Der Mensch im Mittelpunkt ?

Streit um Qualifizierungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose

Offenbach - Miese Lernbedingungen, unbrauchbare Kurse – Langzeitarbeitslose, die von der städtischen Mainarbeit in eine Qualifizierungsmaßnahme geschickt wurden, erheben in einer Petition schwere Vorwürfe gegen den Bildungsträger. Von Matthias Dahmer 

Der weist das zusammen mit dem Jobcenter zurück. Zehn Millionen Euro pro Jahr gibt die Mainarbeit für Maßnahmen zur Qualifizierung und Eingliederung von Langzeitarbeitslosen aus. Ob das immer gut angelegtes Geld ist, daran haben Markus S. (50) und Hassan M. (30) so ihre Zweifel. Der einst selbstständige Mediengestalter S. und der gelernte Bürokaufmann M., die ihre richtigen Namen nicht genannt haben wollen, sind seit Jahren ohne Job. Bis vor wenigen Wochen waren sie Teilnehmer einer Qualifizierungsmaßnahme beim Bildungszentrum Bauer an der Domstraße, einem von rund 30 Anbietern, mit denen die Mainarbeit zusammenarbeit.

Frustriert vom Inhalt der Kurse und den allgemeinen Umständen dort haben sie nach einem Gespräch mit Dr. Wolfgang Christian, dem Ombudsmann für die Mainarbeit, eine Petition verfasst. Diese ist in kurzer Zeit von mehr als 40 weiteren Teilnehmer im Bildungszentrum Bauer unterschrieben worden. Die Vorwürfe reichen von Mängeln bei der räumlichen Ausstattung über unfreundliche Mitarbeiter bis hin zu ungeeigneten Kursen und Überwachung des Privatlebens der Teilnehmer.

Kurse belegt und nichts gelernt

Markus S., ein eloquenter, dynamischer Rheinländer mit Millimeter-Frisur und schwarzer Hornbrille, hat im Bildungszentrum mehrere Kurse belegt. Und dabei nichts gelernt, wie er sagt: So habe sich etwa ein PC-Kurs darin erschöpft, im Software-Programm Outlook eine E-Mail-Adresse anzulegen. Regelmäßig würden die Teilnehmer für Stunden an den Computer gesetzt, um nach Jobangeboten zu suchen. „Normalweise waren die Angebote nach zehn Minuten durchgeschaut“, sagt S. Sein Mitstreiter Hassan M., ein jugendlich aussehender Offenbacher mit marokkanischen Wurzeln, ergänzt: „In den Kursen haben auch Leute mit schlechten Deutschkenntnissen gesessen, teilweise waren welche dabei, die nicht lesen und nicht schreiben konnten.“ Sein Eindruck: Leistungsbezieher werden in Maßnahmen gesteckt, damit sie nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auftauchen.

Die beiden berichten zudem davon, dass Teilnehmer überwacht worden seien. Man habe etwa mit Anrufen bei Ärzten kontrolliert, ob der Betreffende tatsächlich krank sei. Dabei habe sich der Anrufer als Angehöriger des Teilnehmers ausgegeben.

Was die Missstände angehe, hätten ihnen hinter vorgehaltener Hand Fallmanager der Mainarbeit und Dozenten im Bildungszentrum zugestimmt, sagen die Hartz-IV-Bezieher. Wegen ihrer Aktivitäten seien sie dann aus der Qualifizierungsmaßnahme rausgeflogen.

Kontrollen bei Krankheit

„Kritik nehmen wir ernst, aber in diesem Fall gibt es keine Missstände“, widerspricht Matthias Schulze-Böing, Chef der Mainarbeit. Mit diesem Bildungszentrum sei man Punkt für Punkt durchgegangen und könne alles widerlegen. Bevor er in Details geht, weist er auf Zahlen zum Fall hin: Von 389 meist langzeitarbeitslosen Teilnehmern seien 103 am Ende in einem sozialversicherungspflichtigen Job untergekommen. Schulze-Böing: „Das ist ein ordentliches Ergebnis.“ Mit Bauer, betont er, arbeite man schon lange zusammen und sei ausgesprochen zufrieden.

Was Kritik an Inhalten angeht, gibt Schulze-Böing zu bedenken, Kunden würden ihre Fähigkeiten oft anders einschätzen als eine neutrale Stelle. Und wer sich unterfordert fühle, könne sich jederzeit an einen Berater oder Dozenten wenden. Dass Teilnehmer verfolgt würden, weist der Mainarbeits-Chef zurück. Man versuche etwa bei längerer Krankheit, den Kontakt mittels Hausbesuchen zu halten. Natürlich gehe es auch um die Verhinderung von Missbrauch wie Schwarzarbeit. Bei den Kosten hält sich Schulze-Böing bedeckt. Man mache keine Vertragsdaten öffentlich. Der Preis liege aber deutlich unter 700 Euro pro Teilnehmer und Monat.

Top Ten der unbeliebten Berufe

Rund 13.000 Jobsuchende betreut die Mainarbeit. „Bei so vielen Kunden gibt es immer welche, die unzufrieden sind“, sagt Schulze-Böing. Er sieht keinen Reformbedarf am System: Das Sozialgesetzbuch II sei eins der großzügigsten Versorgungssysteme in Europa, worum Deutschland auch beneidet werde. „Es ist aber keine Dauerrente“, sagt Schulze-Böing. Werner Bauer, Inhaber des 1996 gegründeten und mittlerweile sechsmal in der Region vertretenen Bildungszentrums, lässt in einer ersten Stellungnahme durchblicken, dass er Markus S. und Hassan M. schlicht für Drückeberger hält: Probleme gebe es halt immer mit Menschen, die keine Stelle auf dem Arbeitsmarkt anstrebten. Dass die Kritiker mit Analphabeten im Kurs gesessen hätten, weist er zurück.

In einer ausführlichen Stellungnahme, in der auch mehrere zufriedene Teilnehmer zitiert werden, weist die Firma unter anderem darauf hin, dass die Initiatoren der Petition die Liste mit den Kritikpunkten den Teilnehmern nicht vorgelegt, sondern nur suggeriert hätten, es gehe um eine Kaffeemaschine.

Eine aktuelle schriftliche Befragung habe ergeben, bei 96,7 Prozent der Teilnehmer bestehe ein guter bis sehr guter Eindruck hinsichtlich der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter. Kein einziger sei unzufrieden mit dem Personal. Bei der Aktivierung der Kunden und deren Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung orientiere man sich an einem festen Grundsatz: „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch.“

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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