„In Offenbach steckt Potenzial“

+
Anna Köhler

Offenbach - Mit dem prüfenden Blick einer Ästhetin zupft Anna P. Köhler die hellblaue Schleife zurecht, die sie gerade um einen kleinen, weißen Karton gebunden hat. Etwa 40 Stück stapeln sich in ihrem kleinen Büro auf dem Gelände des Alten Schlachthofs in Offenbach. Von Katharina Skalli

Lange hat die Grafikerin überlegt, wie sie am besten für sich und ihre Arbeit werben kann und irgendwann kam die Idee mit dem Salz, das nun in Tütchen verpackt und mit einem frisch designten Anschreiben an Unternehmen in Offenbach und Umgebung verschickt werden. Ganz unter dem Motto: „Werbung ohne Würze ist wie Suppe ohne Salz“. Anna P. Köhler ist auf Kundenfang. In ihrem alten Job war sie unglücklich. Jetzt wagt die 25-Jährige den Sprung in die Selbständigkeit.

Schon bevor es soweit war, hat sie sich akribisch darauf vorbereitet. Die Wahl-Offenbacherin hat Vorträge besucht, sich über Marketing, Versicherungen und Kalkulationen informiert und in einem Businessplan klare Ziele formuliert.

Auch Anke Kratz ist seit einigen Monaten Geschäftsführerin, Designerin, Buchhalterin und Kundenberaterin in einer Person - wie Anna P. Köhler Gründerin in Offenbach. Im November 2010 eröffnete Anke Kratz ihr Schmuckgeschäft „Strandperle“ im Offenbacher Nordend. Vor einer meerblauen Wand mit Schriftzug, einer steinernen Meerjungfrau mit Perle, sitzt Anke Kratz hinter der kleinen Theke und schaut wie ein Kapitän, der gerade die letzte unentdeckte Insel erreicht hat. Vielleicht weniger verblüfft, dafür aber ähnlich glücklich. Die 39-Jährige arbeitet seit ihrem Studium und der Lehre zur Goldschmiedin als Selbständige, doch jetzt hat ihr Schmuck auch einen Platz an der Sonne. Dank des kleinen Ladens in der Taunusstraße erreicht die Designerin nun viel mehr Leute. „Mit einem Schaufenster spricht man viel mehr Menschen an“, sagt Anke Kratz. In ihrem Fenster liegen nicht nur glitzernde und glänzende Ohrringe, Ketten und Armbänder, dort wächst auch saftig grünes Gras aus kleinen weißen Holzbehältern. Das Herz der Goldschmiedin hängt an Naturformen. Ihre eigene Kollektion ist inspiriert von Mohnkapseln, Zimtröllchen und Anissternen. Aber sie erledigt auch die klassischen Arbeiten, die zum Juwelierhandwerk dazugehören. Alles, was die Kunden in dem Laden finden, erzählt von Strand und Meer, von Wind und samtig gespültem Holz auf Sand. Alle Stücke sind Unikate. Die Einrichtung ist sorgsam ausgewählt und platziert. Was noch fehlt, ist ein zweiter Arbeitsplatz, doch dafür hat die Unternehmerin noch kein Geld.

Platz für neue Ideen in Offenbach

Von ihrer Wahlheimat Offenbach fühlt sie sich unterstützt. Sie hat gute Kontakte zum Stadtteilbüro, dem Kreativforum im Ostpol und nimmt regelmäßig an den „Kunstansichten“ und den Künstlermärkten teil. „Ich finde Offenbach gut, weil es noch etwas wild ist und Platz für neue Ideen bietet“, sagt die Mutter von drei Kindern. Obwohl zur Selbständigkeit auch lästige Aufgaben, wie Steuern, Versicherungen und Ablage dazugehören, will sie diese Freiheit nie wieder aufgeben.

Anke Kratz und Anna P. Köhler stehen in Offenbach als Gründer nicht alleine da. Zum vierten Mal in Folge ist Offenbach Gründerstadt Nummer eins. In keiner anderen Stadt machen sich so viele Menschen selbständig. 4,2 Prozent der Offenbacher sind selbständig. Das ist bundesweiter Rekord. Der große Bruder Frankfurt landete in der letzten Statistik mit großem Abstand auf Platz zwei. In der kleineren Mainmetropole hat man das Potenzial der Bürger erkannt. Der Gründercampus Ostpol bietet nicht nur günstige Büros und Ateliers für Gründer und junge Unternehmer, sondern ist auch eine zentrale Anlaufstelle für Rat- und Kontaktsuchende. Das Beratungsunternehmen KIZ hat sich im Gründercampus angesiedelt und hilft beim Start in die Selbständigkeit. Wichtiger Teil der Arbeit ist das Beantragen von Fördergeldern. Viele wissen nicht, dass ihnen als Gründer oft von vielen Seiten unter die Arme gegriffen wird. Der Mikrokredit ist dabei nur eine Lösung.

Eine andere ist das EFRE-Förderprogramm der Europäischen Union. Seit Ende 2010 kümmert sich die sogenannte Planstation darum, dass die richtigen Menschen von dem Projekt erfahren und sie in ihrer Selbständigkeit begleitet werden. Verteilt werden die Gelder, die die Stadt im Rahmen des Projekts „Lokale Ökonomie“ beantragt und bewilligt bekommen hat, von einem Kuratorium.

Gründerin des Kreativstammtischs

Loimi Brautmann und Oliver Wittmann von der Planstation bilden das Duo, das vor allem junge Kreative unterstützen soll. Der HfG-Student und der Anwalt sind Spezialisten in Sachen Kreativwirtschaft und offen für die Anfragen und Sorgen der kreativen Nachwuchsunternehmer der Stadt. Aber auch etablierte Unternehmen können sich bei der Planstation melden und EFRE-Gelder beantragen. Das Förderprogramm „Lokale Ökonomie“ soll die regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung fördern. Die Wirtschaft im Fördergebiet, das sich hauptsächlich auf das Mathildenviertel, die Innenstadt und das angrenzende Nordend bezieht, soll gestärkt und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Beantragt werden können Gelder für alles, was das Arbeiten erst möglich macht oder erleichtert. Vom Computerprogramm und Visitenkarten über die Nähmaschine, bis zum Tacker oder Tischkalender. Wessen Idee für gut befunden wird, der erhält eine Unterstützung von bis zu 50 Prozent.

Von ihrem Bürofenster blickt Anna P. Köhler auf den alten Rundbogen des Schlachthofs. Schon einige kreative Köpfe haben hier ihre Anfänge bestritten. Und die Norddeutsche will bleiben, nicht nur der Liebe wegen, sondern auch, weil sie mittlerweile die Erfahrung gemacht hat, dass in Offenbach viel Potenzial steckt. Seit ihrem Start in die Selbständigkeit hat sie schon viele Kontakte geknüpft und den „Kreativstammtisch“ gegründet. Regelmäßig nimmt sie die Angebote der Stadt in Anspruch, hat schon Vorträge besucht und an Führungen teilgenommen. Am Ende jeder Veranstaltung zückt sie dann die selbstgestalteten Visitenkarten mit dem einprägsamen Logo ihrer Agentur „Köhler Kreation“. „Netzwerke sind wichtig“, sagt sie. Schon so manchen Auftrag haben ihr ein kurzes Gespräch und ihre offene Art eingebracht. Im Moment gestaltet sie eine Website für einen Anwalt und Broschüren für den lokalen Mittelstand. „Man muss am Ball bleiben und seine Kontakte pflegen“, sagt sie und lächelt. „Das hilft.“ Mit weiteren potenziellen Kunden ist sie im Gespräch. Die anfängliche Skepsis legt sich langsam. Seitdem die ersten Aufträge eintrudeln, kann sie auch wieder besser schlafen. Auch der Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit gibt ihr zumindest ein wenig Sicherheit. Wenn auch nur für die ersten neun Monate. Bis dahin will sie sich einen festen Kundenstamm aufgebaut haben. Gute Ideen und die nötige Portion Optimismus hat die junge Gründerin dafür.

Kommentare