Das soziale Umfeld eines Verstorbenen

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Auch wenn Verstorbene aus dem Besucherkreis der Teestube ohne Angehörige waren, so hatten sie doch ein soziales Umfeld. Immer wieder bringen Menschen Kerzen, Blumen und andere Gegenstände an die Urnengräber auf dem Neuen Friedhof.

Offenbach - Inschriften bezeugen die Gefühle Hinterbliebener. Manche Urnengräber auf dem Neuen Friedhof sind mit Marmorplatten versehen. Granitsteine schmücken andere. Die Gräber, um die sich Jürgen Lude kümmert, sind jedoch viel schlichter. Von Domenico Sciurti

Ein schwarzer Holzrahmen, ein paar Blümchen, ein einfaches hellbraunes Kreuz, auf dem ein Name in schlichten schwarzen Buchstaben steht. Für mehr ist kein Geld da.

Der 55-jährige Lude ist einer von zwei ehrenamtlich tätigen Helfern, die sich um die letzten Ruhestätten Verstorbener ohne Angehörige aus dem Besucherkreis der Teestube kümmern. Dass sich diese Gräber auf dem Friedhof in Offenbach befinden, war bis vor einigen Jahren keine Selbstverständlichkeit. 2007 noch verfrachtete die Stadt Tote ohne Angehörige aus Kostengründen nach Thüringen, wo sie in anonymen Sammelgräbern endeten. „Wir haben eines Tages festgestellt, dass Teestubenbesucher gestorben waren und sie nicht hier begraben wurden“, erläutert die Sozialarbeiterin Jutta Hilscher.

Doch die anderen Besucher hatten das Bedürfnis, ihre verstorbenen Freunde an den Gräbern aufzusuchen. Hilscher betont: „Auch wenn die Toten keine Verwandten mehr hatten, so hatten sie doch ein soziales Umfeld.“ Aus diesem Grund setzte man mithilfe der Kirchengemeinden durch, dass der Grabtourismus beendet wurde. Dank des Engagements bekommen die Verstorbenen der Teestube nun auf Anfrage sogar eine Bestattung mit Trauerfeier. „Wenn der Verschiedene vor dem Tod keinen anderen Wunsch ausgedrückt hat, werden die Überreste verbrannt“, weiß Hilscher. Das sei billiger. Um die Gräber kümmern sich dann die zwei Helfer der Teestube.

Ordnungsamt übernimmt Kosten

Zwei- bis dreimal in der Woche geht Lude auf den Friedhof, um sich der 17 Gräber anzunehmen. Er zupft das Unkraut, lockert die Erde auf, gießt die Pflanzen, tauscht Verwelktes mit Frischem aus. Weil finanzielle Mittel knapp sind, hat er bei sich zu Hause Blumen angepflanzt, um sie später den Toten zu schenken. „Ich kann mir hier meine Arbeit aufteilen, wie ich will“, sagt Lude. „Ich habe meine Ruhe.“

Begonnen hatte Lude 2008 als Ein-Euro-Jobber. Nach fast drei Jahren wurden jedoch die Mittel gestrichen. Wiederum ein Jahr später, im April, beschloss er, ohne Entlohnung weiterzumachen. „Hauptsache, ich habe eine Beschäftigung“, sagt er.

Die Kosten für Begräbnis und Einäscherung werden vom Ordnungsamt übernommen. Um Namensschilder und Grabpflege muss sich die Teestube kümmern. Die Pflege sei Voraussetzung, dass eine Stätte überhaupt zur Verfügung gestellt würde, sagt Hilscher.

Das Friedhofsprojekt finanziert sich über Spenden. Doch Geld ist nur wenig da. Deshalb werden beispielsweise Rahmen in der hauseigenen Werkstatt des Diakonischen Werkes, zu der die Teestube gehört, gebaut. „Wir sind sehr sparsam“, so Hilscher.

Einige der Verstorbenen kannte Lube persönlich. „Dieter habe ich oft in der Klinik besucht“, erinnert er sich. „Sein Körper hat sein neues Herz abgestoßen.“ Der Grabpfleger rückt einen herzförmigen Stein aufrecht, entfernt verwelkte Blumen. Der Tod sei zwar traurig, gehöre aber zum Leben. „Den Toten kann keiner mehr wehtun.“ Lube wirkt in sich gekehrt. Immer wieder tauchen neuen Blumen, Kerzen oder kleine Engelsfiguren auf. So auch am Grab von Dieter Emrich. Keiner weiß, wer sie dort hingelegt hat. Doch das zeigt, dass außer Lube noch andere das Grab besuchen.

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