Interview

Klimawandel und seine Auswirkungen in der Region: Können Menschen ihn bremsen?

Florian Imbery ist Meteorologe und Klimaexperte beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach
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Florian Imbery ist Meteorologe und Klimaexperte beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach

Spätestens seit den Dürre-Sommern 2018 und 2019 und den Protesten der Aktivisten von Fridays for Future ist der Klimawandel in aller Munde. Doch wie wirkt er sich auf die Region aus und wie können die Menschen ihn bremsen?

  • Klimawandel hat Auswirkungen auf die Region
  • Ursachen liegen in Beginn der Industrialisierung
  • Extreme Wetterereignisse

Offenbach – Florian Imbery ist Meteorologe und Klimaexperte beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Im Interview beantwortet er unsere Fragen zum Klimawandel.

Die Begriffe Klima und Wetter werden häufig in einem Atemzug genannt – wo liegt der Unterschied?

Das Wetter beschreibt den physikalischen Zustand der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, während das Klima die Statistik des Wetters über einen ausreichend langen Zeitraum ist.

Wie beeinflusst das Klima unser Wetter?

Wenn sich nun (egal, ob aufgrund natürlicher oder menschengemachter Ursachen) das Klima in einer Region ändert, dann heißt das auch, dass sich die Häufigkeiten von Extremereignissen wie Dürre-, Kälte- oder Hitzeperioden und damit das Wetter ändert. Außerdem gehen wir davon aus, dass eine weitere globale Erwärmung auch einen Einfluss auf die Entstehung von Hoch- und Tiefdruckgebieten sowie ihre typischen Zugbahnen haben wird. Dies drückt sich dann im alltäglichen Wetter- und Witterungsverlauf aus.

Gibt es einen Klimawandel und ist dieser menschengemacht?

Dass sich das Klima im Laufe der Zeit ändert, wissen wir mindestens aus der Kenntnis über die letzte Eiszeit, die große Teile des heutigen Deutschlands unter einen Eispanzer setzte. Aus der Forschung sind Schwankungen der globalen Mitteltemperatur in den letzten Millionen Jahren zwischen 9 und 16 Grad Celsius bekannt. Die Erwärmung der Erde schreitet allerdings seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Geschwindigkeit fort, die durch natürliche Ursachen nicht erklärbar ist. Es ist wissenschaftlicher Sachstand, dass ein weiterer Temperaturanstieg aufgrund der durch den Menschen verursachten zusätzlichen Treibhausgas-Emissionen zu erwarten ist.

Offenbach Deutscher Wetterdienst (DWD): Die Ursachen für den Klimawandel

Was sind die Ursachen für den Klimawandel?

Die atmosphärischen Konzentrationen von Kohlendioxid, Methan und Lachgas sind seit Beginn der Industrialisierung auf Werte angestiegen, die seit mindestens den letzten 800 000 Jahren noch nie vorgekommen sind, primär durch die Emissionen aus fossilen Brennstoffen und sekundär durch Emissionen aufgrund von Landnutzungsänderungen wie der Verringerung der Flächen von Regenwäldern und der Zunahme intensiver Landwirtschaft. Diese Änderungen der atmosphärischen Treibhausgaskonzentrationen führen zu einem Anstieg der globalen Temperatur.

Wie äußert sich der Klimawandel?

Bei vielen extremen Wetterereignissen wurden Veränderungen beobachtet. In Europa, Asien und Australien treten häufiger Hitzewellen auf, die Zahl der warmen Tage und Nächte hat seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts zugenommen. Wir beobachten aber auch in Deutschland immer deutlicher die direkten Folgen der globalen Erderwärmung. Die Auswertungen der Messdaten des Deutschen Wetterdienstes sind eindeutig: Es wird rasant wärmer, mehr Hitzewellen und Dürreperioden bedrohen unsere Gesundheit, gleichzeitig muss mit Schäden durch heftigere Starkregenereignisse gerechnet werden. 

Die vergangenen zwei Jahre haben in Mitteleuropa sehr deutlich gezeigt, auf was wir uns zukünftig einstellen müssen. 2018 und 2019 waren bei uns die bisher wärmsten Jahre seit 1881. Verursacht durch eine lange anhaltende Trocken- und Hitzeperiode während der Vegetationsperiode erlebten wir 2018 eine intensive Dürreperiode mit schwerwiegenden Folgen zum Beispiel für die Forst- und Landwirtschaft oder die Binnenschifffahrt.  

Diese extremen Bedingungen gingen im Jahr 2019 weiter: Deutschland und Europa erlebten Hitzewellen in einer Intensität, wie sie in Mitteleuropa bisher noch nicht vorgekommen sind. Im Juli 2019 überschritten die Temperaturen an drei aufeinanderfolgenden Tagen an zahlreichen unserer Messstationen im westlichen Teil Deutschlands die 40-Grad-Schwelle. Auch die Trockenheit setzte sich fort.

Deutscher Wetterdienst (DWD) in Offenbach: Die Folgen des Klimawandels

Lassen sich die Folgen seriös prognostizieren?

Der eindeutige Nachweis einer Änderung meteorologischer Extreme durch den Klimawandel ist nach wie vor schwierig zu führen. Die sogenannte Attributionsforschung, das heißt, der Nachweis eines Zusammenhangs von einem einzelnen Extremereignis mit dem Klimawandel ist ein relativ junger Forschungszweig in den Klimawissenschaften. Inzwischen ist aber die Zuschreibung einzelner Extremereignisse als Folge des Klimawandels (zum Beispiel die intensiven Hitzeperioden im Juni und Jul 2019 in Europa) möglich.

Gibt es in unserer Region klimatische Besonderheiten?

Das sehr dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet ist von Hitzeperioden besonders betroffen. Aufgrund der dichten Bebauung kühlt es hier nachts weniger ab. Frankfurt hat von den bundesdeutschen Großstädten inzwischen die meisten sogenannten Tropennächte (Nächte, in denen die Tiefsttemperatur nicht unter 20 Grad Celsius absinkt). Dies hat insbesondere für ältere und kranke Menschen negative gesundheitliche Folgen.

Was bedeutet der Klimawandel für unsere Region?

Basierend auf den vorliegenden Klimarechnungen ist in Deutschland mit einem weiteren Anstieg der mittleren Lufttemperatur zu rechnen. Die Klimaprojektionen zeigen für ein Weiter-wie-bisher-Szenario einen weiteren Anstieg von 3,1 bis 4,7 Grad Celsius bis Ende des 21. Jh. Eine konsequente Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen kann den weiteren Anstieg auf 0,9 bis 1,6 Grad Celsius begrenzen. Eine besonders deutliche Zunahme erwarten wir für die Zukunft beim Auftreten extrem hoher Temperaturen sowie bei der Häufigkeit von Hitzewellen, während Frostereignisse voraussichtlich seltener auftreten werden. 

Wetter in Südhessen: Warmes Klima wird zum Standard

Das heißt, dass wärmere Sommer mit intensiven Hitzeperioden wie in den Jahren 2003, 2018 und 2019 in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auch hier in Hessen eher die Normalität als die Ausnahme sein können. Beim Niederschlag werden die Bedingungen insgesamt extremer. Wir erwarten eine Zunahme sowohl der Häufigkeit wie auch der Intensität von Starkniederschlägen, aber auch ein gehäuftes Auftreten trockener Tage. Das kann sich insbesondere im Sommer und Herbst zu längeren Trocken- und Dürreperioden zusammenfügen.

Lässt sich der Klimawandel noch aufhalten?

Um die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels zu begrenzen, sind Maßnahmen auf globaler Ebene zum Schutz des Klimas unumgänglich. Das lässt sich nur durch eine drastische Minderung der Treibhausgasemissionen erreichen. Die Frage ist hier zuerst, ab wann wir mit einer Minderung unserer Treibhausgasemissionen beginnen werden. Leider ist es in den letzten 20 Jahren verpasst worden, effektive Maßnahmen zur Emissionsminderung zu ergreifen. 

Um das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen, müssten wir, wenn wir sofort damit beginnen würden, unsere CO2-Emissionen bis 2050 auf Null reduzieren. Um global deutlich unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben, dementsprechend früher. Das ist ein ambitioniertes Ziel. Wenn wir aber noch einige Jahre warten, dann müssten die Maßnahmen entsprechend drastischer sein.

Das Gespräch führte Niels Britsch

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