Stadt will Gutachten vorlegen

Ärger in Offenbach: Streit um Setzrisse an Innenstadt-Immobilien – „Neue Eskalationsstufe“  

Auf den ersten Blick intakte Wohnhäuser. Doch bei genauerem Hinschauen zeigen sich an und in vielen Immobilien in der Krafftstraße Setzrisse. Für die Hauseigentümer sind in erster Linie die städtischen Bäume dafür verantwortlich.
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Auf den ersten Blick intakte Wohnhäuser. Doch bei genauerem Hinschauen zeigen sich an und in vielen Immobilien in der Krafftstraße Setzrisse. Für die Hauseigentümer sind in erster Linie die städtischen Bäume dafür verantwortlich. Im Rathaus sieht man das anders.

Seit nunmehr drei Jahren streiten sich Wohnungs- und Hauseigentümer in der Innenstadt von Offenbach mit der Stadt über die Ursache von Setzrissen an ihren Immobilien.

Offenbach – Während die Betroffenen im Mathildenviertel vor allem die großen Säuleneichen vor den Gebäuden als Verursacher der Schäden ansehen, welche klimabedingt dem Boden mehr Wasser als früher entzögen, hat die Stadt im Herbst und Winter des vergangenen Jahres umfangreiche Gutachten in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen, das heißt, nach beinahe einem Jahr, vorliegen. Unterdessen werden die Risse an den Immobilien massiver und es sind immer mehr Gebäude betroffen.

Als „neue Eskalationsstufe“ bezeichnet Rüdiger Werner den Umstand, dass sich vergangene Woche am denkmalgeschützen Haus Karlstraße 18 kiloschwere Teile der Fassade gelöst haben und auf den Gehweg gestürzt sind. Werner: „Ein Zusammenhang mit den Setzungsgeschehnissen ist augenscheinlich. Wir erachten das Verhalten der Stadt Offenbach in diesem Zusammenhang als grob fahrlässig.“

„Die Stuckteile sind aufgrund der immer fortgesetzten Gebäudebewegung abgestürzt“, ergänzt Stefan Prinz, dessen Wohnung in der Krafftstraße ebenfalls erhebliche Risse aufweist. Auf die Gebäudebewegung habe man die Stadt 2018 erstmals hingewiesen. Prinz: „Zuletzt baten wir seit Januar mehrfach schriftlich um das Bodengutachten aus dem vergangenen Winter, das die Stadt seitdem zurückhält. Es wäre die Basis für eine sachkundige Gesamteinschätzung eines Statikers mit Empfehlung einer tragfähigen Sanierung.“ Die Fassade sei ansonsten in einem sehr guten Zustand. „Hätte die Stadt das fertige Gutachten noch vor der Hitzeperiode ausgehändigt, wäre die Sicherungsmaßnahmen längst abgeschlossen“, ärgert sich Stefan Prinz. Nun richte sich der bange Blick auf andere Fassaden im Viertel, die in einem teils wesentlich schlechteren Zustand seien.

Petra Graf, deren Immobilie ebenfalls betroffen ist, erinnert an die lange Vorgeschichte: „Schon seit mehreren Jahren fordern die Eigentümer aufgrund von geologischen Gutachten die Fällung der nicht standortgerechten städtischen Säuleneichen, da die Bäume das benötige Wasser dem Rupelton entziehen und dadurch eine erhebliche Gefahr für die Bausubstanz der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude entsteht.“ Die Stadt habe diese Gutachten aufgrund von fehlenden baumphysiologischen Untersuchungen nicht anerkannt. Allerdings, so Graf weiter, erwarte man nun von den städtischen Gutachten keine neuen Erkenntnisse. Sie geht davon aus, dass die städtische Argumentation darauf hinausläuft, die Bäume müssten aufgrund des Klimawandels erhalten werden, zumal wissenschaftlich kein Kausalzusammenhang begründet werden könne. Den Eigentümern werde geraten, den Baugrund ihrer Häuser mit speziellen Injektionsverfahren stabilisieren zu lassen. Graf: „Sollte das Ergebnis so ausfallen, können die Eigentümer vor Gericht ziehen und das Gutachten anzweifeln. Das bedeutet aber kostspielige und langjährige Auseinandersetzungen mit offenem Ausgang.“ Das könne sich nicht jeder Eigentümer leisten.

Baudezernent Paul-Gerhard Weiß wirbt um Verständnis dafür, dass die Gutachten so lange Zeit benötigten. Man habe den Boden, die Bäume, den Kanal und nicht zuletzt die Risse unter die Lupe nehmen lassen. Damit sei man erst im Juli fertig geworden. Die Ergebnisse würden demnächst vorliegen. „Allerdings werden wir sie zunächst nur den beiden Hauseigentümern mitteilen, die auf Kosten der Stadt eine Begutachtung ihrer Immobilien zugelassen haben.“ Eine Veröffentlichung der Ergebnisse sei dann deren Sache. Unabhängig davon werde die Stadt Mitte Oktober einen Leitfaden für betroffene Hauseigentümer vorstellen.

Petra Graf moniert die geplante Veröffentlichungsstrategie: Auch im öffentlichen Bereich, an Bürgersteigen und Hauswänden, seien Proben entnommen worden. Daher hätten alle Eigentümer das Recht auf Bekanntgabe der Ergebnisse. Die Weigerung der Stadt sei auch deswegen befremdlich, weil das Parlament erst im Juni beschlossen habe, alle Informationen von allgemeinem öffentlichen Interesse auf der städtischen Internetseite zu veröffentlichen. Dazu gehörten ausdrücklich „von der Stadt eingeholte Gutachten“. Petra Graf: „Wie lange will die Stadt die Eigentümer noch hinhalten?“

Von Matthias Dahmer

Kiloschwere Fassadenteile haben sich an einem Haus in der Karlstraße gelöst.
Auch an der kirchlichen Kita in der Krafftstraße zeigen sich mittlerweile deutliche Risse.
Riss in der Krafftstraße 13. In den Spalt passt mühelos eine 50-Cent-Münze.

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