Artenschwund in Offenbach

Viele Nilgänse, wenig Stockenten in Offenbach

Viele Nilgänse, zugekoteter Boden und nur wenig Schwäne: Am Mainufer in Höhe des Isenburger Schlosses ist eine große Population der Vögel zu beobachten.
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Viele Nilgänse, zugekoteter Boden und nur wenig Schwäne: Am Mainufer in Höhe des Isenburger Schlosses ist eine große Population der Vögel zu beobachten.

Für manch einen Radler kann die Fahrt am Mainuferweg in Höhe des Isenburger Schlosses zum Zick-Zack-Parcours werden: Gerade diese Stelle in Offenbach scheint sich unter Nilgänsen großer Beliebtheit zu erfreuen, und so manches Federvieh denkt gar nicht daran, den Radlern Platz zu machen.

Offenbach - Auffällig ist, dass an dieser Stelle oft weit über 120 der invasiven Vögel zu beobachten sind, auch der völlig zugekotete Boden zeugt von der großen Population. Schwäne sind nur vereinzelt noch zu entdecken, Enten gar nicht mehr. Haben also die eingewanderten Nilgänse heimische Arten wie die Stockente verdrängt?

Ganz so einfach aber liege die Sache nicht, sagt Peter Erlemann. Der 71-Jährige ist Mitglied im Arbeitskreis der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGNO) in Offenbach und hat mit weiteren Ehrenamtlichen jüngst den vogelkundlichen Jahresbericht 2019 für Stadt und Kreis Offenbach vorgelegt.

Zwar seien besonders in Mainnähe zwischen Hafengebiet und Rumpenheim große Ansammlungen an Nilgänsen zu beobachten, doch ob die Population gewachsen sei oder gar andere Vögel verdrängt habe, lasse sich nicht aus den Beobachtungen ablesen. „Die Population der Nilgänse besteht schon seit Jahren und wechselt auch immer zwischen Offenbach, dem Frankfurter Osthafen und den Mühlheimer Mainauen hin und her“, sagt Erlemann. Seinen Beobachtungen nach umfasst die in der Region ansässige Nilgans-Population eine Stärke von rund 200 Tieren. „Die hält sich über Jahre ziemlich stabil“, sagt er.

Dass immer weniger Enten, insbesondere Stockenten, in Offenbach und den Kreiskommunen zu beobachten seien, sei ein Trend, der schon einige Jahre andauere. „Die Stockente ist in der Region leider schon länger auf dem absteigenden Ast: Das kommt teils von Störungen auf dem Gewässer – durch Schifffahrt und Wassersport wird hier weniger gebrütet.“

Dass die Nilgänse die Stockenten verdrängt, sei eine Verallgemeinerung, die er nicht unterschreiben könne, sagt Erlemann.

Auch um die Schwäne ist es nicht mehr so gut bestellt wie einst am Offenbacher Mainufer: Lebten vor Jahren noch gut 80 Vögel hier, ist deren Zahl inzwischen weit niedriger. „Und leider gibt es nicht mehr allzu viele Bruten.“ Auch der Zwergtaucher brüte in Offenbach kaum noch, es seien deutlich weniger Beobachtungen im aktuellen Bericht erfasst worden als in den Jahren zuvor.

Ein Problem gerade für die Wasservögel sei die Unvernunft vieler Menschen, die entgegen des Verbots die Wasservögel fütterten. „Was da verfüttert wird, bekommt den Vögeln nicht, und der Wasserqualität schadet es obendrein“, sagt Erlemann.

„Ich verstehe zwar, dass für einige Menschen in der Stadt die Begegnung mit Wasservögeln zu den einzigen Tierbegegnungen zählt – aber man schadet den Tieren, wenn man sie füttert.“ Zwar wiesen Schilder auf das Fütterungsverbot hin, doch fordert Erlemann ob der vielen Übertretungen, dass dies auch konsequent kontrolliert werde.

Dass bestimmte Vogelarten wie etwa die Sturmmöwe nur noch selten in Offenbach anzutreffen seien, habe auch mit dem Klimawandel zu tun: Da es kaum noch wirklich kalte Winter gebe, müssten die Vögel nicht mehr in südlichere Regionen ausweichen. „Sie bleiben dann einfach im Norden – früher, als wir noch kalte Winter hatten, zogen hunderte Vögel hier an den Main.“ Auch Tafel- und Reiherenten ziehe es kaum noch in die Region.

Mit künstlichen Nistplätzen lasse sich das Problem nur bedingt lösen. „Wichtiger ist, dass die Lebensräume der Vögel erhalten bleiben – dass es wieder Insekten als Nahrung in den Städten gibt und dass die Landwirtschaft sich umstellt.“ Auch in einer Großstadt ließe sich einiges tun, etwa indem auf Gärten ohne Blühpflanzen verzichtet werde. „Ich hoffe, dass die Modeerscheinung der Schottergärten rasch vorüber geht“, sagt Erlemann. Von Frank Sommer

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