Für Ältere und Behinderte

Umzug in geeignete Räume scheitert am mangelnden Angebot

+
2016 sollen hier, an der Ecke von Sprendlinger Straße und Odenwaldring, auch barrierefreie Wohnungen entstehen.

Offenbach - Im Alter oder nach Krankheit werden selbst einfache Dinge wie Treppensteigen zur Qual – die eigene Wohnung gleicht auf einmal einem Gefängnis. Wer dann eine neue, barrierefreie Bleibe sucht, braucht Geduld. In Offenbach jedenfalls ist das Angebot knapp. Von Sarah Neder 

Marion Zerbsts Stimme ist brüchig. Wenn sie über die Wohnung reden will, fällt sie ganz aus. Keine Sätze mehr, nur noch Schluchzen. Die 68-Jährige hat seit vier Monaten das Haus nicht verlassen, den Baumkronen nur von drinnen beim Verfärben zugeschaut. Das macht Frau Zerbst traurig. Die Rentnerin wohnt im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses der Baugenossenschaft Odenwaldring (BGO). Dort gibt es gibt es keinen Aufzug, Treppensteigen ohne Stütze ist für sie eine Folter. Denn sie kann den kranken Körper selbst mit einem Rollator nur schwer durch die Wohnung schieben. Frau Zerbst hat Rheuma, Osteoporose, Grünen Star, seit gut einem Jahr plagt sie außerdem der Rücken. Der Ausweis attestiert ihr 100-prozentige Behinderung.

Die gelernte Schneiderin lebt seit 1988 im Offenbacher Stadtteil Tempelsee. Drei Zimmer, Küche, Bad bewohnt sie heute allein – Herr Zerbst starb vor fünf Jahren. Gefangen in 61 Quadratmetern bestellt sie Essen, Kleidung und was sie sonst so braucht im Internet, lässt sich damit ein bisschen Draußen bringen. Lieber würde sie selbst einkaufen gehen. Wieder Tränen, wieder wird die Stimme dünn. „Wenn ich nur eine andere Wohnung hätte“, wimmert sie.

Seit zwei bis drei Jahren sucht Frau Zerbst Räume im Erdgeschoss. „Oder wenigstens mit Aufzug“, sagt sie. Doch die Suche nach einer barrierefreien Bleibe brachte ihr bisher nicht mehr als Frust – obwohl sie nicht nur bei der eigenen Vermieterin, der BGO, fragte, sondern auch bei der städtischen Gemeinnützigen Baugenossenschaft Offenbach (GBO). Frau Zerbst bewarb sich und bekam nie eine Antwort.

Pflegekurse erleichtern die Versorgung der Lieben

„Wir haben zur Zeit nur vier Objekte, die behindertengerecht gebaut sind“, erklärt sich Kerstin Winter von der BGO die missliche Situation von Frau Zerbst. Solche Wohnungen müssten gewisse Ansprüche erfüllen – schon Apartments im Hochparterre fielen durchs Raster, sagt sie. Bei der GBO sieht es ähnlich schlecht aus mit barrierefreien Heimen, wie eine Sprecherin bestätigt. Laut Kerstin Winter will die Baugenossenschaft Odenwaldring aber bald in Objekte, die den Bedürfnissen Älterer und Behinderter besser entsprechen, investieren. Im nächsten Jahr sollen welche an der Sprendlinger Straße/Ecke Odenwaldring (wo die Milchhofsiedlung abgerissen wurde) entstehen.

Claudia Steiner, Behindertenbeauftragte der Stadt Offenbach, kennt das Problem: Die Suche nach angemessenen Wohnungen, sei „wie die nach der Nadel im Heuhaufen“. Da die Stadt selbst keine mehr vermittelt, habe sie keinen Überblick, wie viele davon barrierefrei seien, ergänzt Steiner. Menschen wie Frau Zerbst seien schwer unterzubringen, denn die Wohnung müsse auf deren Bedürfnisse abgestimmt werden, sagt die Behindertenbeauftragte und rät: „Die Betroffenen sollen sich regelmäßig bei den Baugesellschaften bewerben.“ Aber auch Steiner weiß: die Chancen stehen schlecht.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare