Verbrennungen sind die häufigste Unfallursache bei Kleinkindern / Meist passiert es zuhause

Leiden dauert oft lebenslang

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Jazibas Leidensweg begann mit einem verschütteten Becher Tee.

Offenbach - Einige tausend Kinder verbrennen sich Jahr für Jahr an heißen Getränken, Kerzen oder am Kaminfeuer. Die meisten leiden ein Leben lang. Besonders gefährdet: der Nachwuchs im Krabbelalter. Von Monika Hillemacher

Der Leidensweg der 16 Monate alten Jaziba begann mit einem Becher Tee. „Es war im Zug von Ulm nach Wiesbaden. Ich wollte trinken, sie hat heftig die Arme bewegt, mir ist der Becher aus der Hand gefallen“, erinnert sich die aus Pakistan stammende Mutter. Das heiße Getränk ergoss sich über Gesicht und Oberkörper ihrer Tochter. Die Haut verbrühte. Mehr als 6000 brandverletzte Kinder kommen jährlich ins Krankenhaus, wie die Initiative Paulinchen aus Norderstedt bei Hamburg schätzt. Sie hat daher den bundesweiten „Tag des brandverletzten Kindes“ am 7. Dezember ausgerufen, um auf die Risiken für die Kleinen hinzuweisen.

Etwa 80 Prozent aller Unfälle passieren zuhause. Verbrühungen und Verbrennungen sind damit die häufigste Unfallursache bei Kleinkindern. Der Leiter des Zentrums für Schwerbrandverletzte am Klinikum Offenbach, Prof. Henrik Menke, hat beobachtet: „Die Verletzungen steigen sprunghaft mit Krabbeln und Laufenlernen.“ Das Zentrum ist neben dem Klinikum Kassel das einzige Krankenhaus in Hessen, das auf verbrannte Kinder spezialisiert ist. Deutschlandweit gibt es rund 30 spezielle Zentren für Brandverletzungen.

Bereits Temperaturen ab 50 Grad richten Schaden

Die Kinder verletzen sich wie Jaziba meist in Alltagssituationen. Typisch sind die umgekippte Tasse Kaffee, Tee oder Glühwein, heißes Wasser aus Hahn und Wasserkocher, die Wärmflasche, der Samowar, die Herdplatte. Bereits Temperaturen ab 50 Grad richten Schaden an. „Was Erwachsene als angenehm warm empfinden, ist zum Beispiel für Babys glühend heiß“, erläutert Menkes Kollege Prof. Markus Rose, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin.

Der jüngste Patient, den er mit Menke betreute, war drei Monate alt. Dem Säugling verbrannte zu stark erhitzte Babynahrung den Mund. Kein Einzelfall, wie Rose sagt. Kamine, Weihnachtskerzen, Silvesterknaller und der Grill gehören zu den saisonalen Gefahrenquellen. Jugendliche erleiden Stromschlagverletzungen, die sie sich beim S-Bahn-Surfen zuziehen. Wie stark die Haut geschädigt wird, hängt von Hitze und Einwirkzeit ab. Schon acht Prozent zerstörter Körperoberfläche können lebensgefährlich sein. Operationen und unzählige Verbandswechsel machen die Behandlung ebenso langwierig wie schmerzhaft. Oft sind Transplantationen erforderlich.

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Der kleinen Jaziba verpflanzten die Ärzte ein Stück Kopfhaut auf den Arm. „Man sieht es hier. Aber es wird alles gut“, hofft ihre Mutter und deutet auf die abheilende Wunde zwischen den schwarzen Haarlocken. Viele Kinder kämpfen ihr Leben lang mit den Folgen des Unfalls. Gelenke würden in Mitleidenschaft gezogen, nach Verbrühungen seien die Beine verkürzt, Arme und Hals wegen der Narben nicht richtig beweglich, erläutert Menke.

dpa

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