„Offenbach trägt rote Laterne“

Frank Martin, Chef der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagentur

Offenbach - Der hessische Arbeitsmarkt hat sich besser entwickelt als der in Stadt und Kreis. „Offenbach trägt inzwischen die rote Laterne in Hessen in Sachen Arbeitslosigkeit“, sagt Frank Martin, der neue Vorsitzende der Regionaldirektion Hessen der Agentur für Arbeit, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Die Zahl der Arbeitslosen in Stadt und Kreis Offenbach ist in den vergangenen Monaten gesunken. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Der Offenbacher Arbeitsmarkt ist hinter dem in Hessen zurückgeblieben. Die Erwerbslosigkeit hat sich nicht so positiv entwickelt wie in einigen anderen Regionen zum Beispiel in Nordhessen - Kassel, Landkreis Gießen, die im Vergleich mit der Zeit vor der Krise deutlich besser dastehen. Sie haben weit, weit weniger Arbeitslose als vor der Krise. Offenbach bleibt hinter den Topregionen und dem Hessenschnitt zurück. Offenbach trägt inzwischen die rote Laterne in Hessen in Sachen Arbeitslosigkeit.

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Das hängt stark mit der regionalen Struktur zusammen. Es gibt viel produzierendes Gewerbe. Die aktuellsten, endgültigen Zahlen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten habe ich vom 30. September. Im verarbeitenden Gewerbe in Offenbach ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent zurückgegangen, das sind über 1 600 Personen - insgesamt sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 0,9 Prozent. Bei den Speditionen gab es einen Rückgang um zwölf Prozent, das sind etwa 700 Leute. Der dritte große Posten in Offenbach ist die Zeitarbeit. Dort sind rund 400 Stellen weggefallen. Insgesamt sind das fast 3 000 Arbeitsplätze.

Der Arbeitsmarkt in Hessen hat sich weiter erholt. Ist das Land nach der schwersten Krise der Nachkriegszeit über den Berg?

Wir haben aktuell und in den vergangenen Monaten eine positive Entwicklung gesehen. Die Prognosen für das Jahr 2010 waren eigentlich deutlich düsterer. In den nächsten Monaten wird es aber einen saisonüblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Hessen geben.

Wo liegen die Risiken?

Es gibt keine hessenspezifischen Risiken. Es gibt allgemein große Risiken - sowohl in Deutschland wie in der Weltwirtschaft. Denken Sie nur an die Währungsprobleme. Das hat aktuell keinen Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Man kann aber nicht ausschließen, dass es in der Zukunft so sein wird.

Wie viele Arbeitslose wird es in diesem Jahr in Hessen geben?

Ende des vergangenen Jahres sind wir davon ausgegangen, dass wir im Jahresdurchschnitt 250 00 Arbeitslose haben werden. Ich gehe davon aus, dass wir deutlich darunter liegen werden. Es werden wahrscheinlich keine 220 000 Erwerbslose sein. Das heißt, wir werden unsere Prognose um etwa zehn Prozent unterbieten. Der Aufschwung wird auch von Zeitarbeit mitgetragen.

Stellen die Unternehmen in Hessen auch wieder Mitarbeiter ein?

Ja. Die bei uns gemeldeten freien Stellen liegen etwa 30 Prozent über dem Wert im Vorjahr. Das sind nicht nur Jobs bei Zeitarbeitsfirmen, sondern auch im produzierenden Gewerbe.

Nimmt die Zeitarbeit in Hessen zu?

In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat sie deutlich zugenommen. In einer Krise ist Leiharbeit für Unternehmen eine Möglichkeit, flexibler auf Nachfrageänderungen zu reagieren. Man darf die Menschen aber nicht vergessen. Die Regelungen sind hilfreich für ein Unternehmen, das darf aber nicht der Standard sein. Es ist gesamtgesellschaftlich nicht akzeptabel, wenn sich Firmen über eine Schwankungsreserve hinaus in der Zeitarbeit bedienen und dadurch versuchen, tarifliche Regelungen zu umgehen.

Die Kreise Offenbach, Main-Kinzig und Darmstadt-Dieburg gehören zu den Optionskommunen, die die Verantwortung für die Langzeitarbeitslosen tragen. In der Stadt Offenbach hat die Arbeitsgemeinschaft Mainarbeit diese Aufgabe übernommen. Wird sich an dieser Situation nach der Neuregelung der Jobcenter durch den Bundestag etwa ändern?

Für die arbeitslosen Menschen darf sich nichts ändern. Das ist die Zielsetzung unabhängig davon, wer die Verantwortung trägt. Nach der aktuellen Beschlusslage ist davon auszugehen, dass sich bei den Optionskommunen nichts ändert. Ihr Fortbestand wird im Gesetz gesichert. Die Arbeitsgemeinschaften werden überführt in sogenannte gemeinsame Einrichtungen, die in gemeinsamer Verantwortung der Kommunen und der Bundesagentur für Arbeit geführt werden.

Hat sich das Optionsmodell bewährt?

Es macht Sinn, dass beide Beteiligten ihre Kernkompetenzen und Stärken mit in die Waagschale werfen zur Verbesserung von Integrationsergebnissen und Kundenzufriedenheit. Durch den Verzicht auf eine Kernkompetenz wie die überregionale Vermittlung durch die Arbeitsagenturen wird die Leistung nicht besser. Ich bin der Meinung, dass die Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaften besser waren.

Was muss bei der Zusammenarbeit von Behörden und Kommunen verbessert werden?

Es gibt Regionen in Hessen, da klappt die Zusammenarbeit in den Arbeitsgemeinschaften hervorragend. Sicherlich gibt es auch Konflikte, wenn eine Organisation wie die Bundesagentur für Arbeit auf eine Kommune, die auf die kommunale Trägerlandschaft und kommunale Arbeitsmarktprogramme ausgerichtet ist, trifft. Die Differenzen können aber überwunden werden. Die Bundesagentur für Arbeit hat auch einen Lernprozess durchgemacht, wie man mit einer Verwaltung zusammenarbeiten muss.

In der Öffentlichkeit gibt es immer wieder Klagen über die Beratungstätigkeit der Agenturen für Arbeit. Wie wollen Sie die Beratungen für Arbeitslose in Hessen verbessern?

Es gibt noch viele Dinge, die wir verbessern wollen. Wir haben die Qualität unserer Beratungsgespräche bereits verbessert. Ziel ist es aber, noch kundenfreundlicher zu werden. Die Ergebnisse der Befragungen von Kunden sind deutlich besser geworden. Sie sind aber noch nicht auf einem Level, auf dem man zufrieden sein kann.

Viele junge Menschen sind zurzeit auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Wie sehen ihre Chancen im Rhein-Main-Gebiet aus?

Die Chancen sind sehr unterschiedlich. In Frankfurt kommen auf vier Ausbildungsplatz-Suchende fünf Stellen. In Offenbach kommt auf 2,7 Menschen, die eine Lehrstelle suchen, ein Ausbildungsplatz. Wir brauchen von allen Seiten eine deutlich höhere Flexibilität am Ausbildungsmarkt. Die jungen Leute dürfen sich nicht so stark auf einen Ausbildungsplatz versteifen. Und sie müssen auch Lehrstellen annehmen, die nicht unbedingt in ihrem Ort angeboten werden. Auch die Arbeitgeber müssen flexibler werden. Jeder Unternehmer hat sicherlich gerne Abiturienten. Aber auch sie müssen Abstriche machen. Natürlich muss die Ausbildungsreife vorhanden sein. Die jungen Leute entwickeln sich aber auch noch.

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