Offenbach

Weiter Weg zur Barrierefreiheit

Leichte Sprache und Gebärdensprachvideo: Die Stadt Köln hat ihren Internetauftritt vorbildlich gestaltet. 
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Leichte Sprache und Gebärdensprachvideo: Die Stadt Köln hat ihren Internetauftritt vorbildlich gestaltet. 

Barrierefreiheit bedeutet mehr, als nur Rampen für Gehbehinderte zu bauen. Auch die Übersetzung städtischer Seiten in leichte Sprache gehört dazu. Während Frankfurt in diesem Bereich sehr weit ist, beginnt in Offenbach erst die Arbeit.

Offenbach – Dass öffentliche Gebäude auf Treppen verzichten oder Rampen und Lifte für Menschen mit Gehbehinderung verfügen, ist inzwischen fast überall Standard. „Barrierefreiheit“ lautet dafür das Motto. 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, die Zugänglichkeit und Barrierefreiheit zum Inhalt hat für alle Lebensbereiche. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Kommunikation.

Doch gerade im Bereich der Kommunikation tun sich viele Kommunen schwer, auch Offenbach. Während die Nachbarstadt Frankfurt für ihren Internetauftritt seit 2016 eine Übersetzung in Leichter Sprache anbietet und auch der Kreis immerhin grundlegende Informationen in vereinfachten Sätzen bereit hält, gibt es von der Stadt Offenbach nichts Vergleichbares. Ende 2016 haben die Stadtverordneten lediglich die Prüfung der Erstellung von Mustererläuterungen in Leichter Sprache beschlossen. Seitdem ist es jedoch still geworden um das Thema.

Stadt Offenbach noch in der Konzeptionsphase

„Offenbach hat da eine leichte bis mittelschwere Verzögerung“, sagt Rainer Marx, Vorsitzender des Behindertenbeirats der Stadt. Erst seit diesem Jahr gebe es eine Arbeitsgruppe in der Stadtverwaltung, die sich mit dem Abbau von Hürden in der Verwaltungssprache der Stadt befasse. „Der Beirat hat einige Vorschläge gemacht, die aufgenommen werden sollen“, sagt Marx, „allerdings wird das alles wohl erst ab kommendem Jahr in die Umsetzung gehen.“

Auch Ralf Theisen, der für die Arbeitsgruppe in der Verwaltung zuständig ist, spricht davon, dass die Stadt noch in der Konzeptionsphase sei. „Sprache ist ein Thema unter vielen beim Kommunalen Aktionsplan Inklusion“, sagt er. Momentan werden aus den verschiedenen Ämtern die jeweiligen Vorgehensweisen und Vorschläge eingeholt, wie eine barrierefreie Kommunikation umgesetzt werden soll.

Andere Kommunen wie Wiesbaden werden dabei durchaus als Vorbild betrachtet: Die Stadt Wiesbaden hat Broschüren und Merkblätter zu Themen und Antragsformularen im Bereich Soziales entwickelt. Dort gibt es etwa eine Broschüre für werdende Eltern in Leichter Sprache.

Auch für Offenbach sei ähnliches erstrebenswert, etwa Merkblätter zur Wohnungsummeldung oder für Ausweisverlängerungen. Allerdings binde die Umsetzung Personal und Geld. Daher werde man in Offenbach wohl einen anderen Weg gehen, sagt Theisen. Statt in Leichter Sprache sollen die Erläuterungen in Einfacher Sprache verfasst werden. Dies habe den Vorteil, dass die Übersetzung schneller und kostengünstiger sei.

Einfache Sprache ist allerdings komplexer und gilt als barrierearm, nicht als barreierefrei. Sie könnte also für die eigentliche Zielgruppe von Menschen mit Lernbeeinträchtigung oder Behinderung noch immer eine Hürde darstellen. „Man sollte immer die Zielgruppe für barrierefreie Kommunikation im Blick haben“, rät Christiane van den Borg, Leiterin der Stabsstelle Inklusion bei der Stadt Frankfurt. Bereits 2016 hat Frankfurt begonnen, Übersetzungen in Leichter Sprache ins Netz zu stellen.

Umsetzung in Offenbach verzögert sich

Van den Borg möchte anderen Kommunen die Angst nehmen, dass Übersetzungen in Leichter Sprache zu zeitaufwendig oder kostspielig seien. „Als wir angefangen haben, hatten wir gerade einmal 4000 Euro zur Verfügung für die Webseite“, sagt sie. Eine Übersetzung durch ein spezielles Büro sei aber unerlässlich. „Professionelle Übersetzungsbüros bearbeiten den Vorschlag der Verwaltung und legen anschließend die Übersetzung noch einmal einer Prüfgruppe vor, die aus Menschen mit Beeinträchtigung besteht. Wenn auch diese den Text verstehen, ist gewährleistet, dass der Text für die Zielgruppe verständlich ist.“

Dass die Umsetzung von barrierefreier Kommunikation in Offenbach sich verzögert, möchte van den Borg nicht kritisieren. „Teilhabe ist zwar ein einklagbares Recht, aber es ist wichtig, dass die Kommunen sich überhaupt auf den Weg machen.“ Zudem gebe es im Rhein-Main-Gebiet genügend weitere Kommunen, bei denen das Thema auch noch in den Kinderschuhen stecke. „Als wir 2016 angefangen haben, hieß es auch, dass Köln schon viel weiter ist“, sagt sie.

Tatsächlich wird Köln bundesweit als Vorreiter genannt. Neben Leichter Sprache und Vorlesefunktion für Sehbeeinträchtigte werden etwa auch Videos in Gebärdensprache angeboten. Diese Angebote seien Bestandteil von barrierefreier Kommunikation, betont van den Borg, auch Frankfurt wolle solche Videos künftig anbieten. Das Historische Museum hat diese bereits realisiert.

Auch die Sorge über die Kosten kann van den Borg relativieren. „20 PDF-Dokumente in Übersetzung anfertigen zu lassen, kostet rund 8000 Euro, die Webseite für Blinde lesbar zu machen, knapp 4500 Euro – das sind keine großen Beträge.“

In Offenbach wird es dagegen noch etwas dauern, bis Vergleichbares vorliegt. Dass die Stadtgesellschaft teils schon weiter ist, zeigt das Beispiel der Evangelischen Stadtkirche. Deren Gemeindebrief wird in normaler und Leichter Sprache verfasst, einmal im Monat ein Gottesdienst in Leichter Sprache gefeiert.

Obwohl barrierefreie Kommunikation und Teilhabe Rechte sind, gibt es aber auch noch viele Vorbehalte dagegen. Sicherlich wirkt Leichte Sprache für „Normalbürger“ durch Simplifizierung und den Verzicht auf Poesie und Doppeldeutigkeit abschreckend – doch diese sind nicht die Zielgruppe. Auch in der Stadtverordnetenversammlung wurde kürzlich ein Antrag des Kinder- und Jugendparlaments zur Einführung von Leichter Sprache parteiübergreifend mit der Begründung abgeschmettert, man „spreche doch verständlich.“

„Eigentlich bräuchten wir einen Inklusionsbeauftragten für solche Fälle“, sagt Marx, „aber den kann sich Offenbach nicht leisten.“

VON FRANK SOMMER

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