Eine vergessene Generation

Offenbacher Arbeitskreis Migration fordert stärkere Bemühung um ältere Einwanderer

Sehen Handlungsbedarf im Umgang mit älteren Migrantinnen und Migranten: Döne Gündüz (links) und Perihan Öksüz vom Arbeitskreis Migration.
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Sehen Handlungsbedarf im Umgang mit älteren Migrantinnen und Migranten: Döne Gündüz (links) und Perihan Öksüz vom Arbeitskreis Migration.

Sie kamen in den 50ern und 60ern nach Deutschland. Etwa aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei oder aus Marokko. Viele zum Arbeiten. Und andere, weil sie einfach auf eine bessere Zukunft hofften. Heute, gut ein halbes Jahrzehnt später, sind die jungen Gastarbeiter und Migranten der ersten Generation von damals Seniorinnen und Senioren.

Offenbach – Und ihre speziellen Nöte und Bedürfnisse finden in Deutschland kaum Berücksichtigung. Zu dem Ergebnis kommt jedenfalls der Arbeitskreis Migration, der sich in den vergangen beiden Jahren insbesondere mit der Situation älterer Migrantinnen und Migranten in Offenbach auseinandergesetzt hat.

„Diese Menschen waren damals maßgeblich am Wiederaufbau Deutschlands beteiligt“, sagt Döne Gündüz vom Verein Lernwerkstatt Offenbach. „Die Würde des Alters ist unantastbar. Auch für diese Gruppe“, ergänzt Perihan Öksüz von Profamilia in Offenbach. Beide Frauen vertreten ihre Institutionen in dem seit 2007 aktiven Arbeitskreis. Beteiligt sind alle entscheidenden Einrichtungen und Organisationen in Offenbach, die an der einen oder anderen Stelle mit Menschen mit Migrationsgeschichte in Berührung kommen: darunter auch Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie, Volkshochschule und der Paritätische und das Stadtgesundheitsamt. Gündüz und Öksüz berichten nun stellvertretend für den Arbeitskreis, wo Handlungsbedarf besteht im Umgang mit einer Generation, die derzeit Gefahr läuft, vergessen zu werden.

Neben ihren vier jährlichen Treffen widmeten die Mitglieder des Arbeitskreises Offenbach gemeinsam mit der städtischen Altenplanerin Heidi Weinrich älteren Migrantinnen und Migranten eine kleine Veranstaltungsreihe. Im Zuge der Interkulturellen Wochen sprach Dr. Mara Boehle über die Armutsgefährdung ebendieser Menschen, bei zwei weiteren Terminen berichteten der ambulante Pflegedienst Dosteli aus Offenbach, der spezialisiert ist auf kulturspezifische Pflege, und der Frankfurter Verein Hiwa, der sich ausschließlich um besagte Menschen der ersten Einwanderergeneration bemüht und einen präventiven Ansatz verfolgt, über ihre Arbeit.

Eine Organisation wie Hiwa, was auf Kurdisch soviel heißt wie Hoffnung, die bräuchte zum Beispiel auch Offenbach, davon sind Döne Gündüz und Perihan Öksüz überzeugt. Denn viele ebendieser Einwanderergeneration seien von Armut und Einsamkeit betroffen. „Man hat da immer die Vorstellung von Großfamilien, Aber so ist das nicht mehr, die Menschen vereinsamen“, sagt Profamilia-Beraterin Perihan Öksüz. Zum größten Teil der Angebote, die es für Seniorinnen und Senioren – auch in Offenbach – gebe, hätten Migranten einfach keinen Zugang. Das betrifft Freizeitangebote ebenso wie die Pflege im Alter. „Wenn etwa für Senioren ein Ausflug in den Spessart angeboten werden, dann müssen die Einladungen eben auch auf die entsprechenden anderen Sprachen übersetzt werden“, erläutert Lernwerkstatt-Mitarbeiterin Gündüz eines der Probleme. Überhaupt sei die Sprachbarriere ein entscheidender Faktor. „Diese Menschen kamen zu einer Zeit nach Deutschland, wo es noch keine Integrationskurse gab, keine Sprachkurse, in denen sie Deutsch lernten“, sagt Perihan Öksüz. Darum hätten viele aus dieser Generation noch im hohen Alter, obwohl sie bereits Jahrzehnte in Deutschland lebten, große Probleme mit der Sprache. „Außerdem sind natürlich viele, die damals als einfache Arbeiter kamen, eher bildungsferne Menschen“, ergänzt Döne Gündüz.

Groß sind darum etwa die Hürden, wenn Pflege benötigt wird, auch zu diesem Schluss kommt der Arbeitskreis Migration. So wüssten viele etwa gar nicht, dass es so etwas wie Pflegestufen gebe, und wenn doch sei die mit einer Beantragung verbundene Bürokratie nur schwer zu stemmen. „Auch in Altenheimen sind Migrantinnen und Migranten dieser ersten Generation kaum vertreten“, sagt Profamilia-Beraterin Perihan Öksüz. Dazu fehle ebenfalls der Zugang. Hinzu kommt, dass dann, wenn es um Pflege geht, auch wenn sie ambulant durch einen Pflegedienst erfolgt, besondere Sensibilität gefragt ist. „Wir brauchen kultursensible Pflege“, sagt Döne Gündüz. So wie die Pflege in Deutschland heute getaktet sei, sei es den Pflegenden kaum möglich, Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. „Wenn etwa Hilfe benötigt wird beim Gebet oder beim Waschen Wert darauf gelegt wird, dass es nur von jemandem gleichen Geschlechts übernommen wird“, sagt Perihan Öksüz. Außerdem müssten Mitarbeiter in Heimen und ambulanter Pflege nicht nur die Sprache der Menschen verstehen, sondern eben auch ihre Geschichte.

Der Arbeitskreis sieht darum Handlungsbedarf. „Im Altenplan der Stadt finden diese Menschen zwar Erwähnung“, sagt Döne Gündüz. Aber dabei bleibt es. „Als Leute aus der Praxis sagen wir, auf diese Gruppe muss ein Augenmerk gelegt werden“, sagt. Durch Beratung , auch für Angehörige, durch spezielle Angebote, aber auch den Zugang zu bestehenden, durch aufsuchende Arbeit und vor allem Sensibilität. (Von Lena Jochum)

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