Zehnjähriges Bestehen der Kabarettnächte

Fünf Facetten der Komik

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Während Michael Feindler beim Sinnieren über Sexismus etwas ernstere Töne anschlug, schlüpfte Eva Eiselt in die Rolle eines Großvaters, der über kontrollsüchtige Helikoptermütter nur den Kopf schütteln kann.

Offenbach - An Humor in den unterschiedlichsten Tönen und Darbietungsformen durfte sich das Publikum bei „(R)Evolution Jetzt!“ erfreuen, einem Best- Of-Abend anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Südhessischen Kabarettnächte. Von Marian Meidel 

Von satirischen Chansons bis hin zu pointiertem Charakterspiel reichte das Programm in der VIP-Lounge des Kickers- Stadions am Bieberer Berg. Die erste Pointe gibt’s bereits, bevor überhaupt jemand die Bühne betreten hat. „Sieht ja aus wie auf Mallorca hier“, meint ein Besucher mit Blick auf die Stuhlreihen. Eine Dreiviertelstunde vor Vorstellungsbeginn hängen auf den leeren Sitzen schon so viele Jacken, dass es den Gast wohl an die beliebte Touristenpraxis erinnert, sich die besten Strandliegen zu sichern, indem man sein Handtuch auf ihnen platziert.

Tatsächlich erfreut sich „(R)Evolution Jetzt!“, das Jubiläumsprogramm anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Südhessischen Kabarettnächte am Freitagabend einer solchen Popularität, dass zahlreiche Besucher besonders früh im VIP-Bereich des Kickers-Stadions eintreffen, um sich gleich möglichst gute Plätze zu reservieren.

Es soll ihnen nicht zum Nachteil gereichen, denn dass das Moderatoren-Duo Onkel Fisch (Adrian Engels und Markus Riedinger) seine schwungvollen Nummern als „Action-Kabarett“ bezeichnet, kommt nicht von ungefähr. Ob sie mit großen Gesten in Zeitlupe nachstellen, wie die unterschiedlichen Staatschefs auf Donald Trumps brachialen Händedruck reagieren, oder beim Sich-Ereifern über demokratiefeindliche Strömungen wild durcheinander schreiend über die Bühne springen – an Dynamik mangelt es den beiden nicht.

Dass dabei sprachlich nicht jeder Gag gleich gut zündet, ist bei so viel amüsantem Spektakel verschmerzbar. „Erdogan hat persönlich den Tourismus-Slogan der Türkei entworfen“, heißt es einmal. Er laute: „Türkei – das Land, wo sogar die Meinungsfreiheit baden geht.“

Weg vom klassischen Kabarett, hin zu Chanson und Gedicht führt der Auftritt von Michael Feindler. „Artgerechte Spaltung“ lautet der Titel seines Programms, und Feindler trifft es selbst schon ganz gut, wenn er zu Beginn sagt: „Ich bin heute fürs Besinnliche zuständig.“ Mit Geschlechterrollen, Sexismus und dem Streben nach Gleichberechtigung befasst er sich. Nachdenklich, oft überraschend ernst und jenseits klassischer Pointen-Komik. Bissig wird er, wenn er auf Junggesellenabschiede zu sprechen kommt und schildert, wie er unlängst einem solchen begegnete. Der „Bräutigam im Ganzkörperkostüm seines primären Geschlechtsorgans“ habe kleine Latexprodukte verteilt, „die ihn hätten verhindern können.“

In Rollen zu schlüpfen ist auch die Spezialität von Eva Eiselt. Am Freitagabend reißt sie das Publikum als etwas simpler Großvater, der sich über kontrollsüchtige Helikoptermütter wundert, zu großem Gelächter und Applaus hin.

Mit schauspielerischer Finesse lässt sie ihre Figur berichten, wie sie mit einem besonders rabiaten Exemplar ins Gespräch kam, und dieses am Ende einer besonders absurden Situation resümierte: „Man muss den Kindern Grenzen setzen.“ Daraufhin der Opa: „Grenzen setzen, ja. Aber das hier ist ein pädagogischer Todesstreifen.“

Klavier-Comedy in der Tradition von Rainald Grebe steht bei Anna Piechotta auf dem Programm. Vom süffisanten Anti-Raucher-Lied inklusive „Röchel-Solo“ bis hin zur persönlichen Abrechnung mit ungeliebten Prominenten in Form eines Gebets bringt Piechotta die Zuschauer nicht nur zum Kichern, sondern auch zum Mitsingen.

Zum Abschluss des Abends feuert Sebastian Schnoy noch ein Pointen-Feuerwerk ab. Zum Beispiel im Bezug auf Handys und das Problem, dass man oft aus Versehen jemanden anruft, während man unterwegs ist und das Telefon in der Hosentasche hat. „In den Siebzigern gab es das nicht, dass sich jemand aus Versehen im Flur auf die Wählscheibe gesetzt und jemanden angerufen hat.“

Der Abend im Stadion endet mit tosendem Applaus – und das ganz ohne Fußball.

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