Der Offenbacher Bestseller

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„Meine Siege, meine Krisen, mein Leben“ - Untertitel von Jimmy Hartwigs Autobiographie „Ich bin ein Kämpfer geblieben“. Bei seiner Signierstunde interessierte gestern natürlich erstmal der Mann und dann das Buch.

Offenbach ‐ Im Regal: Christoph Schlingensief, „Tagebuch einer Krebserkrankung“, 8,99 Euro, Platz 5 der Bestsellerliste. Links daneben: „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“, 8,95 Euro, Platz 4 der Bestsellerliste. Rechts, auf einem Beistelltisch: Jimmy Hartwig, „Ich bin ein Kämpfer geblieben“, 14,80 Euro. Kein Platz auf der Bestsellerliste, keiner im Regal. Wird vielleicht noch, und falls nicht, hat‘s nicht an Offenbach gelegen. Von Marcus Reinsch

Da darf man hier in der Thalia-Buchhandlung im KOMM ganz sicher sein.

Vor dem Beistelltisch wird es enger. Erst sind drei Leute da, dann zehn, dann stehen sie Schlange. Vor dem flacher werdenden Stapel aus Hartwigs neuem Buch, vor allem aber natürlich vor Hartwig selbst. Er sitzt, wuchtig, angegraut, schwarzer Rolli, Brille, Symphatiemensch, zwischen Schlingensiefs und seiner eigenen Autobiographie auf einem Korbstuhl, guckt glücklich und empfiehlt „Schee gucke!“, als sich eine Frau von ihrer Freundin mit ihm fotografieren lässt. Offenbacherisch verlernt man nicht, egal, wohin es einen verschlägt.

Offenbach ist seine Heimatstadt

Einige Bekannte des Fußballers Hartwig schauen bei der Signierstunde des Autors Hartwig vorbei. Und auch die vielen Unbekannten („Ich kenne Sie, aber Sie kennen mich nicht.“) begrüßen ihn, als würden sie einem alten Freund über den Weg laufen.

Ja, Offenbach liebt den Jimmy Hartwig und der Jimmy Hartwig liebt…? Na ja, er schafft es nicht mehr oft her, seit seine Mutter gestorben ist. Und wer seine Internetseite besucht, bekommt mit den Unterkategorien Fußball, Gesundheit und Entertainment auch gleich die Gewissheit vermittelt, dass der Hartwig es jetzt geschafft hat. Anderswo, okay, aber geschafft.

Aber Offenbach ist seine Heimatstadt, bei den Offenbacher Kickers hat 1972 seine Fußballkarriere begonnen, bevor er nach Osnabrück ging und zu den Münchner Löwen und zum HSV, mit dem er dreimal Deutscher Meister und noch Besseres wurde. Und die Sache mit dem Lohwald, was soll man da schon sagen. Nichts, was nicht schon geschrieben ist. Kurz: Das Leben hat Jimmy Hartwig, 56, oft gekniffen, und manchmal hat er ihm dabei aktiv geholfen. Kindheit im später plattgemachten Brennpunktviertel Lohwald, Kokain, Fußballgott, Karriereende nach Knieverletzung, an den Krebs verlorene Jahre, Absturz bis ins Dschungelcamp, wo sich Ex-Promis für eine Art Abwrackprämie zum Affen machen müssen. Dann wieder aufwärts, Fußballnachwuchsförderung, Sportcamps, echte Erfolge als Bühnenschauspieler. Nächstes Jahr will er den Othello geben. Steht auch fast alles im Buch. Nicht als Telegramm, sondern, wie Hartwig sagt, „bitterbitterehrlich. Das ist Herzblut“. Die Leser werden es verschlingen. Der Jimmy Hartwig ist ein Offenbacher Bestseller.

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