In Offenbach statt in Türkei untergetaucht

Darmstadt/Offenbach - Das rührende Bild vor dem Gerichtssaal lässt die soeben verhandelte Straftat fast in den Hintergrund rücken: Nach der Urteilsverkündung liegen sich Attila A. , seine Lebensgefährtin und die drei gemeinsamen Kinder minutenlang vor dem Gerichtssaal weinend in den Armen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Wegen einer Schießerei vor 13 Jahren musste sich der 38-jährige Offenbacher Türke gestern vor dem Darmstädter Landgericht verantworten. Dank einer verfahrensbeendenden Absprache, die den Verzicht auf mehrere Verhandlungstage bedeutete, wusste Attila A. dreieinhalb Stunden nach Prozessbeginn bereits, wie er sein Verbrechen zu büßen hat: Die 11.Strafkammer unter Vorsitz von Richter Volker Wagner verurteilte ihn wegen versuchten Totschlags in drei Fällen in Tateinheit mit vollendeter gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Freiheitsstrafe. Damit gab das Gericht dem Antrag von Staatsanwältin Wajia Ayub statt. Sieben Monate davon hat er bereits in Untersuchungshaft verbüßt, wegen des langen Zeitraums werden ihm weitere 15 Monate als vollstreckt angerechnet.

Am besagten Abend war es - angeblich wegen einer Eifersuchtsgeschichte - zu einem Streit zwischen Ramazan C, Devrim A., Attila A. und den Brüdern Sveto und Srecho C. sowie B. gekommen. Im Laufe des Handgemenges zog der Angeklagte eine 635er- Browning und feuerte sieben Schüsse ab, die maximale Ladekapazität der „Babypistole“. Ein Schuss traf B. am Jackenreißverschluss, er blieb dadurch unverletzt, Srecho und Sveto erlitten Durchschüsse im Schulterbereich. Auch Attilas Bruder Devrim bekam versehentlich einen Bauchschuss ab.

Polizei wähnte ihn in der Türkei

A. galt nach der Tat am 8. April 1998 als flüchtig, die Polizei wähnte ihn in der Türkei abgetaucht. Im Oktober 2010 dann das große Staunen: Ramazan C., einer der Beteiligten der Schießerei von 1998 und wegen Schutzgelderpressung verhaftet, gab der Kripo einen heißen Tipp: „Ihr wollt den Attila? Dann schaut doch mal in der Feldstraße nach!“ Tatsächlich war der Gesuchte 13 Jahre lang in Offenbach bei seiner Freundin untergetaucht. Mit ihr hat er inzwischen drei Kinder und will sie in Kürze heiraten - seit er sich wieder öffentlich zeigen kann.

Von den umfangreichen kriminellen Machenschaften seiner jüngeren Zwillingsbrüder Deniz und Devrim, den ehemaligen Betreibern des Kampfsportstudios „Fight Club“ an der Großen Markstraße, distanziert er sich. Attila ist nicht vorbestraft und legte ein voll umfängliches Geständnis ab. Damit hat er die Beweisaufnahme des mit ursprünglich mindestens sechs Verhandlungstagen angesetzten Verfahrens erheblich verkürzt, was sich strafmildernd auswirkte. Auf die Milde eines offenen Vollzugs, für den Verteidiger Manfred Döring zur Familienversorgung plädierte, wollte sich Richter Wagner aber nicht einlassen. „Es hätte alles auch tödlich ausgehen können!“ war die eindeutige Botschaft in seiner Urteilsbegründung.

„Original Offenbacher Fall“

Zugute kam A. aber auch eine Kuriosität, die in der Umgangssprache von Polizei und Justiz schon als „Original Offenbacher Fall“ ihren Titel weg hat: mehrere Schussverletzte, und alle sind verschwunden. Denn auch im vorliegenden Fall waren es nicht die Geschädigten, die A. vor Gericht brachten. Wäre bei der Schießerei vor der früheren Gaststätte Boncuk in der Mathildenstraße nicht die Fensterscheibe des Friseurs Müller zu Bruch gegangen und hätte der Zeuge R. nicht wegen der vernommenen Schüsse die Polizei gerufen, wäre die Tat wahrscheinlich nie von der Justiz verhandelt worden.

Bezeichnend war auch, dass von den 20 geladenen Zeugen 14 nicht erschienen, unter ihnen auch die Opfer, denen an einer Bestrafung A.s offenbar nichts liegt. Trotzdem sah es Richter Wagner als Aufgabe der Schwurgerichts, „in Offenbach wieder für normale Verhältnisse zu sorgen“.

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