In überbelegtem, marodem Mietshaus

Mietwucher in Bruchbude: 600 Euro für zehn Quadratmeter

Briefkasten, Offenbach, Mietwucher
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Die Briefkästen lassen auf mehr Parteien schließen, als ein Haus mit sieben nutzbaren Wohnungen erlaubt. Detailaufnahmen wecken Zweifel an der Bewohnbarkeit des Gebäudes in Offenbach.

Löcher in den Wänden, Ungeziefer, nur kaltes Wasser: Das ist nicht etwa die Beschreibung einer Hütte im Wald, sondern eines Wohnhauses in Offenbach. Gegen Wucher und unzumutbare Bedingungen will eine Offenbacherin jetzt vorgehen.

  • In einem Haus in Offenbach werden offenbar Wohnungen zu unmutbaren Bedingungen vermietet
  • Es gibt keine Mietverträge und die Miete wird bar bezahlt
  • Eine ehemalige Oberstaatsanwältin wurde durch Zufall auf das Elend aufmerksam

Offenbach – Es ist kein Geheimnis, dass es in Offenbach eine Reihe von meist Altbauten gibt, mit denen sich skrupellose Eigentümer durch Überbelegung und überhöhte Mieten goldene Nasen verdienen. Eine dieser Immobilien in der Bismarckstraße ist nun verschärft ins Visier von Staatsanwaltschaft, Landespolizei und Ordnungsamt gerückt worden.

Die Offenbacherin Gabriele Türmer, selbst lange Oberstaatsanwältin, erstattete bei ihren ehemaligen Kollegen und beim Wirtschaftskommissariat des Polizeipräsidiums Strafanzeige wegen des Verdachts auf Mietwucher und Steuerhinterziehung. Wegen hygienischer Mängel hat sie das Gesundheitsamt, wegen des Brandschutzes die Feuerwehr informiert.

Auf die Zustände im Gründerzeitgebäude gegenüber der altkatholischen Kirche aufmerksam geworden sind Gabriele Türmer, ihr Sohn Philipp und Helena Wolf über ihr Engagement bei der Offenbacher Tafel. Die Helfer besuchten eine unterstützte Familie aus Südosteuropa (Genaueres soll nicht preisgegeben werden). Die Verhältnisse entsetzten; menschenunwürdig für mitteleuropäische Verhältnisse, lautete das Urteil. „Echt krass“, sagt Gabriele Türmer.

Löchrige Fußbodenbeläge und Wände kommen in der Bismarckstraße 110 in Offenbach häufiger vor.

Ihre Schilderung, welcher der Artikel folgt, wirft die Frage auf, ob arme Familien zur Bauzeit des fünfstöckigen Gebäudes, der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, derart zusammengepfercht wurden: Vater, Mutter, beide Anfang 20, und die kleinen Söhne, drei und sieben Jahre alt, hausten in einem zehn Quadratmeter kleinen Zimmer unterm Dach. Spärlich ausgestattete Küche und Toilette – Tür nur an einer Angel – waren mit den Bewohnern zweier weiterer Räume zu teilen. Die von Insektenbissen geplagten Jungs schlafen im engen Bett, die Eltern auf einer tagsüber an die Wand gelehnten Matratze.

Offenbach: Mäuse und Kakerlaken kommen durch Löcher in der Wand

Dafür wurden dem Vater 600 Euro im Monat abgeknöpft; Quittungen oder gar einen Mietvertrag gibt es nicht, weswegen es sich erübrigt hätte, Unterstützung zu beantragen. Die Barzahlung ohne Beleg ist zudem kein Indiz, dass vom Vermieter angemessene Abgaben entrichtet würden.

Wie der junge Mann den Besuchern in gebrochenem Deutsch erzählt, bekommt er 1200 Euro bei einer Firma, die verschiedene Dienstleistungen anbietet, im Monat heraus (in der falschen Steuerklasse ist er auch noch). Der junge Mann arbeitet schon ein paar Jahre in Deutschland, seine Familie hat er in diesem Februar nachgeholt. „Die sind wirklich arm“, sagt Gabriele Türmer. Die Kleinen hätten sich förmlich aufs mitgebrachte frische Obst und Gemüse gestürzt: „Der Ältere hat gestrahlt und in eine Paprika wie in einen Apfel gebissen.“

Unbewohnbar: Wohnungen in einem Haus in der Bismarckstraße in Offenbach.

Es ist aber nicht nur die Enge, die die Besucher zunächst sprachlos macht. Mäuse und Kakerlaken gehören offenbar zu den Mitbewohnern zwischen teils unverputzten Wänden. Der Vater hat Ritzen und Spalte mit Panzertape abgeklebt, am maroden Bodenbelag lässt sich kaum mehr etwas flicken. Ein notdürftig eingebautes Bad bietet Waschbecken und Duschwanne; in das eine läuft gar kein, in die andere nur kaltes Wasser.

Offenbach: 30 Parteien in offiziell sieben Wohnungen

Die Zustände in den anderen Unterkünften der Bismarckstraße 110 dürften sich nicht grundlegend unterscheiden. Acht reguläre Wohnungen bietet das Haus, eine davon ist entkernt und nicht zu gebrauchen. Gabriele Türmer ist sich aber ziemlich sicher, dass dort nicht ernsthaft umgebaut wird: „Der Bauschuttrüssel in den Hof kommt mir wie Fake vor.“

Die anderen sieben Einheiten in den fünf Geschossen sind wohl lukrativ unterteilt. Darauf deuten knapp dreißig, überwiegend mit fremdländischen Namen beschriftete Briefkästen im Erdgeschoss hin. „Es könnten schon an die 80 Menschen hier leben“, schätzt Gabriele Türmer.

Der Hof des Hauses in der Bismarckstraße in Offenbach ist voll mit Sperrmüll.

Vieles sollte das Interesse der Bauaufsicht wecken. Im Hof mit dem ungesicherten Kellerabgang stapelt sich Gerümpel; der Eingangstür fehlt die Füllung, dem Treppengeländer eine Reihe von Sprossen; Flurfenster sind glaslos; freigelegte, baufällig wirkende Deckenkonstruktionen aus der Entstehungszeit könnten das Interesse von Historikern wecken.

Bei der Stadt ist die Bismarckstraße 110 kein unbeschriebenes Blatt. „Das Objekt steht auf unserer Dringlichkeitsliste“, erklärt Ordnungsamtsleiter Peter Weigand und verrät, dass es demnächst wie fünf weitere von ähnlicher Belegung und Qualität mit einer Besichtigung zu rechnen habe.

Offenbach: Familie aus Horror-Wohnung kommt in Notunterkunft unter

Solche Hausbegehungen bedürften jedoch intensiver Vorbereitung, da es sich um konzertierte Aktionen verschiedener Behörden handele, erläutert Weigand. Im Vorfeld sind über das Grundbuch die Eigentümer zu ermitteln, ebenso die Leute, „die dort auftreten“. Zu der maßgeblichen „Fallbearbeitungsgruppe“ der „AG Leistungsmissbrauch“ gehören dann auch Baukontrolleure und die direkten Ermittler der Polizei. „Da rückt dann ein riesiger Personaltross an, massiv unterstützt von Beamten der Landes- und der Stadtpolizei“, kündigt der Ordnungsamtschef an.

Gefährlich: In der Bismarckstraße 110 in Offenbach fehlen Teile des Geländers im Treppenhaus, obwohl Kinder im Haus leben.

Unsere Familie aus Südosteuropa wird dort niemand mehr antreffen. Der Vater hat dieser Tage verzweifelt die Tafel-Helfer angerufen, weil die Familie bis zum Abend die Wohnung verlassen müsse – er hatte nur noch 300 Euro für die Miete übrig. Ihm konnte dank guter Verbindungen kurzfristig mit einem Platz in einer städtischen Notunterkunft geholfen werden. Gabriele Türmer weiß: „Die fühlen sich dort jetzt wie im Himmelreich.“ (Von Thomas Kirstein)

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