Eine Oper für die Augen

Offenbacher Illustrator Martin Stark erhält Design-Preis für seinen „Ring des Nibelungen“

Kreativer Linkshänder: Martin Stark bei der Arbeit.
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Kreativer Linkshänder: Martin Stark bei der Arbeit.

Wer sich Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ zu Gemüte führen will, braucht dafür in Opernform 16 Stunden. Ein Werk von solcher Größe, Tiefe und Kraft – unmöglich, all diese Dimensionen auf einigen Bogen Papier grafisch festzuhalten. Oder? Wer Martin Starks Illustrationen betrachtet, wird eines Besseren belehrt. Für seinen gleichnamigen, im vergangenen Jahr bei der Büchergilde erschienenem Bilderbogen wurde der Offenbacher nun mit Gold bei den European Design Awards 2021 ausgezeichnet.

Offenbach – Damit erhält er diesen Preis bereits zum zweiten Mal nach 2019, als er für seine Illustrationen des Romanklassikers „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ ausgezeichnet wurde. „Das war direkt im ersten Anlauf, dass ich dort teilgenommen. Dass es zwei Jahre später direkt noch mal klappt. hätte ich nie erwartet“, freut sich der 48-Jährige. Nur die Preisverleihung mit Festival und die damit verbundene Reise hat er diesmal vermisst: Sie musste wegen Corona ausfallen und fand nur übers Internet statt.

Martin Starks Bilderbogen „Rheingold“ aus „Der Ring des Nibelungen“.

Mehr als ein Jahr hat Stark gebraucht, um Wagners Mammutwerk in die ihm eigene illustrative Form zu bringen. Sie mutet an wie ein komplexer Comic, ein Wimmelbild für Erwachsene. Die zumeist in schwarz-weiß gehaltenen Bilder wirken wie Holzschnitte, ikonenhaft, kontrastreich, expressionistisch. „Mir ist wichtig, nicht zu viel Schnickschnack drin zu haben, sie sollen sachlich bleiben“, sagt der Künstler. „Sie sind zugleich abstrakt, aber erkennbar.“ Das macht für ihn selbst den Reiz aus.

Sein Stil entwickelte sich im Laufe der Jahre „so nebenbei aus meinen Kritzeleien“, wie er lächelnd erzählt. Geboren in Offenbach und aufgewachsen in Hanau-Steinheim, galt sein Interesse schon von Kindheit an der Kunst. Seine Mutter besuchte die Werkkunstschule in Offenbach, die Vorgängerin der heutigen Hochschule für Gestaltung (HfG). „Sie hat Ledertaschen gestaltet und gemalt. In unserem Wohnzimmer lagen immer irgendwelche Kunstbücher herum.“ Und in die hat er gern reingeschaut.

Nach seinem Abschluss an der August-Bebel-Schule entscheidet er sich für ein Studium an der HfG im Fachbereich Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Illustration. Seitdem lebt er in Offenbach – und ist der Stadt treu geblieben. In seiner kleinen Wohnung im Nordend kann er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Figuren aus Star Wars, Lego aus Fernost, Comics, Bücher und viele, viele Filme füllen seine Regale – und inspirieren ihn. „Ich bin ein großer Filmfan. Am liebsten Sachen, die nicht im Mainstream laufen.“ Er genießt es, am Main ein Bier zu trinken oder nach Fechenheim zum Eisessen zu gehen. „Man hat alles um die Ecke. Nur ein richtiges Bastelgeschäft, das fehlt in der Stadt.“

Am Anfang eines Auftrags steht immer die Recherche. Für den „Ring des Nibelungen“ verschlug es ihn, neben dem Studium verschiedener Quellen, zum Siegfriedbrunnen im Odenwald. „Man hat irgendwann einen Wust von Informationen und nähert sich dann allmählich an.“ Er beginnt mit „Telefonkritzeleien“, kleinen, flüchtigen Zeichnungen, die schließlich heranreifen. „Das mache ich alles auf Papier. Digital ist man versucht, zu schnell zu löschen.“ Dann lotet er aus, was wie zusammenpasst, ist manchmal mit dem großen Ganzen nicht zufrieden, aber ein Abschnitt gefällt ihm. So arbeitet er sich nach und nach vor. „Es gibt Phasen, da klappt nichts, und andere, in denen läuft es wie von selbst.“ Am liebsten benutzt er gewöhnliche, billige Filzstifte, gesteht er schmunzelnd. „Da hat man nicht so ein schlechtes Gewissen, wenn sie leer werden. Am Ende kommt es sowieso auf den Druck an.“ Und was dabei heraus kommt, ist so etwas wie eine Oper für die Augen... (Von Veronika Schade)

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