Warnstreik

Kampf um Anerkennung: Beschäftigte am Offenbacher Sana-Klinikum streiken

Beschäftigte des Sana-Klinikums beteiligten sich am Streik für bessere Entlohnung.
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Beschäftigte des Sana-Klinikums beteiligten sich am Streik für bessere Entlohnung.

Warnstreiks in Offenbach: Als „Helden“ wurden sie zu Beginn der Corona-Pandemie gefeiert – doch statt solcher Worte wäre den Beschäftigten in Pflegeberufen etwas anderes lieber: Anerkennung für ihren Berufsstand.

Offenbach - Der Zorn über fehlende materielle wie ideelle Anerkennung ist deutlich spürbar Donnerstagmorgen (24.09.2020) vor dem Sana-Klinikum: Knapp 200 Mitarbeiter sind dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt und bestreiken das Krankenhaus. „Es muss sich endlich etwas ändern“, sagt Heidi Eckel. Zusammen mit Peter Eichler gehört sie zur Streikleitung am Morgen, beide sind als Pflegekräfte am Sana-Klinikum angestellt – die Situation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtung ist ihnen somit bekannt.

Bevor die Streikenden nach Frankfurt zum Bürgerhospital weiterziehen, um dort gemeinsam mit anderen Beschäftigten zu demonstrieren, machen sie noch in Offenbach ihrem Ärger Luft. Wegen zu geringem Lohn, ausufernder Arbeitszeiten, fehlender Pausenregelung und vielem mehr. „Im Gesundheitssystem läuft schon lange sehr viel falsch“, sagt Hilke Sauthof-Schäfer von der Gewerkschaft Verdi. Es gebe einen „großen Nachholbedarf“, was die Gehälter anbelange. Außerdem müssten die vom „Runden Tisch“ geforderten Entlastungstage für die Mitarbeiter endlich umgesetzt werden.

Offenbach: Warnstreik am Sana-Klinikum - „Wir sind seit Jahren unterbesetzt“

Die Corona-Krise habe das Fass nun zum Überlaufen gebracht. „Wir sind ja seit Jahren unterbesetzt – laut Verdi fehlen in Deutschland rund 162 000 Pflegekräfte“, sagt Eckel, „das war vor Corona. Seitdem hat sich die Lage noch verschlimmert.“ Die Arbeit habe sich deutlich vermehrt, allein durch die strengen Hygiene-Auflagen. „Wir haben zwar nicht mehr so viele Patienten wie zuvor auf den Stationen, aber die Laufwege bleiben dennoch gleich und durch die Hygiene-Auflagen sind viele Aufgaben hinzugekommen“, sagt Eichler. Auch psychisch sei die Situation belastend: Da ein strenges Besuchsverbot herrscht, sind die Pflegekräfte auf den Stationen die einzigen Ansprechpartner für Patienten. „Manche Krankenschwester auf Station ist den ganzen Tag allein damit beschäftigt, Anrufe von Angehörigen zu beantworten“, sagt Eckel.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigte Corona-Prämie habe bisher nur Unfrieden provoziert, sagt Betriebsratsvorsitzender Holger Renke. Da nach jüngsten Überlegungen lediglich ein Viertel aller Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen von der Prämie profitieren würde, sei die Enttäuschung groß. „Alle Beschäftigten sollten dagegen eine Wertschätzung erfahren“, sagt er.

Offenbach: Mitarbeiter des Sana-Klinikums folgen Streikaufruf von Verdi - Kampf um Anerkennung

Doch Wertschätzung erführen Pflegekräfte kaum, berichtet Eckel. „Wer eine Ausbildung im Pflegebereich macht, arbeitet meist nur kurz in dem Beruf und wechselt dann – diese Leute fehlen uns.“ Mit großem Aufwand würden Pflegekräfte aus dem Ausland abgeworben, doch würden diese anschließend in den Herkunftsländern fehlen.

„Es muss mir doch zu denken geben, wenn ein 35-jähriger Mensch im Pflegeberuf sagt, er schaffe das nicht mehr und möchte nur noch 60 Prozent arbeiten“, sagt Eckel. Entlastung sei daher dringend nötig, außerdem mehr gesellschaftliche Anerkennung für Berufe im Gesundheitssystem.

Dass während des Streiks Notfälle nicht behandelt werden, muss keiner fürchten. „Wir haben mit der Gewerkschaft einen Notfallplan vorgelegt“, sagt Eichler, „eine Notdienstbesetzung und ein Bereitschaftsplan für den OP-Dienst sind darin geregelt.“ Die Klinik-Leitung habe dem jedoch nicht zugestimmt. „Deren Belegungsplan war unannehmbar – wir müssen für unsere Rechte protestieren dürfen“, sagt er. Von Frank Sommer

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