Hospize vor Herausforderungen

Sterbebegleiter in der Corona-Krise: Der körperliche Kontakt fehlt

Am Haupteingang des Hospiz Fanny de la Roche sind die Besuchs- und Hygieneregeln vermerkt, die jeder Besucher zu beachten hat.
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Am Haupteingang des Hospiz Fanny de la Roche sind die Besuchs- und Hygieneregeln vermerkt, die jeder Besucher zu beachten hat.

Die derzeitigen Kontaktbeschränkungen stellen Trauer- und Sterbebegleiter wie die Ökumenische Hospizbewegung oder das Hospiz Fanny de la Roche vor große Herausforderungen.

Offenbach – Staatlich verhängte Kontaktbeschränkungen gelten auch für ambulante und stationäre Hospize in Offenbach. Die ökumenische Hospizbewegung am Platz der Deutschen Einheit hat daher entschieden, auf den persönlichen Kontakt zu ihren Patienten zu verzichten. Für Birgit Winter, Koordinatorin der karitativen Einrichtung, stellen die Verordnungen eine massive Beschneidung der Sterbebegleitung dar: „Unsere Arbeit ist geprägt von Nähe und körperlichem Kontakt. Das geht nicht über Telefon oder Video.“

Auch Rosemarie Schmidt, die als ehrenamtliche Hospizhelferin für den Verein arbeitet, erlebt die Folgen des Besuchsverbotes hautnah. „Es ist eine traurige Erfahrung, keinen persönlichen Kontakt mehr zu haben“, sagt die 70- Jährige. Vor den Beschränkungen war sie Begleiterin von Andrea Kittel (Name von der Redaktion geändert), die an metastasierendem Brustkrebs leidet.

Schmidts Beziehung zu Kittel und deren siebenjährigen Sohn ist eng. So eng, dass sie, wenn die Mutter einmal stirbt, weiter eine Bezugsperson für das Kind sein möchte. „Ihr Sohn vertraut mir“, erzählt Schmidt wehmütig. Die beiden hatten sogar schon eine gemeinsame Fahrradtour geplant. Das Besuchsverbot macht dieses Vorhaben vorerst unmöglich. Und auch Andrea Kittel muss auf die helfende Hand von Rosemarie Schmidt verzichten.

Aber die Schwerstkranke hat Verständnis für die Maßnahmen: „Meine Begleiterin gehört wie ich zur Risikogruppe, daher gehe ich mit den Bestimmungen konform.“ Für ihren Sohn sei es zwar eine blöde Situation, aber auch er verstehe es, meint sie.

Schmidts Hilfe fehle ihr trotzdem, vor allem nach den Chemotherapien. „Die Behandlungen sind eine große körperliche Belastung, und danach bin ich oft müde“, sagt Kittel. Vor dem Besuchsverbot kümmerte sich Rosemarie Schmidt in der Zeit, in der sich Kittel von den Behandlungen erholte, um den Sohn. Das ist nun nicht mehr möglich. Doch nicht nur für Mitarbeiter und Patienten der ambulanten Sterbebegleitung bedeuten die Kontaktbeschränkungen einen veränderten Arbeitsalltag. Auch auf stationäre Hospize haben sie eine Wirkung.

„Das eigentliche Hospizleben ist natürlich eingeschränkt“, erzählt Margarete Stirner, Leiterin des katholischen Hospizes Fanny de la Roche am Ketteler-Krankenhaus. Auch dort ist körperlicher Kontakt mit den Bewohnern untersagt.

Für Stirner und ihre Kollegen ist dies eine zusätzliche Belastung, da sie die Bewohner oder deren Angehörige nicht mehr in den Arm nehmen können, um Trost zu sprenden. „Es ist alles distanzierter“, sagt sie.

Für die Angehörigen hat sich die Situation ebenfalls verändert. Zwar sind Besuche – dank einer Ausnahmeregel – weiterhin möglich, doch dürfen diese nur unter strengen Auflagen erfolgen: Die Zimmer dürfen nur von jeweils einer Person und unter Einhaltung der Hygienevorschriften betreten werden. Die Besucher sind auch hier verpflichtet, einen Mundschutz zu tragen, und sobald sie das Patientenzimmer betreten haben, müssen sie sich dort die Hände waschen und desinfizieren.

Um unnötigen sozialen Kontakt zu vermeiden, führen die Mitarbeiter der Einrichtung den einzelnen Angehörigen über den Garten und die Terrasse direkt ins Zimmer des Bewohners. Dort trägt sich der Besucher in eine Liste ein und hält später fest, wann und wie lange er sich wo aufgehalten hat. Auf diesem Weg kann eine mögliche Infektionskette nachvollzogen werden.

Trotz der schwierigen Situation sind sich sowohl die Mitarbeiter und die Bewohner als auch deren Angehörige einig, dass es zu den beschlossenen Maßnahmen keine Alternative gibt. „Unsere Gäste und deren Angehörige gehen gut mit der Situation um“, versichert Margarete Stirner.

Infos gibt es im Internet auf hospiz-offenbach.de.

VON JOSHUA BÄR

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