Debatte um Benachteiligung

Frauenfeindlichkeit und Mobbing an der HfG? Studie soll Neuorientierung schaffen

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Ein „differenziertes Selbstbild “ soll entstehen: Zum 50. Jubiläum hält sich die HfG selbst den Spiegel vor. Foto: Seibt

Im September 2018 ereignete sich an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach etwas, das Marc Ries, Professor für Soziologie und Medientheorie, als „Vorfall“ bezeichnet: Susanne Winterling, damals Professorin für Bildhauerei an der HfG, schmiss hin und begründete ihren Schritt mit den Zuständen an der Schule.

  • Vorwürfe um Benachteiligung an der HfG in Offenbach
  • Studie soll Neuorientierung an der HfG ermöglichen
  • Austausch zwischen Studierenden und Hochschulleitung verstärkt

Offenbach – Von Frauenfeindlichkeit und Mobbing war die Rede. Was ist seitdem passiert an der Hochschule in Offenbach? Welche strukturellen Missstände gibt es dort? Diese Fragen wird demnächst sehr wahrscheinlich eine Studie von Marc Ries beantworten können. Über drei Semester hinweg hat der Professor, der in Offenbach und Wien lebt, mit Studierenden das Leben und Arbeiten an der HfG erforscht. 

Der „Vorfall“ war nicht der Anlass der Feldforschung, darauf weist Ries hin. Aber der Weggang von Susanne Winterling und die Reaktionen darauf waren eine Art Katalysator: Auf einmal diskutierte die ganze Schule über Benachteiligung, Gleichberechtigung und Chancengleichheit, über Mitsprache und Transparenz.

HfG Offenbach: Studie um Benachteiligung an der Hochschule

Die Ergebnisse der Studie sollen im April veröffentlicht werden, ein paar Erkenntnisse gibt es aber schon jetzt. Die meisten Kolleginnen und Kollegen ließen sich schnell auf die Befragungen ein, einige allerdings nur zögerlich, berichtet der Professor; das Projekt sei anfangs durchaus mit Skepsis betrachtet worden. 

„Es geht um Hierarchien und Machtverteilungen“, erklärt sich Ries die Widerstände. Einige der Befragten berichteten von Abhängigkeitsverhältnissen. Die entstünden zum einen durch die Rangordnung an der Schule und die mehr oder weniger gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen den Bereichen, beispielsweise zwischen Lehre und Werkstätten. Die Analyse der Probleme sei nicht einfach, denn für die Teilnehmer sei „es eine komplexe psychosoziale Situation“, sagt Ries.

HfG Offenbach: Machtstrukturen an der HfG sollen erforscht werden

52 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der HfG haben an der Studie teilgenommen, darunter Professoren, Werkstattleiter und Verwaltungsangestellte – quer durchs Haus vom Präsidenten Bernd Kracke bis zum Reinigungspersonal. Sie wurden in anderthalb bis zweistündigen Gesprächen interviewt, in denen es um ihre Entscheidung ging, für die HfG zu arbeiten, um die Arbeitssituation und das -klima, um Verbesserungsvorschläge und Wünsche. Die Antworten wurden in einem standardisierten Verfahren dreifach codiert, sodass am Ende verallgemeinerte Aussagen ohne Rückschluss auf die einzelnen Personen möglich sind.

Marc RiesInitiator der Studie

Wozu das Ganze? Es soll ein „differenziertes Selbstbild der HfG“ entstehen, sagt Ries. Deshalb habe man mit der Grounded Theory gearbeitet, einer Methode, die ergebnisoffen angelegt ist und die nicht lediglich eine Hypothese bestätigen oder widerlegen will. Es soll eine Art Panorama entstehen, das vor allem Machtstrukturen und Abhängigkeiten abbildet, und das als Grundlage für eine neue Diskussion dienen soll.

 Schon vor anderthalb Jahren, kurz nach dem „Vorfall“ hatten die Studierenden zu einer Vollversammlung gerufen und einen Katalog mit Forderungen aufgestellt. Unter anderem wollten sie, dass Machtstrukturen transparent gemacht, der „Personenkult“ unterbunden und den Werkstattleitern mehr Respekt entgegengebracht werden sollte.

HfG Offenbach: Austausch zwischen Studierenden und Leitung verstärkt

„Alle strengen sich an, diese Forderungen umzusetzen“, sagt die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der HfG Katja Kupfer. Der Austausch zwischen Studierenden und Hochschulleitung sei seitdem verstärkt worden, mehrere Arbeitsgemeinschaften zur „Sensibilisierung“ etwa in Bezug auf Genderthemen wurden gegründet, eine externe Vertrauensperson bei Machtmissbrauch und sexualisierter Diskriminierung wurde engagiert.

„Es gibt natürlich immer noch eine Unterrepräsentanz von Frauen bei den Professoren“, sagt Kupfer. Deshalb sollen Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt werden. „Wir bemühen uns sehr, und es ist auch schon einiges erreicht, aber es ist ein Prozess, der auch Zeit braucht“, sagt Kupfer.

Der Zeitpunkt für eine kritische Selbstbefragung und Diskussion sei gut, findet Marc Ries. Im Jahr des 50. Jubiläums herrsche ein produktives Klima an der Hochschule in Offenbach.

von Lisa Berins

Seit Jahren sind für den geplanten HfG-Neubau im Hafen zwei Grundstücke reserviert. Schließlich ist der Umzug der Hochschule für Gestaltung aus der Innenstadt ins prosperierende Viertel ausgemachte Sache zwischen Offenbach und Wiesbaden.

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