Offenbach traumhaft gerettet

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Auch in Amerika gibt’s keine Hilfe für Supergörl Gundula (Ulrike Happel. Selbst die Freiheit (Sabine Scholz) wandert frustriert aus.

Offenbach - Um Offenbach zu retten, reicht kein Supergörl. Es braucht auch eine gute Fee, die bereit ist, nach drei vergeudeten noch einen vierten Wunsch draufzupacken. Und das gibt’s halt nur im Traum. Armes Offenbach. . . Von Thomas Kirstein

Fließen ob dieser Erkenntnis die Tränen, dann sind es herzlich gelachte. Die neue Eigenproduktion des Theaterprojekts Bleichstraße 14H unterhält bestens mit einem Hagel witziger Einfälle, viel anspielungsreichem Lokalkolorit und dem Kunststück, trotz nur zweier lebendiger Personen auf der Bühne einen ganzen Kosmos von Figuren und Geschöpfen aufzubieten.

20. Geburtstag feiert dieses Jahr das inzwischen kulturpreisgekrönte Projekt im Hinterhof der Bleichstraße 14. Mit „Gundula Ödmann Supergörl - Eine Frau rettet ihre Stadt“ aus der Feder von Sabine Scholz hat es sich und seinen Zuschauern wohl das schönste Geschenk gemacht. Am Freitag war ausverkaufte Premiere, für weitere sechs Aufführungen ist es wärmstens zu empfehlen.

Horror von Offenbachs bevorstehendem Untergang

Unter der Regie von Jürg Schlachter schlüpft Ulrike Happel wieder in ihr zweites Ich Gundula Ödmann. Diesmal ohne Kultgespann-Partner Berthold unterwegs, hat sie eine Reise nach Berlin gewonnen und wird schon auf dem Offenbacher Hauptbahnhof ins Reich der Alb- und Wunschträume entführt. Die Schlagzeile „Offenbach verkauft“ im Boulevardblatt der geschäftigen Mitreisenden Frau Talberger bringt den Horror von Offenbachs bevorstehendem Untergang in ihr Unterbewusstsein. Während der durch einen Gipsfuß verhinderte Gatte Berthold (Dieter Kögel) mit dem Bahnhofsvorsteher (Ralf Reichard) einen Schoppen zischt, beginnt für Gundula ein aberwitziger Trip.

Kögel und Reichard bestreiten als Darsteller die eingespielte Videoproduktion von Jochen Anderle. Glänzend verkörpert Reichard ein ganzes Spektrum deftiger Offenbacher Typen, die das vielfältige Leid der Stadt klagen - bis zum Bürgermeister, der Frau Ödmann beschwört, mit Schirm und hessischem Charme in Berlin die eigene Stadt zu retten.

Gundula ist das offenbacherisch-solide Supergörl. Abber Autorin Sabine Scholz ist auf der Bühne die Superwumän der zig Masken und Stimmen und Meisterin der Handpuppen. Sie verkörpert und bewegt alles, was Gundulas schweren Weg kreuzt.

Weitere Aufführungen jeweils 20 Uhr: Donnerstag. 27., Freitag 28., Samstag, 29. Oktober, Donnerstag, 3., Freitag. 4., Samstag, 5. November. Karten (14,50 Euro) im Vorverkauf: OSG, Salzgässchen 1, Ringcenter, Tel.: 069 8065 2052, Buchladen am Markt, Tel.: 883333.

Sie ist etwa die Businessfrau Talberger, die zur Mephistophela wird, die Gundula gegen Bertholds Seele Hilfe gewährt. Die Stielaugen-Kugelgnome, die offenbaren, dass Berlin wegen eigener Pleite nicht helfen kann, werden durch sie ebenso lebendig wie zwei in Muppet-Show-Manier kommentierende Alt-Offenbacher - Kaiser-Friedrich-Quellen-Bohrer Neubecker und Isenburg-Fürst Wolfgang-Ernst. Sie führt die Bauchredner-Puppe einer auf dem letzten Lungenbläschen röchelnden Europa, sie ist im Himmel das schrille Sopran-Engelchen, das Hilfsanträge in dreifaltiger Ausfertigung verlangt. Grandios verkörpert Sabine Scholz ein skurriles Panoptikum, aus dem besonders eine zutiefst desillusionierte Freiheitsstatue in Erinnerung bleibt, die ausgerechnet nach China auswandern will.

Fast am Ende von - dank Spiellaune, gelungenem Video und vielen Überraschungen - kurzweiligen und niemals klamottigen zwei Stunden steht der Triumphzug für die mit ausreichend Geld heimkehrende Gundula , die so manche Zweifel an sich selbst überwinden konnte. Zum Schluss aber kommt das Erwachen aus dem Traum. Ihr Zug hat Offenbach noch nicht mal verlassen. Und wird gleich ganz ausfallen.

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