Städtisches Projekt

„Zukunft gestalten“ hilft Schulabbrechern mit ungewöhnlichen Methoden

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Offenbach - Neun Prozent der jungen Offenbacher verlassen die Schule ohne Abschluss. Der Durchschnitt liegt in Hessen bei fünf Prozent. Ein städtisches Projekt versucht deshalb auf unkonventionelle Weise, auch diejenigen zu erreichen, bei denen keine Maßnahme greift. Von Rebecca Röhrich

Sami ist aufgeregt, aber das will er sich nicht anmerken lassen. Der junge Mann mit Baseballkappe und Kapuzenjacke ist mit Michael Abrecht auf dem Weg zur Behindertenhilfe. Dort hat er den ersten Praktikumstag, der Sozialarbeiter begleitet ihn. Dass es sich beim Spaziergang um ein Förderangebot der Stadt handelt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die jungen Männer könnten Freunde sein, die an dem sonnigen Nachmittag durch die Stadt schlendern. Beide in einer Hand eine Zigarette, die andere tief in die Jackentasche vergraben, es ist kalt. Das städtische Projekt „Zukunft gestalten“ (ZUG), beim Amt für Arbeitsförderung angesiedelt, gibt es seit September 2015. Drei Mitarbeiter kümmern sich um junge Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben und bei denen die üblichen Maßnahmen der Mainarbeit nicht greifen. Entweder, weil die Klienten zu Terminen gar nicht erscheinen, oder weil sie Förderangebote rasch abbrechen.

Das war auch bei Sami so. Der 22-Jährige hat keinen Abschluss und zwei Angebote abgebrochen. Der Offenbacher mit marokkanisch-belgischen Wurzeln wuchs bei seiner Großmutter auf. Nach dem Schulabbruch trieb er sich in Spielhallen rum, geriet in die falschen Kreise, machte Schulden. Während Sami erzählt, suchen seine großen braunen Augen unter der Kappe Halt auf dem Straßenasphalt. Aus der schwierigen Lage ist er selbst rausgekommen. Hat vor zwei Jahren den Kontakt zu den Zockerfreunden abgebrochen, ist zur Schuldnerberatung gegangen. Doch den Berufseinstieg hat er nicht allein geschafft. Altenpfleger möchte Sami werden. „Ich habe einfach einen guten Draht zu älteren Menschen“, erzählt er. Es mache ihm Spaß zu helfen. Und ja, das habe sicher auch mit seiner Großmutter zu tun, um die er sich immer noch kümmert.

Michael Abrecht (links) begegnet seinen Klienten auf Augenhöhe und begleitet sie zu Terminen. Oft bewegt er sich mit ihnen zu Fuß durch die Stadt.

Im Dezember 2015 wurde er bei der Mainarbeit von Michael Abrecht abgeholt. Das ZUG-Team hat festgestellt, dass ein nahtloser Übergang von einem zum anderen Angebot am besten funktioniert. „Erst hab ich gedacht: Was kommt jetzt wieder für einer?“, erzählt Sami und lacht. Sie sind vom Jobcenter zur alten Hassia-Fabrik gelaufen, haben sich unterhalten. „Ich hab schnell gemerkt, dass der korrekt ist“, ergänzt er und strahlt den 31-jährigen Sozialarbeiter an. Im Projekt hat Sami Bewerbungsgespräche geübt, Anschreiben getextet. Vor allem wurde er gelobt und unterstützt. Sami war immer pünktlich, hat keinen Termin verpasst. „Wir wollen unseren Klienten das Gefühl geben: Da passiert etwas, was du willst“, erklärt Mitarbeiterin Astrid Braun-Hubert. Das Problem sei, dass Schulabbrecher einfach „irgendwo hin münden“. Sie hätten keine Chance, sich etwas auszusuchen, müssten nehmen, was ihnen angeboten werde. Dass das häufig nicht funktioniert, liegt für die Sozialpädagogin auf der Hand. Es fehle die Motivation. Die jungen Menschen in so einer Lebenssituation buchstäblich zu erreichen, sei schwierig. „Über E-Mail und Telefon funktioniert das schlecht“, erzählt sie. Deshalb hat das Team angefangen, über Whatsapp Termine auszumachen. Das funktioniert.

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Aller Anfang ist schwer. Samis erstes Bewerbungsgespräch bei einer Altenpflegeeinrichtung ging schief. Er war zu aufgeregt. Das zweite hat aber geklappt. Drei Wochen lang darf er bei der Betreuung behinderter Kinder helfen. Er wird lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, er wird einen geregelten Tagesablauf haben. Und danach? Vielleicht klappt’s ja mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr. Und dann vielleicht mit einer Ausbildungsstelle zum Altenpfleger? Darüber wird er mit Michael Abrecht sprechen. Aber erst einmal verschwindet Sami mit ihm durch die Eingangstür der Behindertenhilfe. Er grinst. Er hat sich auf den Weg gemacht.

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