„Offenbach wartet darauf“

+
Nach über 15 Jahren hält wieder Theater Einzug im Capitol an der Goethestraße. Am 27. Oktober startet eine neue Veranstaltungsreihe, die fünf Schauspielaufführungen und eine Operninszenierung bietet. 

Offenbach - Überall war es klamm und kalt. Zwei Jahre lang war das Stadttheater nicht mehr beheizt worden. „Schimmel statt Shakespeare“ lautete eine Schlagzeile unserer Zeitung im Jahr 1991. Von Simone Weil

Lediglich auf der kleinen Studiobühne fand noch Theater statt, aber nur wenn die Warmluftgebläse gegen die Temperaturen ankamen. Ende 1989 hatte bereits ein Künstler aus der Not eine Tugend gemacht und die für Besucher widrigen Gegebenheiten für eine Ausstellung genutzt. Eisblöcke, in denen Fotos eingeschlossen waren, hielten sich problemlos vier Tage lang in der zum Theater umgebauten Synagoge an der Goethestraße. Im März 1994 fand dort schließlich der letzte Schauspielabend im alten Stil statt.

Den Start macht Brecht

Nach über 15-jähriger Pause heißt es jetzt im Capitol: „Das Theater kommt zurück“. Die neue Reihe „TheaterEssenz Offenbach“ soll Schauspiel und eine Operninszenierung auf die Bühne des Hauses bringen. Mit sechs Aufführungen von Klassikern wie Schillers Don Carlos oder Dürrenmatts Besuch der alten Dame, aber auch einer Bühnenfassung des Romans Schnee des zeitgenössischen türkischen Autos Orhan Pamuk will das städtische Forum Kultur und Sport das Kulturleben bereichern. Den Start macht am 27. Oktober das „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht.

Die Theatertradition war sehr lebendig“, meint Kulturbüroleiter Ludo Kaiser. Von allen Seiten sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, endlich wieder eine Theaterreihe in der Stadt zu etablieren, sagte Dr. Ralph Philipp Ziegler: „Der Wunsch nach mehr Theater ist gleichzeitig der Wunsch nach mehr Lebensqualität.“ Ähnlich wie die erfolgreiche Konzertreihe „Capitol Classic Lounge“ sei die Aktion eine „identitätsstiftende Maßnahme“. „Offenbach wartet darauf.“

Die Reihe „TheaterEssenz Offenbach“ stelle sich dem Anspruch, einerseits einer 120.000-Einwohner-Stadt eine eigene Theaterreihe zu bieten, wie auch Inszenierungen in die Rhein-Main-Region zu bringen, die auch für ein weiteres Einzugsgebiet attraktiv sein könnten.

Nur renommierte Häuser zu Gast

Im Capitol werde kein Tourneetheater Station machen, sagte Ziegler. Zu Gastspiel-Besuchen kommen renommierte Häuser wie das Theater Bremen, das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper München, aber auch das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel.

Man bewege sich im bildungsbürgerlichem Rahmen, sei aber auch offen für Neues. „L’art pour l’art“, also Kunst um der Kunst willen, sei nicht zu erwarten, kündigte der Leiter des Forums Kultur an. Oberbürgermeister Horst Schneider setzt auch auf Schulklassen, die die Gelegenheit nutzen könnten, sich Aufführungen gewissermaßen vor der Haustür anzusehen.

Bei der Programmgestaltung geholfen haben Stefanie Fiedler und Johannes Schurz vom „Kulturcabrio“, die sich Beratung, Konzeption und Umsetzung auf die Fahnen geschrieben haben. Die beiden haben „tolle Vorgaben gemacht durch das Sichten der Theaterlandschaft“, lobte Ziegler.

Die Gesamtkosten der neuen Veranstaltungsreihe belaufen sich auf etwa 100.000 Euro inklusive der Honorare für die Berater. Zwei Sponsoren unterstützen das Projekt, das mit Plakaten und einem Programmheft beworben wird. Wenn insgesamt 840 Sitzplätze bei allen sechs Vorstellungen belegt wären, wären die Ausgaben wieder drin, rechnete Ziegler vor.

Am 19. September beginnt der Abonnement-Verkauf

 Bei einer Auslastung von 65 Prozent könnte man das Experiment als gelungen betrachten. Am 19. September beginnt der Abonnement-Vorverkauf, am 5. Oktober der Einzelkartenverkauf bei den bekannten Stellen. Einzelkarten kosten zwischen 18 und 26 Euro im Vorverkauf, Schüler zahlen acht Euro. Die Abos sind zu Einführungspreisen zwischen 77 und 111 Euro zu haben.

Das Capitol Theater war von 1954 bis 1993/94 Offenbacher Stadttheater mit bis zu elf verschiedenen Abonnement-Reihen (Sprechtheater, Musiktheater, Konzerte) und wurde aus Kostengründen geschlossen. 1954 wird das Haus mit Mozarts „Zauberflöte“ feierlich eröffnet. Zwischen 1954 und 1975 werden überwiegend Opern, Operetten und Schauspiele aus Gießen und Heidelberg aufgeführt. Aber auch andere Tourneetheater (etwa Pfalztheater Kaiserslautern) gastieren in Offenbach.

Hochzeit war 1986

1979 wird bekannt, dass die Beleuchtung erneuert werden muss. Ab 1982 regnet es durch die Kuppel, 1988 gibt die Heizung ihren Geist auf. 1989 wird das Theater wegen Brandgefährdung geschlossen. Auf der Studiobühne (Bühne auf der Hauptbühne; 110 Zuschauer) wird weitergespielt: Kammerspiel, Kabarett und freies Theater. Ab 1992 wird auf der Seitenbühne (dem Bühnenhaus) gespielt, da der für Theatergastspiele vorgesehene Showroom der Messehalle sich als ungeeignet erweist. Die Konzerte werden ins Büsingpalais verlagert. Während der Hochzeiten des Theaterbetriebs (etwa 1986) verzeichnet man bei 30 Schauspielen 14.000 Besucher, bei acht Operetten 5.000 Zuhörer und elf Opern 5.400 Gäste.

Als aus baulichen Gründen im Theater nichts mehr geht - als Sanierungskosten wird ein zweistelliger D-Mark-Millionenbetrag geschätzt - verblüfft der damalige Oberbürgermeister Gerhard Grandke Mitte der 90er Jahre mit einer verlockenden Zukunftsperspektive: Offenbach wird Musical-Stadt. Es folgt der 16 Millionen Mark teure Umbau zum privaten Musical-Theater. Der Kölner Veranstalter Peter Rieger pachtet das Theater für 25 Jahre. Die Besucher bleiben aber aus - Marketing- und Management-Fehler führen schon 1996 zum Aus. Zur Kasse gebeten wird auch die Städtische Sparkasse, die mit zehn Millionen Mark für den Umbau des Theaters gebürgt hat. Grandkes Kommentar: „So billig hätten wir nie ein saniertes Theater bekommen.“

Dann wird aus dem Bau das Veranstaltungshaus „Capitol“ für Konzerte und diverse Festivitäten. Im Jahr 2005 findet die Neue Philharmonie Frankfurt an der Goethestraße Unterschlupf. Sie teilen das Haus mit Veranstaltungen dieser und jener Art.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare