Werkstätten Hainbachtal

Aus der Kantine an die Nähmaschine

Hanni Özgen arbeitet normalerweise in den Werkstätten an der Essensausgabe.
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Hanni Özgen arbeitet normalerweise in den Werkstätten an der Essensausgabe. 

Nachdem die Landesregierung im Zuge der Coronakrise erst am 23. März – und damit sehr spät – via Erlass für die Werkstätten für behinderte Menschen ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen hat, müssen auch die 750 Mitarbeiter der Werkstätten Hainbachtal zu Hause bleiben.

Offenbach – Eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Deshalb hat die Geschäftsführung den Schwerpunkt ihrer Arbeit für diese Zeit auf die Betreuung der Mitarbeiter mit Handicap gelegt und versucht, so viel wie möglich mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Die entsprechenden fachlichen Mitarbeiter rufen bei den Werkstattmitarbeitern und deren Familien an. Außerdem wurden Osterpakete zusammengestellt und verschickt. Und über die Facebook-Seite der Werkstätten Hainbachtal werden Fragen beantwortet.

„Wir rufen aktiv bei den Familien oder in den Wohnheimen an und fragen, wie wir sie unterstützen können“, sagt Thomas Ruff, einer der beiden Geschäftsführer im Hainbachtal. Man biete etwa Einkaufshilfen oder auch eine „Eins-zu-Eins-Betreuung“ an, worunter beispielsweise ein Spaziergang zu zweit – mit dem nötigen Abstand – verstanden werden könne. Ruff: „Damit sollen Familien und Angehörige entlastet werden.“ Denn nicht nur für die Mitarbeiter mit Handicap würden neben der Arbeit und dem strukturierten Tagesablauf die sozialen Kontakte wegbrechen.

Damit nach dem Ende des Shutdowns die Werkstattmitarbeiter sofort an ihren Arbeitsplatz zurückkommen können, läuft die Produktion weiter. Möglich machen das jene Beschäftigte im Hainbachtal, die zurzeit ihrer Arbeit nicht nachgehen können – wie zum Beispiel die Mitarbeiter aus der Kantine. Sie haben größtenteils freiwillig ihre Hilfe angeboten und übernehmen jetzt Aufgaben, die sonst von den Behinderten ausgeführt werden. Pressesprecherin Jana Holecek gießt beispielsweise die Blumen, Verwaltungsmitarbeiter helfen beim Konzeptionieren und Angestellte aus den beiden Cafés der Werkstätten übernehmen Telefondienste oder arbeiten in der Produktion. Dort sind aktuell 60 bis 70 Personen tätig, die vermehrt die Aufträge der Industriekunden abarbeiten, womit das Gehalt der Werkstattmitarbeiter auch in deren Abwesenheit gesichert wird. Der Kontakt und die Partnerschaft mit Bestandskunden kann damit gehalten, die Beratung von Neukunden läuft weiter.

Es werden unter anderem systemrelevante Gegenstände wie Schutzmasken, Pumpen für Atemgeräte sowie Membranpumpen für spezielle Krankenhausbetten hergestellt. Die Wäscherei kümmert sich hauptsächlich um die Wäsche aus den Altenheimen.

Damit alle Stellen der behinderten Mitarbeiter gesichert sind, arbeitet die Belegschaft unter dem Motto „in Verschiedenheit miteinander“ zusammen. „Der Solidargedanke ist sehr gut bei unseren Mitarbeitern. Ich muss ein großes Lob aussprechen“, sagt Geschäftsführer Thomas Ruff. „Uns wurde sogar schon angeboten, die private Nähmaschine von zuhause mitzubringen, um Masken zu nähen.“

VON THERESA RICKE

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