Der Abschied von alten Denkweisen

Startschuss für das „Zukunftskonzept Innenstadt“

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Offenbach - Auftakt für den Masterplan-Ableger Zukunftskonzept Innenstadt: Gestern Vormittag stellten Vertreter des beauftragten Planungsbüros, Stadt und IHK, Fahrplan, Methodik und Zielsetzung vor. Das Projekt ist ambitioniert. Von Matthias Dahmer

Es gehe um nichts Geringeres als die Beantwortung der Frage, warum die Offenbacher überhaupt noch in die Innenstadt kommen sollten, umreißt Oberbürgermeister Felix Schwenke die Ausgangssituation. Frank Achenbach, Geschäftsführer des IHK-Vereins „Offenbach offensiv“, formuliert es noch drastischer. Es sei „höchste Eisenbahn“ für Veränderungen in der City. Er sieht einen Strukturwandel ungeahnten Ausmaßes auf die Innenstädte zurollen. Zugleich hat er aber eine große Bereitschaft in Offenbach wahrgenommen, sich auf den Weg zu machen.

Julian Petrin und Sven Lohmeyer vom Planungsbüro urbanista stellten den Fahrplan fürs Zukunftskonzept vor.

Diesen Weg ebnen soll das Hamburger Planungs- und Kommunikationsbüro urbanista. Bis zum Sommer des nächsten Jahres wird es unter Beteiligung lokaler Akteure ein Konzept gegen den Niedergang der Innenstadt erstellen. Ähnlich wie im Masterplan soll es einen verbindlichen Maßnahmenkatalog enthalten. Jeweils 100.000 Euro stellen Stadt und IHK-Verein für Planungen und eventuelle Umsetzung erster Maßnahmen zur Verfügung.

Der Ansatz der Hamburger: zunächst einmal so gut wie alle bisherigen Vorstellungen von der Funktion einer Innenstadt über Bord werfen. So wird angesichts des Internethandels der klassische Verkauf keine dominierende Rolle mehr spielen. „Das Monopol von Handel und Dienstleistungen wird aufweichen“, sagt urbanista-Chef Julian Petrin, der das Ende der „Nachkriegs-Innenstädte“ prophezeit.

Julian Petrin

Er kann sich etwa vorstellen, dass sich in Zeiten des 3D-Drucks vermehrt kleinere Produktionsstätten in der City ansiedeln. Zugleich wird der Erlebnisfaktor in der Innenstadt zunehmen, könnten Cafés entstehen, in denen es auch etwas zu kaufen gibt. Es gelte künftig Dinge zusammenzubringen, die bisher nebeneinander existieren, so Petrin. Als Beispiel dieser „Allianz aus Alt und Neu“ führt sein Kollege Sven Lohmeyer ein Projekt in Bochum an, wo urbanista ebenfalls den Innenstadt-Umbau begleitet. Dort sollen in ein ungenutztes Telekom-Gebäude gegenüber dem Rathaus Stadtbücherei, Volkshochschule und eine Markthalle einziehen, die täglich frische hochwertige Lebensmittel anbietet und zu einem kurzen gastronomischen Stopp einlädt.

Mit dem Wandel des Konsumverhaltens wird nach Ansicht der Planer die Innenstadt als Wohnstandort an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig müsse der öffentliche Raum mehr Aufenthaltsqualität bieten.

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Was die Bereitschaft der Gebäude-Eigentümer zur Veränderung angeht, sieht Petrin angesichts der Struktur in Offenbach weniger Probleme als etwa in Frankfurt, wo viele Immobilien von Fonds verwaltet werden, denen der lokale Bezug fehlt.

Im Planungsprozess setzt urbanista auf verschiedene Beteiligungsformen: Kern ist ein „Zukunftsclub Innenstadt“ eine Art Denkfabrik, bestehend aus etwa 20 Leuten, welche die Stadtgesellschaft abbilden und in regelmäßigen Abständen zusammenkommen. Begleitend dazu gib es im Januar und im April Publikumsveranstaltungen in Form öffentlicher Werkstätten. Impulse von Experten komplettieren den Prozess. Das Büro urbanista mit seinem 18-köpfigen Team, das sich bei einer Ausschreibung gegen vier Mitbewerber durchgesetzt hatte, wurde 1998 gegründet. Es ist bundesweit tätig, zu den Kunden zählen Kommunen, Verbände und Unternehmen.

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