„Hab’s wirklich gern gemacht“

Nach 26 Jahren: Stefan Grüttner räumt den CDU-Thron für Andreas Bruszynski

Andreas Bruszynski (links) ist der neue CDU-Vorsitzende.
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Andreas Bruszynski (links) ist der neue CDU-Vorsitzende.

Wachwechsel bei der CDU Offenbach: Der Neue lässt Gedanken an eine auch inhaltlich neue Ära gar nicht erst aufkommen.

  • Wachwechsel bei der CDU Offenbach
  • Andreas Bruszynski wird neuer Vorsitzender
  • Stefan Grüttner tritt nach 26 Jahren ab

Offenbach – Einen politischen Richtungswechsel brauche mit ihm niemand zu erwarten, verkündet Andreas Bruszynski, bevor ihn 35 der 38 im Haus des Handwerks anwesenden Delegierten für die nächsten beiden Jahre zum Vorsitzenden des 370 Mitglieder starken CDU-Kreisverbands Offenbach-Stadt wählen.

Wachwechsel bei der CDU Offenbach: Andreas Bruszynski wird neuer Vorsitzender

Bruszynski, Offenbacher des Jahrgangs 1963, Rechtsanwalt und hauptberuflicher Fraktionsgeschäftsführer, steht in tiefen Fußstapfen: Die hat sein Vorgänger nicht nur wegen seiner konkurrenzlos langen Amtszeit von 26 Jahren hinterlassen, sondern auch wegen prägender lokaler und landesweiter Funktionen mit viel Einfluss.

Der Wiesbadener Stefan Grüttner ist 1991 vom späteren Vorgänger Hermann Schoppe auf Anregung des damaligen Landesvorsitzenden Manfred Kanther nach Offenbach geholt worden – als Sozialdezernent einer Großen Koalition. Drei Jahre später machte Schoppe Platz für den Kronprinzen: 1994 im Amt des Kreisvorsitzenden, 1995 im Landtag.

Auf Hessen-Ebene machte Grüttner Karriere als Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Staatsminister und Chef der Staatskanzlei, Hessischer Sozialminister und Minister für Soziales und Integration. Bei der Landtagswahl im Oktober 2018 verlor Grüttner – aufgrund der politischen Großwetterlage, wie er sagt – das Offenbacher Direktmandat gegen den Grünen Tarek Al-Wazir und konnte trotz guter Platzierung auch nicht nachrücken. Im neuen hessischen Kabinett wurde er nicht berücksichtigt.

Wachwechsel bei der CDU Offenbach: Stefan Grüttner nennt SPD „hilflos“

An den Anfang seiner letzten Rede als Parteivorsitzender stellt Stefan Grüttner am Samstag die Kommunalpolitik: Die Koalition mit Grünen, FDP und Freien Wählern (die mahnt er wegen ihres Ausscherens bei Waldhof-West zur Vertragstreue) beschreibt er als Erfolgmodell im Kontrast zu einer „hilflosen SPD“; deren direkt gewähltem Oberbürgermeister belehrt er, dass er an Beschlüsse der Mehrheit gebunden sei.

Seine beispiellos lange Amtszeit von mehr als einem Vierteljahrhundert beschreibt Grüttner als gute, wenn auch manchmal aufregende Jahre. Es habe ihm immer Freude gemacht, das Amt des Vorsitzenden auszuüben: „Ich hab’s wirklich gern gemacht.“ Unnötige Personaldiskussionen habe er vermeiden können, letztlich auch erreichtes Ziel sei immer die CDU als bestimmende politische Kraft in Offenbach gewesen. Kontinuität geht nur durch Erneuerung, sagt er und weist auf die immer stärkere Einbindung der Jungen Union hin. Deren Vorsitzende Kim-Sarah Speer, so alt wie die Amtszeit Grüttners, bedankt sich später für tatkräftige Unterstützung – fünf Stadtverordnete aus der JU gab es vorher nie.

Nicht als Drohung verstanden wissen will Stefan Grüttner seine abschließende Ankündigung: „Aus der politischen Arbeit ziehe ich mich nicht zurück.“ Die Delegierten feiern den Scheidenden mit Applaus im Stehen.

Bürgermeister und Stadtkämmerer Peter Freier, der auch die Versammlung leitet, preist seinen ins zweite Glied tretenden Parteifreund als „begnadeten Manager und Organisator“. Ohne entsprechendes Talent werde man nicht Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer und Minister – dass 2015 die Flüchtlingsaufnahme in Hessen reibungslos verlaufen konnte, sei Grüttners Verdienst gewesen.

Wechsel an der CDU Spitze in Offenbach: Grüttner sei stets menschlich und empathisch gewesen

Als Parteichef habe sich Grüttner durch Menschlichkeit im besten christlichen Sinne und Empathievermögen ausgezeichnet, lobt Freier: mit viel Zuckerbrot, im notwendigen Moment aber auch mit der Peitsche, ohne dauerhaft zu verletzen. Stefan Grüttner erkenne das Potenzial von Menschen und lenke es in eigenverantwortliche Bahnen.

Einer, der über ihn an exponierte Stelle gelangte, ist Fraktionsvorsitzender Roland Walter. Der Unternehmer, einst eigentlich „Karteileiche“ der CDU, erinnert sich, dass die erste Begegnung mit dem großen Vorsitzenden „Elemente einer Audienz“ hatte und ihm Skepsis entgegengeschlagen sei: weil Selbstständigen erfahrungsgemäß schnell die Lust an der Kommunalpolitik verloren ginge. Vom „durch und durch politischen Menschen“, der das geschlossene Gesamtbild der Offenbacher Union verantworte, habe er dann aber viel lernen dürfen.

Der Dank der Offenbacher CDU war Stefan Grüttner und seiner Ehefrau Gitta gewiss.

Walter obliegt es zudem, den Dank an Grüttners Ehefrau Gitta zu übermitteln. Deren tatkräftige und moralische Unterstützung sei für die CDU „der Beifang ehelicher Verpflichtungen“.

Offenbach: Wechsel an der CDU-Spitze – Andreas Bruszynski „kein besonders eng beschriebenes Blatt“

Der vom Vorgänger designierte Nachfolger räumt ein, dass er, wie von unserer Zeitung formuliert, außerhalb von Partei und Fraktion „kein besonders eng beschriebenes Blatt“ sei. Als Vorsitzender will Andreas Bruszynski das ändern. 1980 ist er in die Junge Union eingetreten, 1982 in die CDU, hat sich zunächst auf seine juristische Karriere konzentriert. „Stefan Grüttner hat mich wieder an Bord geholt“, erzählt er. Ihm sei bewusst, dass er landesweit nicht das Gewicht seiner Vorgänger haben könne, dürfe sich aber der Unterstützung Grüttners gewiss sein.

Für den Erfolg – und der ist für ihn auch die Rückkehr der CDU als stärkste politische Kraft in Offenbach – sei aber nicht nur entscheidend, wer in der ersten Reihe stehe, sagt Andreas Bruszynski: „Ich trete als Teil eines Teams an, denn unsere Stärke ist Geschlossenheit.“

An der rüttelt auch nicht der völlig überraschende Auftritt eines sich selbst vorschlagenden Bewerbers. Der 25-jährige Jung-Unternehmer Dennis Nowak, erst seit letztem August CDU-Mitglied, bekommt keine Stimme.

Wechsel an der Spitze der CDU Offenbach: 35 von 38 Delegierten wählten Andreas Bruszynski zum Nachfolger von Stefan Grüttner. Stefan Grüttner wollte nicht noch länger Vorsitzender der CDU in Offenbach sein. Er war länger als ein viertel Jahrhundert im Amt. 

VON THOMAS KIRSTEIN

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