Die Angst der Anderen

Filmteam will mit „Reflexion“ Scham vor der Furcht nehmen

Panik ist ein zentnerschwerer Betonklotz, der langsam seine Brust zerdrückt. Schauspieler Mirko Näger-Guckeisen mit Produzentin Selina Oczko (links) und Regisseurin Julie Gaston. Die HfG-Studentin will mit „Reflexion“ das Thema Angst enttabuisieren.
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Panik ist ein zentnerschwerer Betonklotz, der langsam seine Brust zerdrückt. Schauspieler Mirko Näger-Guckeisen mit Produzentin Selina Oczko (links) und Regisseurin Julie Gaston. Die HfG-Studentin will mit „Reflexion“ das Thema Angst enttabuisieren.

Offenbach - Angst ist eine Sprache, die jeder spricht. Zumeist im Flüsterton, damit niemand davon erfährt. Julie Gaston, seit 2010 Studentin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG), stellt in ihrem Filmexperiment „Reflexion“ die Stimme laut. Von Eva-Maria Lill

Und darf Trailer und Projekt morgen auf der Berlinale präsentieren. Wir waren vorab beim Dreh dabei. Der schlaksige Typ im tannengrünen Rollkragenpulli zittert vor Zorn, als er die Kühlschranktür zuwirft. Gleich wird ihn wieder die Angst besuchen. Wie ein Betonklotz wird sie auf seinen Brustkorb pressen, bis das Atemholen nach Ersticken schmeckt. Sie sind gute Freunde, er und dieser Klotz, sie leben seit Jahren im selben Haus. Wie Mitbewohner, die sich nur treffen, wenn es etwas zu streiten gibt. Angst, sagt Julie Gaston, hat viele Gesichter. Welche das sind, hat die HfG-Kunststudentin per Online-Umfrage herausgefunden. Gefragt hat sie auf Plattformen nach Alter und Geschlecht. Und nach einem Sinnbild für die persönlichste Panik. 200 Antworten sind eingegangen. Aus denen, die sie für interessant und visuell umsetzbar hielt, will sie einen Film zusammenbauen. Einen, der die Furcht davor nimmt, sich mit seiner und der Angst der Anderen auseinanderzusetzen.

Ein schreiender Mund unter schwarzer Plastikplane. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, der versucht, Sand mit den Händen festzuhalten. Eine junge Frau, die in einem kahlen Raum hockt, bis sich die Fenster schließen und die Lichtstrahlen von Jalousien zerquetscht werden. Jeder Mensch hat Angst. Manchmal rettet sie uns das Leben. Aber manches, vor dem wir uns fürchten, ist abstrakt. Bei Gastons Umfrage antwortete etwa ein 37-Jähriger: „Ich habe Angst vor Hilflosigkeit in Bezug auf meine Haustiere.“ Etwas, das sicher recht wenige Menschen kennen. Anders sieht es mit seinem Sinnbild aus: „Es fühlt sich an wie ein fetter Betonklotz, der wenige Zentimeter über meiner Brust an einem Seil hängt, das sich langsam auflöst.“

Drehtag im Offenbacher Nordend. Das professionelle Equipment stellt hauptsächlich die HfG. Die Wohnung für die „Betonklotzszene“ hat ein Privatmann dem Team überlassen – über Airbnb.

Dieses Bild versucht Gaston in einer Wohnung im Offenbacher Nordend umzusetzen. Der Typ im tannengrünen Rollkragenpulli heißt Mirko Näger-Guckeisen. Alle, die bei „Reflexion“ vor der Kamera stehen, sind professionelle Schauspieler. Näger-Guckeisen faltet die Hände und drückt die Fingerspitzen gegen die Lippen. „Du musst diesen unterdrückten Zorn sichtbar machen“, ruft Gaston. „Du musst eine Eingefallenheit zeigen. Man muss sehen, dass du dich in dir selbst widersprichst.“ Produzentin Selina Oczko nickt. „Julie“, sagt sie, „hat einen abstrakten, detailversessenen Stil. Unsere Ansprüche sind hoch.“ Näger-Guckeisen muss die Kühlschranktür 13 Mal zuschlagen, bis Gaston ihr Okay gibt.

„Reflexion“ ist das dritte Projekt ihrer Firma „Les Gastons Film“ nach „Hänsel“ (2015) und „Eigengrau“ (2017). Die Regisseurin zeigt keine Scheu vor schwierigen Sujets. Ihr Erstling behandelte Kindesmissbrauch, „Eigengrau“ erzählt die Selbstmordgeschichte eines Elfjährigen. Nun also Angst. Ein Thema, das Gaston persönlich bewegt. „Ich bin auch ein ängstlicher Mensch“, sagt sie. „Unsere Gesellschaft ist so offen geworden. Wir sprechen über vieles. Aber nicht über Furcht. Dabei ist das eine Sprache, die Menschen jeder Herkunft, Kultur, Geschlecht und Alters verstehen und sprechen.“ Angst, sagt sie, ist eine Verbindung. Etwas, das uns zu Menschen macht. Angst erzählt Geschichten.

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„Da ich die Menschen nicht kenne, die an der Umfrage teilgenommen haben, musste ich eine Situation um ihre Antwort herum gestalten, die das Bild für möglichst viele Menschen spür- und erfahrbar macht“, sagt die in Eisenbach im Taunus geborene Regisseurin. Zu diesem Zweck musste sie Persönliches in Universales übersetzen. In 15 Episoden wollen die 24-Jährige und ihr 14-köpfiges Team Ängste enttabuisieren. Gezeigt werden die Kurzfilme sowohl als zwei- bis dreiminütige Episoden einer Webserie als auch als viertelstündiges Gesamtprojekt. Wann genau die Clips veröffentlicht werden, steht noch nicht fest.

Eine Pause in der Produktion wird morgen für die Berlinale eingelegt. Gaston darf beim Empfang der Filmhochschulen das Projekt vorstellen und ihren Trailer zeigen. „Es ist eine Ehre, ausgewählt worden zu sein“, sagt die Studentin. Vorgeführt wird das Material vor Fachpublikum. „Das birgt die Chance, Kontakte zu knüpfen“, sagt die Studentin. Und Sponsoren zu gewinnen – denn das Team arbeitet ehrenamtlich. Unterstützer sind bisher Hessenfilm und Medien, Spektrumfilm, Deutsche Angstselbsthilfe und der Verein Finger Weg, der sich im Kinderschutz engagiert. Wer der Gruppe unter die Arme greifen will, findet Infos auf www.les-gastons.com.

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