Zoff um Umfrage

Hitziger Streit um Sperrung am Wilhelmsplatz in Offenbach: Veranstaltung läuft fast aus dem Ruder

Mitte August soll die testweise Sperrung der Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes in Offenbach an Markttagen für den Verkehr beginnen.
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Mitte August soll die testweise Sperrung der Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes in Offenbach an Markttagen für den Verkehr beginnen.

Am Wilhelmsplatz in Offenbach soll die Sperrung für den Verkehr bald beginnen. Beschicker sorgen sich um ihre Anfahrtswege und eine Umfrage sorgt für Aufruhr.

Offenbach – Mitte August soll die testweise Sperrung der östlichen und westlichen Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes in Offenbach an Markttagen für den Verkehr beginnen. So lautet die jüngste Planung aus dem Rathaus, von der Oberbürgermeister Felix Schwenke am Montag (20.07.2020) bei einer Infoveranstaltung Anwohnern, Gastronomen, Gewerbetreibenden und Marktbeschickern berichten konnte.

Hitzige Diskussion um Sperrung am Wilhelmsplatz in Offenbach

Letztere stellten die größte Gruppe bei dem allerdings eher schwach besuchten Abend, gerade einmal 19 Besucher fanden ihren Weg ins Büsingpalais. Doch auch die wenigen Teilnehmer sorgten für eine hitzige, emotionsgeladene Atmosphäre. Denn insbesondere die Marktbeschicker betrachten die von der Stadtverordnetenversammlung getroffene Entscheidung, die Seitenstraßen des Wilhelmsplatzes in Offenbach testweise während der Markttage zu sperren, mehr als nur kritisch.

Und so sah sich insbesondere Ute Kerber vom Mainzer Marktforschungsinstitut LQM heftigen Angriffe seitens einiger Beschicker ausgesetzt, die ihr jegliche Eignung und Fähigkeit für eine Umfrage absprachen. Mit stoischer Miene ertrug Kerber etwa den Vorschlag eines Händlers, sie könne ihm ihre Umfragebögen morgens hinlegen, er werde sie ihr dann abends ausgefüllt wiedergeben. Oder die Empfehlung, nur ausgesuchte Menschen zu befragen, die im Sinne der Marktleute antworten...

Sperrung am Wilhelmsplatz in Offenbach sorgt für Angst bei Marktbeschickern

Die durchaus verständliche Furcht der Beschicker vor Umsatzeinbußen verleitete einige auch zu Diffamierungen: „Echte“ Marktbesucher seien ohnehin nur die, die um 7 Uhr einkauften, ab 12 Uhr kämen nur noch „Bummler“. Danach sei „Rodgau offen“: Die Besucher aus den umliegenden Kommunen gäben jedoch nur wenig Geld aus. Daher wurde der Marktforscherin ans Herz gelegt, lediglich die Besucher zu befragen, die um 7 Uhr anwesend seien – die Meinung der übrigen und der Bürger sei „nicht so wichtig“.

Regina Preis von der Offenbacher Stadtinformations-Gesellschaft musste schon nach wenigen Minuten moderierend eingreifen, damit die ganze Veranstaltung nicht aus dem Ruder lief. Die Befragung solle repräsentativ sein, erinnerte Preis die Beschicker, eine tendenziöse und selektive Umfrage, wie von diesen vorgeschlagen, sei daher kontraproduktiv.

Oberbürgermeister gibt sich als Beschützer des Wochenmarkts in Offenbach

Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke nutzte die Stunde, um sich als Beschützer des Wochenmarktes in Szene zu setzen – die gleich viermal wiederholte Redewendung, dass man keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht habe, war jedoch wenig subtil und des Guten zuviel. „Dass das so oft von einem Vertreter der Stadt wiederholt wird, ist schon ungewöhnlich“, wunderte sich Ute Kerber.

Dass es bei der testweisen Sperrung längst nicht nur um den Wochenmarkt, sondern um den Wilhelmsplatz als Ganzes – mit sämtlichen Geschäften und Lokalen – geht, daran erinnerte IHK-Chef Markus Weinbrenner. „Durch die Befragung erhoffe ich mir, dass wir die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden und Besucher besser kennenlernen und danach handeln“, sagte er.

Gute alte Zeit? Vor knapp einem Vierteljahrhundert war auf dem Wochenmarkt ein Großteil der Parkplätze von Beschickern zugestellt. Sämtliche Ideen, den Markt durch mehr Raum für die Besucher attraktiver zu machen und ihm mehr Aufenthaltsqualität zu verleihen, wurden auch damals schon äußerst kontrovers diskutiert.

Debatte um Wilhelmsplatz in Offenbach: „Aggressivität missfällt mir“

Die konstruktivsten Vorschläge des Abends kamen von dem Gastronomen Marcel Gruß. Eindringlich rief er alle Beteiligten zur Mäßigung und zur Rückkehr zu einer sachlichen Diskussion auf. „Die Aggressivität missfällt mir, wir sollten dem Meinungsforschungsinstitut unser Vertrauen schenken“, sagte er. Die Angst der Beschicker um Umsatzverluste sei ernst zu nehmen, ebenso müsse man auch die Wünsche der Bürger und Besucher der Lokale an den übrigen Tagen ernst nehmen. An die Stadt Offenbach gerichtet sagte er, dass diese nicht unbegrenzt Parkplätze entfernen könne, sondern auch wieder Parkraum schaffen müsse für Besucher von außerhalb. „Es muss sich doch ein Kompromiss finden lassen – wenn wir alles so lassen, wie es jetzt ist, wird es irgendwann nicht mehr attraktiv sein.“

Anfang August sollen Wilhelmsplatzbesucher in Fünf-Minuten-Interviews befragt werden, während der Sperrung erfolgt die Befragung unter Anwohnern, Gastronomen, Marktbeschickern und abermals Besuchern. In einer dritten Phase im November werden dann Telefoninterviews mit Bürgern aus anderen Stadtteilen geführt. „Unsere Methode ist neutral und bewährt, das Ergebnis ist repräsentativ“, betont Kerber. „Wir werden auch keine Empfehlung abgeben“, sagt Kerber, „die Schlüsse zu ziehen, ist Aufgabe der Stadtpolitik“. (Von Frank Sommer)

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