Demokratisierung des Wissens

20 Jahre Wikipedia: Worüber Autoren aus Offenbach und der Region schreiben

Wikipedia-Seite im Internet
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Durchgeklickt: Bei Wikipedia kann man sich schnell und ausführlich informieren.

Wikipedia ist in 20 Jahren zu einer Art kollektivem Gedächtnis geworden: Die Enzyklopädie kennt auf nahezu jede Frage eine Antwort. Zwei Autoren aus Offenbach und Langen berichten über ihre Arbeit.

Offenbach – „Wann Caesar gelebt hat? Keine Ahnung, ich google mal schnell“: Der letzte Satz ist in Zeiten von Smartphones ständig und überall zu hören. Denn eine Antwort auf nahezu jede Frage liefert heute das Internet, genauer gesagt: Wikipedia.

Die ehrenamtlich betriebene Online-Enzyklopädie, bei der sich jeder beteiligen kann, ist aus der Welt nicht mehr wegzudenken. Sie hat Wörterbücher in gedruckter Form abgelöst und den Nutzern ein schnelleres Nachschlagen von fast allen Themengebieten ermöglicht – mit nur ein paar Klicks, ohne ein schweres Buch herumzutragen. Am heutigen Freitag wird die Plattform mit der größten Sammlung an Wissen 20 Jahre alt.

Der Unterschied zum guten alten Lexikon in Buchform ist, dass sich bei dem Online-Nachschlagewerk jeder beteiligen kann. Nutzer – ob angemeldet oder nicht – können jederzeit Artikel schreiben, korrigieren, verändern oder ergänzen. Die Quellen sind deshalb nicht immer 100 Prozent nachvollziehbar. Meist aktuell gehalten, beantwortet Wikipedia aber die meisten Fragen und steht nicht nur deshalb derzeit auf Platz 13 der Liste der meistaufgerufenen Internetseiten weltweit, auf dem sechsten Platz in Deutschland.

Autor aus Offenbach: „Offenbacherjung“ ist seit 13 Jahren bei Wikipedia aktiv

Online ging das Projekt am 15. Januar 2001, im März darauf erschien die deutsche Version als erste weitere Sprachausgabe nach der englischen. Derzeit fasst das Netzwerk einen Artikelbestand von mindestens 2,5 Millionen deutschsprachigen Artikeln. Es gibt sogar Ausgaben auf Bayrisch und Plattdeutsch, und auch die „Star-Wars“-Film-Reihe hat ihr eigenes Wikipedia-Universum namens Jedipedia.

Die Artikel und Medien werden stetig auf den hinterlegten Diskussionsseiten mit Administratoren besprochen und bearbeitet. Zur Vermeidung von Vandalismus und Manipulation braucht es diese Kontrollinstanzen. Außerdem helfen Mentoren den Neulingen. Ein solcher Mentor ist der Benutzer „Offenbacherjung“. Der 53-Jährige ist seit rund 13 Jahren bei Wikipedia aktiv: „Anfangs habe ich nur Kleinigkeiten bearbeitet, Rechtschreibfehler korrigiert, Kommata gesetzt, fehlende Wörter ergänzt, quasi Unsinn beseitigt und Sinn hergestellt.“

Privat schreibt der Offenbacher gern und findet so ab 2013 einen Kanal für sein Hobby in der freien Enzyklopädie. 93 Artikel hat er seither bei Wikipedia veröffentlicht. Am Liebsten formuliert er über seine Heimatstadt Offenbach: „So kann ich meine Fähigkeiten einbringen, zu meiner Stadt stöbern und das, was vor der Tür liegt erkunden.“ Außerdem habe er so die Option, Fotos zu machen und einzubinden.

Angelegt hat „Offenbacherjung“ auch einen Artikel über den Oberbürgermeister Felix Schwenke

„Ich bin nah dran und es gibt viel zu tun“, sagt der Jurist, der mit seinen Beiträgen die Stadt ins rechte Licht rücken möchte: „Das kann man natürlich nicht aus eigenem Wissen tun, aber vieles gibt es schon. Es ist nur oft nicht ausreichend besprochen. Und muss dazu verständlich formuliert werden.“

Etwa fünf bis acht Stunden in der Woche befasst sich „Offenbacherjung“ mit Wikipedia-Beiträgen, geschrieben hat er jüngst über das ehemalige Gärtnerhaus im Westend, dessen Eigentümer für die Sanierung mit dem Denkmalschutzpreis 2020 ausgezeichnet wurde. „Die Nachfragezahlen zu Themen in Offenbach gehen hoch“, sagt der Wikipedianer: „Gerade auch, was die derzeitige Lage mit Corona angeht.“ Also schreibt er darüber.

Angelegt hat er auch einen Beitrag über Oberbürgermeister Felix Schwenke. Der Offenbacher hat sich mit den Ehrenbürgern der Stadt befasst und sich im Stadtarchiv erkundigt. „Das erfordert Zeit, aber es ist keine Arbeit für mich, sondern gibt mir wahnsinnig viel!“

Offenbacher Wikipedia-Autor ist auch Mentor für Neulinge auf der Plattform

Seine Heimatgeschichte hat den Autor neugierig gemacht. Fast jeder Artikel zu Offenbach wurde mittlerweile mindestens einmal von „Offenbacherjung“ bearbeitet. „Die Beschäftigung damit erweckt bei mir immer neue Interessen an Themen rund um Offenbach. Durch Wikipedia entsteht ein völlig neuer Zugang, etwa auch zu architektonischen Geschichten.“

Der Autor schaue dabei mit einem anderen Blick auf die Dinge, als wenn er daran vorbeilaufe: „Ich erlebe es als Geschenk!“ Und das will er weitergeben: Seit 2018 nimmt das Mentoring etwa 20 Prozent seiner Arbeit an der Plattform ein: „Offenbacherjung“ ist Helfer für Nutzer, die sich immer an ihn wenden können. Besonders wichtig sind überprüfbare Belege und Quellenangaben und, dass die Texte nicht sinnentstellend verändert werden. Bei Wikipedia gebe es die gleichen Probleme wie überall im Internet: „Man ist anonym, sieht sein Gegenüber nicht. Das erleichtert asymmetrische Kommunikation.

Wikipedia-Autor aus Offenbach legt viel Wert auf Anonymität

Sicher gäbe es auch viele skurrile Beiträge, unfertige „Happen“ und „Texte, bei denen man das Gefühl hat, der Mensch kann nicht mal gerade schreiben“, sagt der Autor und vermutet, dass es diesen Nutzern lediglich darum geht, bekannt zu werden. „Etwa ein Achtel der Beiträge kommt von sogenannten Trollen, Selbstdarstellern, die es darauf anlegen, Unsinn zu machen“, weiß „Offenbacherjung“. Um deren Beiträge kümmern sich dann die Administratoren, denn sie können alles verfolgen, nachvollziehen und gegebenenfalls den Beitrag sperren. Alles ist vernetzt, es gibt Versionsgeschichten, Bewegungsprotokolle und Zeitkurven. Alles wird gespeichert – und das mit Nutzernamen. Jeder Schritt ist sichtbar.

Aus diesem Grund möchte „Offenbacherjung“ seinen Klarnamen nicht angeben. Er legt hohen Wert auf Anonymität, da er sich auf Diskussionsseiten auch zu Themenfeldern äußert, mit denen er nach außen eventuell nicht in Verbindung gebracht werden möchte. „Nicht, weil es etwas Schlimmes ist, aber diese Präsenz im Netz hat für mich ein Geschmäckle, das ich nicht haben will“, sagt der Wikipedianer, der Bearbeitungen im Portal „Recht“ meidet, um hier auch Beruf und Hobby zu trennen.

„Offenbacherjungs“‘ Arbeit und Planungen sind auf seiner Benutzerseite einsehbar, so etwa auch Wartungslisten und Statistiken, seine „Werkstatt“ und sein „Lager“, in denen zum Teil unfertige Artikel zu finden sind, die noch bearbeitet werden. Auch Vorschläge für Bearbeitungen oder Beiträge nimmt er dort entgegen.

Auch der in Langen geborene Reinhard Dietrich ist einer von 8500 Wikipedia-Autoren im deutschsprachigen Raum

Gut 5 000 Aktive monatlich arbeiten derzeit wie „Offenbacherjung“ an der deutschsprachigen Wikipedia-Version. Davon sind rund 180 Administratoren. So belegt die deutsche Plattform den dritten Platz nach der englischen und schwedischen, wenn es um die meisten Wikipedia-Autoren geht. Trotzdem ist die Bilanz sinkend: Denn die Anzahl der Autoren lag 2006/07 noch bei 8 500 im deutschsprachigen Raum. Dabei wäre doch in Zeiten der Pandemie mit Kurzarbeit und Ausgangssperre mehr Zeit zum Schreiben.

Der Autor Reinhard Dietrich nutzt das, „wo man jetzt nicht reisen kann“ besonders gerne und viel, wenn er auch zuvor schon sehr aktiv bei Wikipedia war: Seit 2006 schreibt der 63-Jährige, der in Langen geboren wurde und seit drei Jahren in Worms lebt, Artikel für die freie Enzyklopädie unter seinem Klarnamen.

Der Rechtshistoriker, der bei einer Verlagsgesellschaft arbeitet, weiß: „Heute kauft niemand mehr Lexika. Es gibt keine Verlage mehr, die gedruckte Wörterbücher produzieren.“ Das Internet habe den Vorteil, dass es viel aktueller ist, sagt Dietrich, der vor knapp 15 Jahren durch eine Freundin zu Wikipedia kam: „Ich hatte damals etwas mehr Zeit, sie zeigte mir die Seite und das Prinzip, und da ich gern schreibe, habe ich testweise einen Artikel geschrieben.“ Eine Reaktion erhielt er darauf nicht, also schrieb er einen zweiten. „Da kam dann eine total freundliche Rückmeldung in der Diskussionsrunde. Als ,ganz prima’ wurde mein Bericht bezeichnet“, erinnert er sich. Ein Lob mit Folgen, denn so begann der Autor regelmäßig zu schreiben – am liebsten über das Großherzogtum Hessen. „Und über Eisenbahnstrecken“, sagt der Lokomotivenfan.

Langen: Manchmal schreibt Reinhard Dietrich kilometerlange Wikipedia-Artikel

Schon während seiner Dissertation hatte Dietrich Akten über interessante Nebenfelder angelegt. „Ich wollte später, in Rente, ein Buch darüber schreiben.“ Diese Idee wurde von seiner Tätigkeit bei Wikipedia nun abgelöst: „Alles, was ich erarbeitet habe, etwa die Verfassungsgeschichte der Grafschaft Hanau, ist jetzt online zu finden.“

Ein weiterer Vorteil von Wikipedia: „Normalerweise reise ich viel“, sagt Dietrich: „Jetzt geht das nicht, da reise ich mit meinem Kopf – durch Wikipedia.“ Doch das Schreiben ist sein Steckenpferd. Einige Stunden täglich investiert der Autor in sein Schreiben. „Je nachdem, was alles zu tun ist. Aber es vergeht selten ein Tag, an dem ich nichts bei Wikipedia mache.“

An manchen Beiträgen sitzt Dietrich etwa eine Stunde. „Völlig unterschiedlich ist das. Ich schreibe auch mal kilometerlange Artikel, an denen ich mehrere Wochen arbeite“, sagt er. Stolze 421 Beiträge hat der 63-Jährige bereits für die freie Enzyklopädie geschrieben: „Das ist ein gutes Gefühl, ich habe Leser“, freut sich Reinhard Dietrich, der in den vergangenen 15 Jahren rund 52 300 Eingriffe auf der Plattform getätigt hat und knapp 5 500 Tage aktiv war. Von der Änderung eines Punkts bis zu sehr langen Artikeln war alles dabei: „Es ist ein Hobby, andere spielen Fußball.“

Dank Wikipedia hat der Langener Autor schon tolle Urlaube gemacht

Was den Autor stört ist, „dass es einen Haufen Regeln bei Wikipedia gibt, die von 20 000 Nutzern vielleicht fünf Enthusiasten diskutieren. Und die gilt dann für alle.“ Das sei danach nur schwer zu ändern. Deshalb würde sich Dietrich ein parlamentarisches Gremium wünschen, „was mal alles überprüft, sonst könnte es zu einer Versteinerung des Systems kommen.“ Oft seien in Wikipedia-Beiträgen außerdem Fehler zu finden, „aber für eine Erstinformation ist das Netzwerk, das bei Google immer als eine der ersten Nennungen auftaucht, sehr gut!“, sagt der Autor.

Was die Ausdrucksweise angeht, habe es früher noch reichlich Stilblüten bei Wikipedia gegeben, das ist Dietrich aufgefallen: „Aber heute ist die Qualität viel höher geworden als zu meiner Anfangszeit.“ Es kommt jetzt sogar zum Austausch im echten Leben zwischen Wikipedianern, wenn nicht gerade Corona-Lockdown herrscht. Ein Stammtisch findet regelmäßig in der Frankfurter Altstadt statt, an dem Dietrich als Ex-Frankfurter schon öfter teilgenommen hat.

Sogar zwei tolle Urlaube hat er dank Wikipedia erlebt: „Ich bin beim Klicken auf die Insel Nordstrandischmoor gestoßen. Da ich Eisenbahnfan bin, fiel mir das auf, denn da hat jedes Haus seine eigene Lok, die Lorenbahn, und Schienen zum Festland. Da musste ich dann unbedingt mal hin.“ Seither bearbeitet Reinhard Dietrich – wie sollte es auch anders sein – auch diesen Artikel regelmäßig.(Von Janine Drusche)

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