Um Offenbach verdient gemacht

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Karl Appelmann

Offenbach ‐ Mit 95 Lebensjahren gehört man zu den Ältesten. Ehrenbürger Karl Appelmann, der diesen Geburtstag am Sonntag begeht, ist in seinem Leben häufig auch „der Jüngste“ genannt worden. Etwa im Hessischen Landtag. Als er 1946 ins Landesparlament eintrat, war er der jüngste Abgeordnete. Von Lothar R. Braun

Bis 1962 blieb er dort als Abgeordneter der SPD. Gar 24 Jahre lang, seit 1956, diente er der Stadt Offenbach als Bürgermeister. SPD-Vorsitzender Stephan Wildhirt sieht in ihm eine „der bedeutendsten Persönlichkeiten der Stadt“.

Der Appo“, wie man ihn seit Jugendtagen zu nennen pflegte, zählte zur Minderheit der Jungen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltend in die Politik einschalteten. Aber wie die älteren Mitstreiter war auch er geprägt von der letzten Phase der Weimarer Republik. Zu seiner Biographie gehören aktiver Widerstand gegen das Naziregime, Gestapohaft und eine als Soldat erlittene Verwundung, die ihn zeitlebens behindern sollte: ein deutscher Lebenslauf.

Die Verwundung indes bot ihm auch die Chance, noch im Krieg als Zivilist ein Studium als Maschinenbau-Ingenieur aufzunehmen. Mit dem Staatsexamen in der Tasche trat er 1947 in die Dienste der Offenbacher Stadtwerke. Es war eine das weitere Leben bestimmende Weichenstellung.

Zwar gab man ihm, als er 1956 in den Magistrat eintrat, zunächst das Dezernat Schulen und Gesundheit. Da war Aufbau zu leisten. Aus dieser Zeit werden Appelmann Verdienste um den Auf- und Ausbau des immer noch von Kriegsschäden gezeichneten Stadtkrankenhauses zugeschrieben. Doch 1962 übernahm Appelmann die politische Verantwortung für Stadtwerke, Schlachthof und Feuerwehr.

Mit dem Auftrag, die Trinkwasser-Versorgung der Stadt zu sichern, war er bereits 1947 bei den Stadtwerken eingetreten. 1955 fiel er im Landtag mit einer Rede auf, die auf die Gefährdung des Trinkwassers durch Pestizide aufmerksam machte. Sein Engagement führte zum neuen Wasserrecht. Als Dezernent nun konnte er in die Praxis hineinwirken. Die weithin sichtbaren Trinkwasser-Speicher auf dem Bieberer Berg galten lange als „Appelmann-Türme“. Er hatte sie mit sachlichen Argumenten durchgesetzt gegen eine von anderen favorisierte billigere Lösung durch Tiefbehälter.

Die Stadtwerke sollten denn auch zum Prüfstein für das Verhältnis der Offenbacher SPD zu ihrem verdienten Mitglied Appelmann werden. Als er in den Siebzigern daran arbeitete, die Existenz der Stadtwerke durch Umgründung in privatrechtliche Organisationsformen zu sichern, ließ ihn die Partei im Stich. Eine Parteitags-Mehrheit schreckte nicht davor zurück, ihren Bürgermeister öffentlich zu rügen. An der Demütigung durch die eigenen Genossen hat er lang gelitten. Die Umgründung konnte dann in der Tat nur durch eine neue Mehrheit aus CDU und FDP realisiert werden.

Zwölf Jahre lang hatte Appelmann in den Jahren davor die Offenbacher SPD geführt. Nicht alle Genossen verstanden, dass er stets zwischen Gemeinwohl und Parteiwohl abzuwägen wusste. Viele Genossen blieben deshalb fern, als der Bürgermeister 1980 feierlich in den Ruhestand verabschiedet wurde. Unangefochten diente er der örtlichen Arbeiterwohlfahrt. Seit 1955 gehörte er ihrem Vorstand an, von 1963 bis 1987 als Vorsitzender. Es ist die Zeit, in der im Hainbachtal der „Sozialkonzern AWO“ entstand.

Wollte man vollständig sein, müsste eine lange Liste von Funktionen, Ehrenämtern und Auszeichnungen des Karl Appelmann abgespult werden. Interessanter ist, wie oft er von äußeren Umständen in die Rolle eines Problemlösers genötigt wurde. Im Magistrat war Appelmann immer nur der zweite Mann neben dem Oberbürgermeister. Aber es fügte sich, dass Appelmann oft den OB gerade dann vertreten musste, wenn sich Probleme zuspitzten. Beispielsweise 1974 bei einem Streik im Öffentlichen Dienst, mit dem Personalrat und Gewerkschaft den Magistrat bedrängten, einen Sonder-Tarifvertrag einzugehen. Es war ein dramatischer Konflikt.

Appelmann pflegte solche Konflikte ohne taktische Finessen anzugehen. Häufig entwaffnete er durch die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge mit einfachen Fragen auf ihren Kern zu reduzieren. Er hat gern vereinfacht und häufig durch gutwilliges Vertrauen Schaden erlitten. Immerhin aber wusste dieser sensible und belesene Mensch über den Tag hinaus zu denken und Entwicklungen zu erkennen, bevor sie das allgemeine Bewusstsein erreichten.

An Karl Appelmanns 95 Lebensjahren lassen sich gleich mehrere Kapitel der Stadtgeschichte illustrieren. Unterm Strich bleibt die Einsicht: Der Mann hat sich um Offenbach verdient gemacht.

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