in der Öffentlichkeit gefördert werden. Geplant sind vier Beiratssitzungen pro Jahr, die erste ist für das zweite Quartal vorgesehen.

Dass es für das neue Gremium genug zu tun gibt, daran hat Stadtrat Weiß keine Zweifel. Für den Neubau an Stelle des Toys-Gebäudes an der Berliner Straße sei die Mitwirkung des Gestaltungsbeirats schon vereinbart, mitreden würden die unabhängigen Fachleute auch bei der Bebauung des alten Güterbahnhofs sowie beim geplanten Gewerbequartier Nordkap und bei der Entwicklung des Kaiserlei.

Weiß widerspricht der Vermutung, Gestaltungsbeiräte seien eine „Schnapsidee“, welche nur die Planung verzögere. In vielen Kommunen, unter anderem in Wiesbaden, Mainz und Darmstadt, hätten sich diese Gremien als hilfreich bei der Beratung von großen Bauvorhaben erwiesen.

Beiratsmitglied Ruben Lang weist darauf hin, dass es Gestaltungsbeiräte bundesweit mittlerweile in 130 Städten gebe. Ihre Zahl habe sich seit Mitte der 90er-Jahre verdoppelt. Verzögerungen durch die Mitwirkung des Beirats sind laut Weiß nicht zu befürchten. „Das kann man alles ganz gut ins Baugeschehen eintakten.“

Fälle, in denen private Bauherrn den Rat der Experten verweigern, sind wohl eher selten. „Wenn wir frühzeitig eingebunden werden, sind wir beliebte Gesprächspartner“, berichtet Beiratsmitglied Martin Haas, der ebenso wie seine Kollegen den Gestaltungsbeiräten anderer Kommunen angehört. Ohnehin verstehe man sich nicht als Jury, sondern eher als Diskussionsforum, ergänzt Thorsten Kock.

Der Stuttgarter Architekt macht mit dem Blick des Auswärtigen auch gleich anschaulich deutlich, worum es seiner Meinung nach in Offenbach geht: Als er aus der S-Bahn-Station Marktplatz nach oben gekommen sei, habe er keinen Marktplatz vorgefunden, sondern auf die Abbruchkante der ehemaligen B-Ebene geschaut. Kock: „In Offenbach geht es nicht um das Bewahren, sondern eher um das Schaffen von Neuem.“

Stadtplanerin Regina Stottrop unterstreicht die Bedeutung von Gestaltungsbeiräten mit dem Hinweis, mit dem Baurecht allein könne man weder Schönheit noch Qualität garantieren. Als sie die Anfrage aus Offenbach erreicht habe, sei die erste, nicht ganz ernst gemeinte Reaktion einer Kollegin gewesen: „Da musst Du hingehen, die Stadt ist so hässlich, die braucht einen Gestaltungsbeirat.“

Völliges Neuland betritt Offenbach mit dem Beirat nicht: Im April des vergangenen Jahres hatte sich ein temporärer Gestaltungsbeirat der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen die Pläne für den Umbau des City-Centers angeschaut, nachdem Investoren und Stadt sich nicht über Details der Planung, insbesondere die Aufstockung des Gebäudes, einig waren. Letztlich sorgte der Beirat mit seiner Expertise dafür, dass die Aufstockung genehmigt wurde; im Gegenzug sollen die Investoren bei der Fassadengestaltung nachjustieren.

Planungsdezernent Weiß macht keinen Hehl daraus, dass er sich vom neuen Beirat auch Rückendeckung erhofft, wenn wieder mal die politischen Parteien bis ins Detail bei der Stadtgestaltung mitreden wollen.

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