Wer ist denn da so oft „MÜdE“?

Sprayer hält Offenbach in Atem - Was steckt hinter seinen Botschaften?

Nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen „MÜdE“- und „FiLES“ in Offenbach. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, findet oft nach nur wenigen Metern diese Schriftzüge.
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Nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen „MÜdE“- und „FiLES“ in Offenbach. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, findet oft nach nur wenigen Metern diese Schriftzüge.

Seit fünf Jahren hinterlässt ein unbekannter Sprayer in Offenbach seine Spuren. Doch bisher tappt selbst die Polizei im Dunkeln: Wer steckt dahinter?

Offenbach – Ein unbekannter Sprayer hält Offenbach seit fünf Jahren in Atem. Überall im Stadtgebiet sprüht oder schmiert er die Worte „MÜdE“ und „FiLES“ hin. Häufig kommt auch ein „HTM“ dazu. Nachdem er eine Weile pausierte, schießt die Zahl der Fälle aktuell nach oben. Bis heute weiß keiner, wer und was hinter den seltsamen Botschaften steckt.

Es ist ein Mysterium, selbst für die Graffiti-Experten des Polizeipräsidiums Südosthessen. Seit Jahren. 2016 wird der erste Fall von „MÜdE“ und „FiLES“ (deutsch: Dateien) bei der Polizei angezeigt. Seitdem taucht der sogenannte Tag (ausgesprochen: Täg) immer wieder auf. Bei einem Tag handelt es sich um einen immer ähnlichen Schriftzug, der quasi die Unterschrift eines Sprayers darstellt.

Nachdem es im Jahr 2020 ruhig geworden war um den geheimnisvollen Schmierer, gingen in diesem Jahr neue Meldungen ein. „Der Sprayer ist nach wie vor tätig und gerade aktiver als zuvor“, sagt Ursula Elmas. Die Kriminalhauptkommissarin leitet das Sachgebiet Sprayer im Polizeipräsidium Südosthessen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Graffiti-Szene. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sprayer möglichst viele Stellen mit ihrem Tag markieren“, weiß sie. Doch oft seien das fast schon künstlerisch ausgestaltete Graffiti. Im aktuellen Fall ist das jedoch anders. „Auffällig ist, dass die Schriftzüge sehr einfach gehalten sind und wenig technischen Anspruch haben.“

Offenbach: Möglicherweise mehr als nur ein Sprayer

Für die Ermittler ein wichtiger Anhaltspunkt. „Das könnte darauf hindeuten, dass es sich um mehr als einen Sprayer handelt“, sagt Elmas. „Wir nehmen an, dass es sich dabei um ein sogenanntes Graffiti-Kollektiv handelt.“ Also eine Gruppe von Sprayern, die gemeinsam dasselbe Erkennungszeichen hinterlassen. „Wir gehen aktuell von zwei oder drei Personen aus“, sagt Elmas. Darauf deuteten auch die Schriftbilder hin. „Diese sind zwar immer ähnlich, aber eben doch nicht gleich.“ Für den Laien sei das nur schwer zu erkennen. „Aber im Lauf der Jahre haben wir dafür ein Auge entwickelt.“

Einer, der die Sprayer-Szene genau kennt, ist der Frankfurter Graffiti-Künstler Niclas Hatwig. Er ist Veranstalter des jährlichen Sprayer-Events „Das dreckige Dutzend“ und selbst seit 1987 am Sprayen. Er geht nicht davon aus, dass es sich bei „MÜdE“ und „FiLES“ um die Werke von klassischen Graffiti-Sprayern handelt. „Dafür ist die Ausarbeitung zu nah an einfacher Druckschrift.“ Er vermutet, dass damit eine Botschaft vermittelt werden soll. „Ob das eine politische oder gesellschaftliche ist, kann man nur schwer erkennen“, sagt Hatwig. „Aber das muss man auch gar nicht. Oft ist es ja der eigentliche Sinn solcher Botschaften, dass die Leute beginnen, darüber nachzudenken.“ Spontan erinnerten ihn die modernen Offenbacher Tags an weit zurückliegende Serien wie etwa „Ami go home“ oder „Fünf vor zwölf“, wie sie einst überall in der Region an Wänden zu lesen waren.

Sprayer-Botschaften in Offenbach: MÜdE als Selbstläufer?

Hatwig räumt aber auch ein: „Die Sprayer-Szene ist heute immer noch riesig und mittlerweile auch undurchsichtig.“ Deshalb sei es schwierig, für jedes Phänomen und jede Ausprägung eine Erklärung zu finden.

Dafür, warum „MÜdE“ und „FiLES“ schon seit so vielen Jahre immer wieder auftauchen, hat Hatwig noch eine andere Erklärung als die Polizei: „Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine feste Gruppe.“ Denn es komme es vor, dass sich solch ein Phänomen zum Selbstläufer entwickele. „Einer sprayt ein Wort hin, andere führen das ungefragt fort.“ Möglicherweise kennten sich die Tag-Schreiber gar nicht. So könnte der Erfinder von „MÜdE“ und „FiLES“ gar nicht mehr aktiv sein, sein Werk aber von anderen immer wieder kopiert werden. (Christian Reinartz)

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