Maschinen abgeschaltet

Ein Meer von Kerzen für Tugce A.

Offenbach - Schätzungsweise 3000 Menschen nahmen gestern Abend vor dem Zentralgebäude des Sana-Klinikums Abschied von der jungen Lehramtsstudentin Tugce A. Mittlerweile wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet. Tugce A. ist tot. Von Michael Eschenauer

„Ihr habt den Respekt der Familie von Tugce verdient. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Kraft ihr diesen Menschen gegeben habt. “ Als Hüseyin kurz nach 19 Uhr diese Worte in sein Megaphon spricht, brandet Applaus auf. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend. Der junge Mann, er gehört zu den Organisatoren der Mahnwache für die 23-jährige Türkin, ist selbst tief gerührt, muss die Nase hochziehen. Schätzungsweise 3000 Menschen - Deutsche ebenso wie Leute mit ausländischen Wurzeln - nehmen an diesem eisigkalten Herbstabend vor dem Zentralgebäude des Sana-Klinikums Abschied von der jungen Lehramtsstudentin, die vor zwei Wochen niedergeschlagen und so schwer verletzt wurde, dass sie irreparable Hirnschäden davontrug. Wandzeitungen mit unzähligen Bildern von Tugce A. säumen die Grünanlage vor den Zentralgebäude am Starkenburgring, wo sich die Familie am Krankenbett ihrer Tochter versammelt hat. Die, die hier frierend ausharren, kommen nicht nur aus Offenbach, sondern sind zum Teil aus der gesamten Republik angereist.

Blumensträuße und ein Meer von brennenden Kerzen säumen den Weg. Es gibt ein Kondolenzbuch mit einem Kinderbild der jungen Türkin. Zahlreiche weiße Ballons sind an den Zäunen rund um das Areal befestigt. An ihnen hängen Grußkarten mit der Aufschrift „Den Garten des Paradieses betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.“ Jeder der möchte, kann seine persönlichen Wünsche und Worte an Tugce zusätzlich auf die Karte schreiben und den Ballon in den Abendhimmel steigen lassen. Es ist ein letzter Gruß. Wer hier steht, rechnet damit, dass die Maschinen, die den Körper der jungen Frau am Leben erhalten, bis Mitternacht abgestellt werden. Dies ist auch geschehen, Tugces Geburtstag wurde gleichzeitig der Tag ihres Todes. Diese Tatsache bewegt die Menschen ungemein.

„Wir vermissen Dich“

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„Wir kennen Dich nicht, aber wir vermissen Dich. Du hast zwei Menschen geholfen. Diese Heldentat werden wir nie vergessen“, „Aufwachen, Kleine, die Zeit zu schlafen ist vorüber!“, „Hey, mein Schmetterling! Du sollst wissen, dass wir alle an dich denken und wissen, wie stark du bist“, „Schlaf gut, liebe Tugce“ - viele Menschen stehen schweigend vor den Grüßen und den hunderten gelber „Post-It“-Zettel, die die Wandzeitungen bedecken wie Herbstlaub. Sie richten ihre Blicke auf das Klinikgebäude, wo auf der linken Seite im dritten Stock ein T-Shirt mit einem Konterfei ans Fenster geheftet wurde. Es ist das Gesicht von Tugce, die hier auf der Intensivstation liegt. Manche beten, man sieht viele Taschentücher. Es sind zwar viele Menschen, aber es wird wenig geredet. Und keiner verweigert eine Antwort, wenn er angesprochen wird. Was gesagt wird, ist weniger geprägt von Wut und Empörung als von Liebe, Respekt und Bewunderung für die mutige junge Frau. „Wir sind nicht hier, um zu protestieren, sondern um der Familie von Tugce Kraft zu geben und unser Beileid zu bekunden in dieser schweren Zeit“, sagt Hüseyin über Megaphon. Der Türke Hakan kommt aus Berlin. Er entzündet gerade eine Kerze. „Ich will hier meine Trauer ausdrücken. Es ist sehr schade um dieses Mädchen“, sagt er. „Wir wollen der Familie zeigen, dass wir auch in schlechten Tagen an ihrer Seite stehen“, sagt Göksel, ein Arbeitskollege des Vaters von Tugce. Die Hoffnung , dass der mutmaßliche Täter „seine gerechte Strafe bekommt“, hält sich allerdings bei vielen in engen Grenzen. Abdullahim ist einer der wenigen, die etwas Mitgefühl mit dem Täter zeigen. „Das was passiert ist, ist auch schlimm für ihn.“ Abdullahim hat vier Kinder. Das jüngste ist fünf Monate alt. Keinem von ihnen wird er künftig davon abraten, anderen in einer Notlage zu helfen.

Unter den Trauernden gibt es auch nachdenkliche Stimmen. Arash (27) stellt Fragen: „Warum hat sie sich eingesetzt? Und wo sind die Personen, für die sie sich eingesetzt hat, heute?“ Er spielt darauf an, dass sich die beiden Mädchen, denen Tugce wohl zu Hilfe kam, bislang nicht gemeldet haben. Über die Gründe rätseln an diesem Abend viele.

Bilder vom traurigen Abschied

Mahnwache für Tugce vor dem Klinikum

Gegen 18.15 Uhr fängt plötzlich ein Piano an zu spielen. Die Töne steigen auf, werden von dem Klinikbau zurückgeworfen und senken sich auf die Menschen im Dunkel. Es sind die Lieblingslieder der Verletzten. Sie strömen aus einem Instrument, das von weißen Rosen umrahmt wird. „Ich bin sicher, Tugce hört sie irgendwie da oben. Das soll ihr Kraft geben“, sagt Veronika. Währenddessen steht Yassim, ein Freund des Verlobten von Tugce, neben dem Flügel. Via SMS sendet der Verlobte aus den Krankenzimmer die Namen der Titel, - und Straßenkünstler Davide Martello verwandelt sie sofort in Noten. Es sind nachdenkliche, sehr schöne, melodische Stücke - „River flows in You“ ist dabei, die Titelmelodie des Films „Titanic“, „Candle in the Wind“, aber auch Scott Joplins „The Entertainer“ aus „Der Clou“. Die Musik trifft die Gemüter direkt.

Der Stimmung vor dem Zentralgebäude des Klinikums kann sich niemand entziehen.

Die Menschen haben sich so aufgestellt, dass ihre Kerzen den Namen der Schwerverletzten nachzeichnen. Immer wieder recken sie die Arme hoch - immer in Richtung jener zwei Fenster, hinter denen Tugce liegt. Die Angehörigen der jungen Gelnhäuserin treten an die Fenster, schauen nach unten auf die Menge. Sie müssen den Namen ihrer Tochter lesen können, der sich aus der Dunkelheit schält. Sie müssen die Musik hören können. Sie stehen unbewegt. Man erkennt, dass geweint wird. Manchmal wird das Licht im Krankenzimmer gedimmt, um wenig später wieder hell zu werden. Unten schluchzen die Frauen, und die Männer beißen die Zähne zusammen, mahlen mit den Gesichtsmuskeln, trotzdem kann nicht jeder die Tränen zurückhalten.

Alexandra und Jonas aus Offenbach haben auch eine kleine weiße Kerze für Tugce angezündet. „Wir wollen unseren Respekt ausdrücken vor ihrem Mut und hoffen doch noch auf ein Wunder“, sagt die junge Frau. Beide haben einen eineinhalbjährigen Sohn. „Ich werde Leonardo später nicht davon abraten, anderen Menschen in Not zu helfen. Er sollte allerdings trotzdem immer gut aufpassen“, sagt der junge Vater.

Mahnwache vor dem McDonalds am Kaiserlei

Rubriklistenbild: © Georg, Bernd

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