Spontaner Applaus für die internationalen Helfer

Offenbacher THW-Chef berichtet vom Einsatz in Beirut

THW-Chef Thomas Heinrich bei der Abreise zum Einsatz in Beirut vergangene Woche.
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THW-Chef Thomas Heinrich bei der Abreise vergangene Woche.

Am Dienstag vor einer Woche kam es aus bisher noch immer ungeklärter Ursache zu einer gewaltigen Detonation im Hafen von Beirut. Große Teile der Innenstadt wurden zerstört, bisher wurden über 150 Tote und 6 000 Verletzte gezählt. Das THW unterstützte die Bergungsarbeiten, zu den Helfern zählte auch der Offenbacher THW-Leiter.

Offenbach - Noch am späten Dienstagabend, nur Stunden nach der Explosion, klingelt bei Thomas Heinrich, dem Leiter des Offenbacher Verbands des Technischen Hilfswerks (THW), das Telefon. Der 53-Jährige ist Mitglied der SEEBA (Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland), einer Spezialeinheit des Katastrophenschutzes. Auftrag: Er soll mit 51 weiteren Helfern in den Libanon fliegen, um dort nach Verschütteten zu suchen.

„Sowohl meine Familie wie mein Arbeitgeber, Biotest in Dreieich, gaben mir grünes Licht, also ging es los“, sagt Heinrich. Kurz nach 8 Uhr am Mittwoch verlässt er das Haus um zur Sammelstelle nach Rüsselsheim zu fahren. „Für solche Fälle muss immer ein gepackter Koffer zuhause bereit stehen“, sagt er, „der Grundsatz unserer Einheit ist, innerhalb von sechs Stunden nach Alarmierung am Flughafen sein zu können.“

Mitglied der THW-Spezialeinheit

Nach medizinischen Checks und technischen Vorbereitungen geht es dann aber erst um 21.55 Uhr in den Flieger nach Beirut – das Flugzeug für die Helfer musste erst gechartet und die Ausrüstung verladen werden. Natürlich habe er die Bilder, die von der Detonation um die Welt gingen, gesehen – was er in der libanesischen Hauptstadt erblickte, hat ihn dennoch überrascht. „Normalerweise sind wir nach Erdbeben-Katastrophen in Gebieten, die völlig zerstört sind.“ Die Infrastruktur sei in den südlichen Gebieten der Millionenstadt auch noch intakt gewesen, doch der Norden habe ein Bild der Verwüstung geboten. „Die großen Hochregallager im Hafen, viele gut 150 Meter lang, waren völlig eingeebnet“, beschreibt Heinrich.

Erschreckend für ihn auch der Anblick der vielen Hochhäuser, deren Glasfassaden völlig geborsten waren. „Beirut ist eine Stadt mit viel moderner Architektur: Jetzt ähneln viele Hochhäuser Skeletten. Es ist schon sehr beeindruckend, etwa im 17 Stock in einem Wohnzimmer zu stehen, dessen gläserne Außenwände nun fehlen.“

Basis für den Einsatz ist die Deutsche Schule Beirut

Sofort nach der Ankunft am Donnerstag teilt sich das THW-Helferteam auf: Während die einen sich um die die Einsatzzentrale kümmern, nehmen die übrigen im Hafen ihre Sucharbeit auf. Da Heinrich zur Führungsmannschaft gehört, koordiniert er von der Deutschen Schule Beirut, die während des Einsatzes als Unterkunft dient, aus die Suchaktion.

Gemeinsam mit Helferteams aus anderen Ländern wird das Hafengebiet in mehrere Sektoren unterteilt, jeder Trupp erhält ein bestimmtes Gebiet zugewiesen. „Wie groß unseres war, kann ich gar nicht sagen – es umfasste Dutzende dieser riesigen eingestürzten Lagerhallen.“ Von der Basis aus leitet Heinrich den Einsatz, gleicht Karten und Angaben anderer internationaler Teams ab, hält Kontakt zu lokalen Behörden und den Helfern.

Mit Spürhunden auf der Suche nach Verschütteten

Mit vier Suchhunden sind die THW-Helfer unterwegs, um Lebende unter den Trümmern zu finden und zu bergen. Außerdem müssen Sanitätszelte aufgebaut und Beleuchtungsmasten samt Stromzufuhr für die Suche in der Nacht errichtet werden. Und da die Corona-Gefahr unverändert hoch ist, tragen alle Helfer ständig Masken und Handschuhewährend des Einsatzes. „Im Fokus war erst einmal, Leben zu retten“, sagt Heinrich, „Hunde sind bei der Suche nach Verschütteten immer noch am effektivsten.“ Jedoch: Obwohl die THW-Helfer von Donnerstag bis Samstagabend das Hafengebiet durchsuchen, Lebende können sie keine unter den Trümmern ausmachen, zu verheerend war die Explosion. Natürlich sei das enttäuschend. „Aber wir wissen auch, wir haben alles getan, was wir konnten, um zu helfen“, sagt der Offenbacher.

Bis Sonntag gehört Heinrich noch zu den Spezialisten, die den lokalen Katastrophenschutz dabei unterstützen, die Statik von schwer beschädigten Gebäuden zu beurteilen. Dabei hat er auch immer wieder Kontakt mit der Beiruter Bevölkerung: „Die Dankbarkeit der Menschen war unglaublich – es gab immer wieder spontanen Applaus, sobald wir in unseren Uniformen zu sehen waren.“ Auch die Zusammenarbeit den anderen internationalen Teams sei sehr gut gewesen. „Teilweise kennt man sich ja von anderen Einsätzen oder Übungen.“

Montagfrüh ging es zurück nach Deutschland: Da er in einem Corona-Risikogebiet war, bleibt Heinrich trotz negativen Virus-Tests vorsorglich in freiwilliger Isolation. „Meine Motivation ist unverändert hoch – ich würde es jederzeit wieder tun.“ Sein Koffer jedenfalls ist bereits wieder gepackt für den nächsten Einsatz.

Von Frank Sommer

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