Die Nähe als Hindernis

Theateratelier 14 H dürfte wieder aufführen - mit sechs Zuschauern

Nur auf den gelben Kissen dürfte ein Zuschauer im Theateratelier sitzen. Foto: Theresa Ricke
+
Nur auf den gelben Kissen dürfte ein Zuschauer im Theateratelier sitzen. 

„Jetzt hab’ ich keine Freude mehr, und fühle mich einsam wie nie. Die hat mir das Sabbern ganz verdorben, diese Corona-Pandemie. “ Darauf folgt großes Gejaule, und ein trauriger Hund bleibt zurück. Es ist eine Szene aus dem Stück „Kuhrona“ des Theaterateliers 14 H. 

Offenbach - Eigentlich sollte im Mai im Rahmen der Vorstellungsreihe „Süßer Sonntag“ die „Kuh Rosmarie“ für Kinder aufgeführt werden, was bekanntermaßen nicht möglich gewesen war.

Damit die Kinder den Kontakt zum Theater nicht verlieren, haben die beiden Leiterinnen und aktive Schauspielerinnen des Projekts Bleichstraße 14 H Ulrike Happel und Sabine Scholz das Stück umgeschrieben und die Neuinszenierung aufgezeichnet. Das Video ist für jeden auf der Webseite des Theaterateliers zu sehen. Die Kuhrona geht um und maßregelt alle Tiere, die sie sieht: Der Hund hat seinen Futternapf keine 1,5 Meter entfernt vom Nachbarfutterplatz gestellt und außerdem ist sein Sabbern ohne Mundschutz gefährlich. Das Huhn wird zum Eierlegen ins Homeoffice geschickt. Außerdem sollte sich das Schwein besser am ganzen Körper desinfizieren und der Goldfisch muss aus dem Wasser raus, weil die Schwimmbäder geschlossen sind. Für die Kuhrona gilt nur eins, sich an die Vorschriften zu halten.

Die „Kuh Rosmarie“: vor Corona, ohne Abstand. 

Das Angebot wird angenommen, wie die Darstellerinnen von Grundschulen erfahren haben: „Das Video wird mit den verkleinerten Klassen der vierten Jahrgangsstufe, die anwesend sein dürfen, im Unterricht geguckt und anschließend werden die Regeln und Maßnahmen in der Corona-Krise besprochen“, sagt Happel.

Das Kindertheater und Theaterprojekte mit Kindern sind ein großes Standbein des Theaterateliers. Sowohl die Aufführungen als auch Projekte an Schulen finden derzeit nicht statt. Denn was geboten werden könnte, wenn es unter den Corona-Auflagen Vorführungen im kleinen Theater im Hinterhof der Bleichstraße 14 geben würde, stünde in keinem Verhältnis zum Aufwand. Es dürften nur sechs bis sieben Zuschauer anwesend sein. „Kein Zuschauer dürfte einem anderen näher als 1,5 Meter kommen, wenn er von seinem Platz aufstehen und auf die Toilette gehen würde. So kommen wir auf nicht mal zehn Zuschauer. Das ist unsinnig, so zu spielen“, erklärt Ulrike Happel.

Das Theater in den Räumen der Bleichstraße bezeichnen die beiden Schauspielerinnen als ein intimes Theater, das von der Verbindung und der Nähe zu den Zuschauern lebt. Im Abendprogramm und bei Familienvorstellungen ist normalerweise Platz für 70 Zuschauer, bei Gruppenveranstaltungen können 90 Kinder zusehen. Das Theater hat eine Fläche von 110 Quadratmetern, inklusive der 30 Quadratmeter großen Bühne. Das Publikum – besonders wenn es sich dabei um Kinder handelt – könne durch die Nähe besser verstehen, was auf der Bühne passiert.

Aber auch in der Zuschauermenge zu sitzen, kann eine Selbstreflexion bei Kindern auslösen: Lache ich nur, weil mein Sitznachbar lacht oder finde ich tatsächlich lustig, was ich sehe und höre? Die Kinder lernen dabei von einander. Reaktionen des Publikums gehören zum Theater dazu, werden allerdings ausgebremst, wenn der Einzelne als Quelle der Reaktion auszumachen ist.

Es ist auch eine schwierige Zeit für Schauspieler, die ihren Beruf kaum ausüben können. Sabine Scholz hat auf der Bühne eine ganze Zeit lang das genaue Gegenteil zu dem heutigen Abstandhalten gemacht: Improvisationstheater über menschlichen Kontakt. „Menschen brauchen Kontakte“, sagt die Schauspielerin und fügt hinzu: „Die Theaterarbeit besteht aus dem Spiel zwischen Nähe und Distanz. Sonst entsteht nichts.“ Trotzdem wollen die beiden Frauen nicht aufhören, um den Erhalt des Theaterateliers zu kämpfen. Momentan ist der Verein abhängig von Spenden. Die Stadt hat die Initiative „future OF culture – Unterstütze deinen Lieblingskulturort“ gegründet, bei der auch für das Theateratelier gespendet werden kann. Fördergelder für kulturelle Projekte darf das Theater in dieser Ausnahmesituation auch für laufende Kosten wie die Miete für die Räume nutzen. Außerdem wurde dem Theateratelier eine Zuwendung aus dem Notfallfonds der Stadt zugesprochen, die die Miet- und Nebenkosten für vier Monate abdeckt. Das erleichtert die Situation, aber nur Däumchen drehen wollen Ulrike Happel und Sabine Scholz nicht. Sie drehen weiter Videos, um in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel mit den Schülern der Grundschule Bieber, die bis zum Lockdown an einem Theaterstück zum Thema Müll gearbeitet haben. Ein Rap, der als Teil des Stücks bereits fertig ist, kann mit dem Video geübt werden.

Lieber wären die beiden Schauspielerinnen bei den Kindern zum Üben. Sie sind sich sicher, dass Theater über den Bildschirm das richtige Theater nicht ersetzen kann. „Wir sind gespannt auf neue Formen des Theaters, die wir vielleicht auch mitentwickeln können. Wir wollen die Motivation behalten. Uns ist es ein inneres Anliegen, das Theateratelier weiterzuführen“, sagt Ulrike Happel

VON THERESA RICKE

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare