Das vergessene Viertel

Rund um den Alten Friedhof macht sich Resignation breit

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Blick in die Querstraße: Marode Gehwege, meterhohes Unkraut und Abfall prägen das Bild. Die hölzernen Trenner zu den Parkflächen stehen schief oder fehlen ganz.

Offenbach - Für Schlagzeilen, positive wie negative, war er schon lange nicht mehr gut, der östliche Zipfel der östlichen Innenstadt. Von Matthias Dahmer 

Und doch steht das Quartier zwischen Mühlheimer und Bieberer Straße, zwischen Gerberstraße und Bahndamm, das noch nie die beste Gegend war, mittlerweile exemplarisch für einen Wandel, den viele Offenbacher beklagen, vor dem mancher im Rathaus aber gern die Augen verschließt. „Frustrierend“ ist eins der Wörter, die Markus H. mehrfach benutzt während des etwa einstündigen Rundgangs. „Deprimierend“ ist ein anderes. Doch der 42-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht genannt haben möchte, will nicht aufgeben. Noch nicht. Dabei steht der Abschied von Offenbach, der Auszug aus seiner Eigentumswohnung, in der er mehr als 20 Jahre gewohnt hat, schon fest. Nächstes Jahr, sagt er, werde er „Richtung Gießen“ wegziehen. Er habe die Nase voll von Vandalismus, Dreck, Lärm und Pöbeleien in seiner Nachbarschaft und von der Ignoranz der Behörden, wenn es darum gehe, Beschwerden nachzugehen. Er stehe nicht allein mit seiner Meinung, betont Markus H. Doch die meisten hätten schon resigniert.

Wucherndes Grün, Graffiti und Müll am Bunker an der Friedhofstraße und ein zugewachsener Weg, der von vielen S-Bahn-Pendlern genutzt wird.

Der Streifzug durch das vergessene Viertel, wo die soziale Kontrolle abhanden gekommen zu sein scheint, beginnt am Spielplatz an der Friedhofstraße: Immerhin – ESO-Mitarbeiter sammeln an diesem Vormittag dort gerade den Müll auf. Was sie nicht sehen, nicht sehen können, ist das, was Markus H. auf seinem Handy festgehalten hat: Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner auf dem Spielplatz frei laufen lassen, damit diese in den Sandkästen Gassi gehen können; 12- bis 14-Jährige, die bis Mitternacht auf dem Spielplatz lärmen; ältere Jugendliche, die nachts leere Bierflaschen auf dem Areal zerschlagen. „Wenn ich Kinder hätte, würde ich sie dort nicht spielen lassen“, sagt H. Die Stadtpolizei lasse sich zu diesen Zeiten nicht blicken, dafür verteilten sie regelmäßig schon morgens Strafzettel an Falschparker. Angst vor Konfrontation hat H. nicht. Der 42-jährige, der mit seinen tätowierten Armen, der dicken silbernen Halskette und dem Drei-Tage-Bart so gar nichts von einem denunzierenden Blockwart hat, spricht offen die Blondine an, die wieder mal ohne Kot-Tüte mit ihrem Hund unterwegs ist. Und den Neubau gegenüber dem Alten Friedhof im Blick fragt er sich: „Wer will da eigentlich hinziehen?“

Weiter geht es in die Querstraße: Der marode Gehweg gleicht einer Stolperfalle; die hölzernen Abgrenzungen zu den unbefestigten Parkflächen stehen – sofern überhaupt noch vorhanden – schief; einige Autos parken so nah an den Häusern, dass kaum noch ein Durchkommen möglich ist. Ein Pappkarton mit Abfall steht auf dem Weg. Das Unkraut wächst ebenso wie vorm Bunker an der Friedhofstraße meterhoch. Überall an den Hauswänden prangen unerwünschte Graffiti. Wucherndes Grün auch auf dem von Fußgängern viel genutzten Lämmerspieler Weg entlang des Bahndamms von der Bieberer Straße Richtung Offenbach-Ost. Die Strecke gleicht abschnittsweise nur noch einem Trampelpfad. Kontrastprogramm bietet der Gehweg dann auf der anderen Seite der Unteren Grenzstraße Richtung Schneckenberg: breit und asphaltiert. „Dort ist aber kaum jemand unterwegs“, wundert sich Markus H. Ohnehin kann er die Prioritäten, die bei der Stadtentwicklung gesetzt werden, kaum nachvollziehen. Seine Vermutung: In die westlichen Stadtteile, wie Kaiserlei oder Hafen, wird wegen der Nähe zu Frankfurt das Geld gepumpt, den Osten vergisst man.

Für bauliche Veränderungen fehlt der Stadt das Geld

Sinnbild für den Zustand des Viertels: Ein alter Kaugummi-Automat an der Ecke Querstraße/Friedhofstraße.

Als er hierher gezogen sei, sagt Markus H., habe das Viertel noch funktioniert. Der Ton etwa in den Kneipen sei zwar schon damals ziemlich rau gewesen, die Leute hätten aber noch ein Wertesystem gehabt. Und dass benutzte Windeln einfach aus dem Fenster geworfen werden, das hätte es früher nicht gegeben. Stadtsprecher Matthias Müller nimmt zu den Vorwürfen Stellung: So sei aufgrund der Beschwerden der Spielplatz an der Friedhofstraße in der Zeit vom 17. Juni bis 15. Juli sieben Mal von der Stadtpolizei in den Abendstunden zwischen 21.15 und 23.15 Uhr kontrolliert worden. Bei fünf Kontrollen habe es keine Vorkommnisse gegeben, in zwei Fällen seien mehrere Personen des Platzes verwiesen worden. Was den Zustand von Gehwegen und Parkbuchten an der Querstraße angeht, räumt Müller ein, die Mängel seien bekannt. Reparaturen seien nach den Sommerferien vorgesehen. Langfristig sollen an der Querstraße Parkflächen und Gehwege neu hergerichtet werden. Das sei aber noch nicht ins städtische Investitionsprogramm aufgenommen. Und Förderprogramme fokussierten sich in der Regel auf soziale Projekte, nicht auf Bauarbeiten. Angesichts der begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Stadt sei Straßenraumgestaltung kaum zu stemmen, bedauert Müller.

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Am Lämmerspieler Weg entlang des Bahndamms, so der Stadtsprecher weiter, sei wucherndes Grün zurückgeschnitten worden. Gegebenenfalls müsse nochmal eine Meldung an die Bahn folgen, da diese für den Bahndamm zuständig sei. Mit Blick auf den Gesamteindruck erinnert Müller daran, dass der Spielplatz erneuert und die Baulücke Mathildenstraße/Friedhofstraße geschlossen worden sei. Voraussichtlich im nächsten Jahr soll die öffentliche Grünfläche im Blockinnenbereich des Anwesens Mathildenstraße 11-13, dem ehemaligen Autohaus Friedel, angelegt werden. Daneben kümmerten sich seit Jahren Quartiersmanagement und Quartiersrundgänger um die nachbarschaftlichen Sorgen und Belange der Bewohner.

Viel verspricht man sich von dem Neubau gegenüber dem Alten Friedhof. Wobei eine aktive Rolle – und das ist ein ebenso bemerkenswerter wie umstrittener Ansatz – offenbar die neuen Bewohner übernehmen sollen: „Die Stadt geht davon aus, dass mit den städtebaulichen Aufwertungen und den neuen Bewohnern im direkten Umfeld der Querstraße/Friedhofstraße sich auch positive Auswirkungen auf die Querstraße einstellen“, sagt Matthias Müller. Das Gebiet habe wegen seiner innenstadtnahen Lage viel Potenzial. Die Neubauten würden weitere Investitionen, auch in den Bestand und in die Infrastruktur nach sich ziehen, die das Gebiet sukzessive aufwerteten.

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