Offenbach unter Zugzwang

+
Der Waggon am Kulturgleis in der Nähe der HfG ist nicht nur Plattform exquisitester Veranstaltungen, er eignet sich auch gerade im Sommer zum Abhängen und Entspannen.

Offenbach - Mehr Underground wäre unter der Erde. Geht man an der Mainstraße 100 in Höhe des Isenburger Schlosses durch die Unterführung Richtung Ufer, wundert man sich zuerst über das Transportmittel zur Rechten, das sich scheinbar in diese Szenerie verirrt hat. Von Philipp Fees

Was der Waggon am Kulturgleis stattdessen tatsächlich zu transportieren, beziehungsweise zu beherbergen gedenkt, sind interessierte junge Leute um die dreißig, die sich den von Freunden oder Bekannten empfohlenen „Geheimtipp“ näher ansehen wollen. Oder sie haben den roten Wagen und dessen enges Innenleben bereits ins Herz geschlossen.

Manfred Stumpf, Dozent an der nahe gelegen Hochschule für Gestaltung (HfG), hatte den heutigen Veranstaltungsort vor fünf Jahren zusammen mit einigen Studenten zu einer sozialen Plastik nach dem Vorbild Joseph Beuys' erklärt: Es wurden Lesungen gehalten und Versammlungen organisiert. Seit drei Jahren wird der Waggon nun von Georg Klein – selber ehemaliger HfG-Student  – und Torstn Kauke, einem befreundeten Musiker, verwaltet und ist heute eine Plattform für Musiker und Musikbegeisterte. Künstler, die sich eigentlich auch besser vermarkten könnten, reisen auf eigene Faust an, um sich an der Atmosphäre dieser urbanen Oase zu erfreuen.

Das Repertoire des Waggons reicht von experimenteller Elektro-Musik über Reggae bis hin zu Hip-Hop-Jams und kann so vielen Ansprüchen gerecht werden. Und das bei freiem Eintritt. Wenn man aber ein paar Euros in Bier oder - im Winter - in Tee investiert, hat sicher keiner der Waggonbetreiber etwas dagegen. Außerdem kann ein gelungener Abend dank der Spenden-Box an der Theke entsprechend honoriert werden. Dann bekommen auch die Musiker etwas für ihren Auftritt, eben nicht nur Anerkennung. Die erhalten sonst höchstens mal „100 Euro, wenn's gut läuft“, sagt Klein.

Jam-Session und DJs am Plattenspieler

Kürzlich ließen der aus Toronto stammende Aidan Baker, das englische Duo A Sun Amissa und der Frankfurter Maxim Engl die Wände des Waggons unter den Klängen ihrer experimentellen Ambient-Psychedelic-Musik erzittern und versetzten die 50 Zuhörer in eine meditative Stimmung. Gitarren werden gestrichen und stakkatoartig gespielt. Den Rest der Geräuschlandschaft ergänzen Effektgeräte aller Art und verzaubern so mit unerhörten Klängen den konzentrierten Zuhörer.

Heute wird zur 39. Jam-Session geladen, bei der die Besucher und ihre mitgebrachten Instrumente darüber entscheiden, was gespielt wird. Der morgige Samstag steht ganz im Zeichen des „Plattenspielers“ und wird von den House- und Techno-DJs Rouven Krause und Steffen Willems gestaltet, Gast DJsmaed sorgt für weibliche Unterstützung.

Das Zugabteil ist mit 50 Leuten schon fast überfüllt, aber im Sommer spielen die begrenzten Platzverhältnisse ohnehin eine untergeordnete Rolle. Und auch die Lautstärke der Musik habe noch nie zu Problemen mit den Anwohnern geführt, sagt Klein. Neben Konzerten, Jams und DJ-Auftritten werden auch Filmvorführungen und Lesungen rund um das Thema Kunst geboten. Der Waggon hat das ganze Jahr über geöffnet, allein im Januar und teils im Februar macht er Winterpause. Meistens sind die Veranstaltungen freitags und samstags und enden jeweils etwa gegen zwei Uhr früh. Alle Events sind nachzulesen unter waggon-blogsport.de.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare