"Orte der Erinnerung"

Ein Streifzug durch die jüdische Geschichte in Offenbach

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts lässt sich die Geschichte jüdischen Lebens in Offenbach zurückverfolgen.
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Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts lässt sich die Geschichte jüdischen Lebens in Offenbach zurückverfolgen. 

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts lässt sich die Geschichte jüdischen Lebens in Offenbach zurückverfolgen. Einer, der sie genau kennt, ist Anton Jakob Weinberger, Vorsitzender der Max Dienemann/ Salomon Formstecher-Gesellschaft.

Offenbach – Unter der Überschrift „Sachor – Orte der Erinnerung“ führt er am gestrigen Sonntag alle Interessierten, die sich trotz wechselhaften Wetters auf die Straße gewagt haben, an historisch relevante Stellen der Innenstadt. Orte voller Geschichte und Geschichten.

„Die damalige Herrengasse – heute Herrnstraße – war um 1699 die erste Ansiedlung der Hugenotten“, berichtet Weinberger. „Das ist für die jüdische Geschichte insofern von Bedeutung, als nahezu zeitgleich Juden in Offenbach angesiedelt wurden.“ Vereinzelt habe es bereits vorher welche gegeben. „Entscheidend ist: Nach dem 30-jährigen Krieg lag Offenbach wirtschaftlich und städtebaulich darnieder, war mehr oder weniger eine Ruinenstadt.“ 

Offenbach: Aufbau der Stadt durch Zuwanderung

Der Isenburger Graf Johann Philipp habe damals sehr marktwirtschaftlich gedacht. Seine Idee, wie man die Stadt wieder aufbauen könne: Zuwanderung. „Also hat er die hugenottischen Glaubensflüchtlinge in die Stadt geholt und danach die Juden.“ Während Erstgenannte in der damaligen Stadtgesellschaft einige Privilegien genossen, drängte man die Juden an den Rand Offenbachs. Ein Großteil des jüdischen Lebens spielte sich in der „Großen Judengasse“ ab, die seit 1822 Große Marktstraße heißt. An der Ecke zur Hintergasse, wo heute eine Rossmann-Filiale liegt, befand sich ab etwa 1729 die Synagoge. Dort beginnt Weinbergers Stadtrundgang.

„Wir sehen hier eigentlich einen Zufallsfund“, sagt er. „Der Eigentümer des Hauses wollte die Fassade sanieren.“ Darunter lagen die ursprünglichen Grundmauern der Synagoge. Bis heute ist die originale Mauer auf der Seite der Hintergasse zu sehen.

2012 ließ dann die Dienemann/Formstecher-Gesellschaft dort mit Fördermitteln der Frankfurt-Offenbacher Dr. Marschner-Stiftung eine Skulptur errichten, die auf die kulturelle Bedeutung des ansonsten so unscheinbaren Ortes verweist: Die „Stele der Erinnerung“.

Offenbach: Nazis schlossen jüdische Geschäfte 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so berichtet Weinberger, war die jüdische Gemeinde schließlich so groß, dass es einer geräumigeren Stätte bedurfte. Mehr als 1300 Juden besuchten die Synagoge, und gerade einmal 70 hatten in ihr Platz. 1916 wurde also die neue in der Goethestraße eingeweiht. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstörten Anhänger des faschistischen NS-Regimes ihre Inneneinrichtung. Heute befindet sich darin das Capitol-Theater.

Ein lebendiger, bunter Ort war auch die „Große Judengasse“, bevor die braune Diktatur alle Vielseitigkeit aus ihr tilgte. Weinberger erinnert an Geschäfte wie das Schuhhaus Strauss, das von den Nazis dichtgemacht wurde. Nur eine Parallelstraße weiter fiel das Kaufhaus Oppenheimer der Arisierung zum Opfer. Unter dem Namen Kalberlah wurde es bis lange nach dem Dritten Reich geführt. 

Offenbach: Stolpersteine erinnern an Schicksale

Vor der Filiale des Billig-Geschäfts Tedi an der Frankfurter Straße zeugen zwei Stolpersteine vom tragischen Schicksal zweier besonderer Mitglieder der jüdischen Gemeinde: Bekleidungshändler Hermann Hirschen und seine Frau Johanna. Beide wurden deportiert. „Hermann Hirschen war, was man heute ein Marketing-Genie nennen würde“, so Weinberger. 

Jeden Freitag annoncierte der Unternehmer mit selbst gezeichneten Karikaturen zum Weltgeschehen in der Zeitung. Diese Bilder erfreuten sich bei der Kundschaft ebensolcher Beliebtheit wie die Kleidung, die Hirschen verkaufte. „Die Leute standen freitags immer Schlange“, erzählt Anton Jakob Weinberger, bevor es in den Büsingpark ging: Dort erinnern drei Wegenamen an die weltweit erste Rabbinerin Regina Jonas sowie die Reform-Rabbiner Salomon Formstecher und Max Dienemann, die einst das kulturelle Leben in Offenbach bereicherten.

VON MARIAN MEIDEL

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