HfG Offenbach untersucht braune Flecken

Verstrickt in Widersprüche

Offenbach - Es klang nicht respektlos, wenn die alten Offenbacher sagten: „Für seine Ideen tanzt der Eberhardt mit jedem." Von Lothar R. Braun 

Professor Hugo Eberhardt (1874-1959), der von 1907 bis 1940 die Technischen Lehranstalten (heute Hochschule für Gestaltung) leitete und 1917 das Deutsche Ledermuseum gründete, „tanzte“ mit dem hessischen Großherzog, dann mit den Repräsentanten der Weimarer Republik und schließlich mit den Nazis. Sie überließen ihm 1938 das alte Lagerhaus, in dem sich noch heute das Ledermuseum findet.

An der Hochschule für Gestaltung (HfG), Nachfolge-Institut von Eberhardts Schule, wird derzeit untersucht, welche braunen Flecken diese Zusammenarbeit im Lebenslauf hinterlassen hat. Unter die Lupe genommen werden außerdem der Schriftkünstler Rudolf Koch (1876-1934) sowie der Anreger und Mäzen Karl Klingspor (1868-1950). Alle drei sind Ikonen der Offenbacher Kulturgeschichte; Eberhardt und Klingspor wurden nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes sogar zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt.

Mit der Vorrecherche hat die HfG den Frankfurter Autor Andreas Hansert betraut. Was er ermittelte, breitete Hansert am Donnerstagabend im Isenburger Schloss in einem öffentlichen Vortrag mit dem Titel „Verstrickt in Widersprüche“ aus. Zu benennen waren die Widersprüche, die sich in vielen bürgerlichen Lebensläufen dieser Zeit finden, zumal bei den im 19. Jahrhundert geprägten Deutschen.

Der gläubige Protestant Koch beispielsweise wird da sichtbar als glühender Patriot und frustrierter Frontsoldat mit Vertrauen zu Hitler. Nur sein früher Tod bewahrte Koch vor Problemen, die seine innige Verbindung mit jüdischen Freunden bereitet hätte. „Er wäre wohl im Konzentrationslager gelandet“, mutmaßte ein Diskutant.

Oder Klingspor, der politisch in der Deutschnationalen Partei wurzelte und zu einem ernüchterten Skeptiker wurde. Keiner von beiden trat der Nazipartei bei. Anders Eberhardt, der allerdings erst 1941 Mitglied wurde, wohl um Vorteile für sein Museum zu erlangen. Bei ihm fand Hansert die meisten Widersprüche.

Eberhardt, von unteren NS-Chargen bedrängt, genoss die Gunst des Gauleiters. Mit Geschick nutzte er innerparteiliche Rivalitäten für seine Ziele, immer so gut vernetzt wie einst im Großherzogtum und in der Republik. Dem Gauleiter stand er so nahe wie zuvor dem Fürsten und auch seinem Freund Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik.

Nachgeborene mag es befremden, dass man in Offenbach Stolz empfand, wenn Eberhardt der Offenbacher Lederwarenindustrie Aufträge für kostbare Geschenke an die Mächtigen verschaffte. Aber waren nicht auch die Hanauer stolz, dass vom „Führer“ verliehene Marschallstäbe heimische Produkte waren? Allerdings fand Hansert schriftliche Äußerungen, mit denen Eberhardt offenkundig Grenzen der Scham und des Anstands überschritt.

Hanserts Vortrag machte Verhaltensweisen sichtbar, die wohl typisch waren für viele kulturtragende Repräsentanten des Bürgertums in der Zeit der Diktatur. Einer Arbeitsgruppe der HfG ist es aufgegeben, das zu bewerten. Hansert gab ihr interessantes Material an die Hand. Dabei muss in Kauf genommen werden, dass Nachfahren über eine Zeit urteilen, von deren Gefühlswelt sie weit entfernt sind...

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