Stadtgrün

Nachpflanzungen reichen nicht allein: Hitzesommer hat 1000 tote Bäume gefordert

Trauriges Bild im Spätsommer 2019: Dieser Baum am Bürgeler Mainzer Ring ist laubfrei, hat sich laut Experte Johannes Irgel selbst reduziert. Foto: Kuhn
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Trauriges Bild im Spätsommer 2019: Dieser Baum am Bürgeler Mainzer Ring ist laubfrei, hat sich laut Experte Johannes Irgel selbst reduziert.

Viele Bäume haben den zweiten heißen Sommer in Folge nicht überlebt. Mittlerweile spricht der Stadtbetrieb von einem Verlust von 1000 Bäumen im Stadtgebiet. Mit Nachpflanzungen allein ist es nicht mehr getan. Künftig will und muss man vorbeugend tätig werden.

  • Hitzesommer 2019 forderte 1000 tote Bäume
  • Niederschlag in Offenbach nicht regelmäßig
  • Anpflanzungen müssen erhöht werden in Offenbach

Offenbach – Schlagersängerin Alexandras Freund ist tot, weil er im Weg stand. Offenbachs Bäume müssen fallen, weil ihnen Trockenheit und Hitzewellen zusetzen. Jeder sieht und spürt: Irgendetwas stimmt nicht mehr. Um zumindest im kleinen Offenbach ein fachmännisches Statement zu erhalten, hatte der Ausschuss Umwelt, Planen, Bauen Johannes Irgel eingeladen. Der zuständige Abteilungsleiter für Grünwesen und Stadtreinigung fasst zusammen, erläutert, prognostiziert. Für ihn steht fest: „Wir müssen prophylaktisch arbeiten.“ Wer sich indes eine schnelle Antwort erwartet, welcher Baum künftig in Offenbach für ein weiter üppiges und notwendiges Stadtgrün sorgt, wird enttäuscht. Erst nach etwa zehn Jahren zeige es sich, „ob’s ein Baum schafft oder nicht“.

Offenbach: Wetter viel zu unbeständig

Rein subjektiv hat’s 2018 und 2019 viel zu wenig geregnet. Ein Blick in die Statistiken des Wetterdienstes (gemessen an der Station Wetterpark) zeigt das zunächst nicht: „Aus den Daten wird ersichtlich, dass 2019 insgesamt die Niederschlagsmenge ziemlich genau im Soll lag, die einzelnen Monate aber recht unterschiedlich waren“, so Meteorologe Thomas Kesseler-Lauterkorn. Heißt beispielsweise: Februar und Juli deutlich zu trocken, besonders Mai und August aber überdurchschnittlich nass.

Und damit kommt der lokale Baumbestand nicht zurecht. Während viele Bürger sich auf den arg mitgenommenen Rumpenheimer Schlosspark konzentrieren, hat Irgel das gesamte Stadtgebiet im Blick. Der ist sorgenvoll. Vor den beiden trockenen Sommern waren in den Statistiken etwa 30 000 Stadtbäume aufgelistet. Verschwunden sind davon inzwischen zirka 1000. „Das ändert sich aber beinahe täglich, so etwas haben wir in dieser Form noch nicht erlebt“, sagt der Abteilungsleiter. Mit dabei hat er für die Ausschuss-Mitglieder einen 45 Seiten starken Ordner, der alle betroffenen Bäume auflisten. Und noch eine Zahl: Bislang ist der Stadtservice mit monatlich etwa 170 „Maßnahmen an Bäumen“ (Rück- und Sicherungsschnitte) ausgekommen, inzwischen sind es gut 300.

Offenbach: Anpflanzungen müssen erhöht werden

Für den Stadtservice steht daher außer Frage, dass die Zahl der Anpflanzungen dringend erhöht werden muss. Das hat man bereits 2018 erkannt und finanzielle Rücklagen gebildet – 100 000 Euro. Heißt: Jährlich mindestens 150 Bäume zusätzlich über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dabei ist ein Tausch 1:1 mitunter nicht möglich und der Baum selbst der kleinste Kostenfaktor. Die Nachpflanzungen summieren sich aufgrund des jeweils notwendigen Drumherums: Baumstumpf ausfräsen, etwa drei Kubikmeter Bodenaustausch, ein Hochstamm mit einem Umfang von 18 bis 20 Zentimeter mit Ballen, Dreibockverankerung, Stammanstrich, Gießrand – und reichlich Pflege.

So reichen nach Sicht der Experten allein die vorgesehenen „Bewässerungsdurchgänge bei neu gepflanzten Bäumen“ längst nicht mehr aus, um das Anwachsen der Bäume zu gewährleisten. Diese lagen bislang bei durchschnittlich 16 pro Jahr, künftig sollen es 26 sein – mindestens. Zumal die sogenannte Entwicklungspflege von drei auf fünf Jahre auszudehnen sei. 

Allein dafür sind bereits zwei Mitarbeiter eingestellt und ein neues Tank-Fahrzeug wird im April angeschafft (130 000 Euro). Hinzu kommen zwei neue Baumpfleger und Aufträge an Subunternehmer (140 000 Euro), ein bienenfreundliches Staudenpaket als Unterpflanzung (60 000 Euro) und die Neuanpflanzungen selbst (170 000 Euro). In der Summe: eine halbe Million Euro, die über den Kommunal-Haushalt zu finanzieren sind.

Offenbach: „Wasser allein reicht einfach nicht“

Gerade den erhöhten Personalbedarf rechtfertigt Irgel gegenüber den Stadtverordneten: „Wasser allein reicht einfach nicht. Unsere Gärtner sind angewiesen, die Böden zu öffnen oder mindestens zu lockern. Dieser erhöhte Aufwand ist dringend erforderlich. Sonst schießt das Wasser einfach über den Boden hinweg und fließt direkt in den Kanal.“ Und: „Die beiden Baumpfleger waren ein echter Glücksgriff, es gibt einfach nicht genug am Markt. Jetzt haben wir wieder eine kleine Baumkolonne aufgestellt, mit der wir aktiv handeln können.“ 

So komme man zeit- und fristgerecht dem Baumerhalt und der Verkehrssicherungspflicht nach. Andere Kommunen im Kreis (Irgel nennt Dietzenbach und Neu-Isenburg) würden, da sie allein auf ausgelastete Drittanbieter angewiesen seien, daher etwas neidisch nach Offenbach blicken.

VON MARTIN KUHN

Die Nachricht ließ im September viele Rumpenheimer sprachlos zurück: In diesem Jahr verliert der Schlosspark rund 300 seiner 1500 Bäume als Folge von Trockenheit und Pilzbefall.

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