Prozess gegen Offenbacher

Gezeigte Reue wirkungslos

Offenbach - Bewährungsstrafe für einen brutalen Raubüberfall? Das war dann wohl doch ein bisschen weit hergeholt. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Trotz glänzender Sozialprognosen gab es auch in zweiter Instanz vor dem Landgericht Darmstadt für die zwei jungen Offenbacher Männer keine Haftverschonung. Im Gegenteil. Da die Staatsanwaltschaft ebenfalls Berufung eingelegt hatte, hätte das Urteil für den Angriff auf einen 54-jährigen Reisebusfahrer in seinem Lauterborner Hotelzimmer sogar noch härter ausfallen können.

Genau das forderte Staatsanwalt Andreas Grund auch in seinem Plädoyer – Richter Martin Rößler gab sich am Ende aber mit einer um jeweils zwei Monate kürzeren Haftstrafe im Vergleich zur Entscheidung des Schöffengerichts Offenbach zufrieden. Damit muss Ali G. nun drei Jahre und neun Monate hinter Gitter, sein Kumpel Ilyass E. drei Jahre und zwei Monate. Für die beiden 22-Jährigen, denen die Untersuchungshaft durch eine Elektronische Fußfessel ersetzt wurde, ist dies besonders bitter: E. hat am 1. September seine Kochlehre begonnen, G. jobbt in der gleichen Gastronomieküche und hätte ebenfalls gute Aussichten auf einen Ausbildungsbeginn im nächsten Jahr. Auch die im Verfahren wiederholt einfließenden leidenschaftlichen Reue-Bekundungen konnten an der Entscheidung der sechsten Strafkammer nichts ändern. Denn eine Strafe auf Bewährung, wie von den Verteidigern gefordert, würde wohl in keinster Weise dem schwer traumatisierten Opfer gerecht werden.

Am Abend des 18. Januar dieses Jahres überraschen drei junge Männer den Kölner Michael T. in seinem Hotelzimmer. Der wollte gerade zu Bett gehen, als das Trio Geld, Laptop und Mobiltelefon fordert. Er versucht sie hinaus zu drängen, schreit um Hilfe, vergeblich. Er wird aufs Bett geschubst, G. drückt ihm das Kissen aufs Gesicht. Dann flüchten die Täter. Die einzige Beute: Seine leere Brieftasche. Die sollte eigentlich einen Stapel grüner Geldscheine enthalten – zumindest hatte das ein vierter Täter im Vorfeld zusammen mit der PIN-Nummer des Hotelzimmers ausspioniert. Stattdessen Fahrzeug- und Führerscheine, Papiere, die die Männer danach fast komplett in einem Garten verbrennen. Doch das schlimmste sind die seelischen Folgeerscheinungen für den Rheinländer: „Die haben mein Leben zerstört. Ich kann bis heute kein Hotel mehr betreten, bekomme schon auf der Schwelle Panik.“ Der 54-Jährige ist seitdem berufsunfähig, arbeitet jetzt als Landschaftsgärtner. Das Kissen, das ihm mit beiden Händen aufs Gesicht gedrückt wurde, habe ihm den Atem und die Sicht genommen. Neben der Angst vor dem Ersticken habe er voller Panik auch mit einem Messerangriff gerechnet.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

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Zu Gunsten der Angeklagten rechnete der Richter die frühen Geständnisse an. Bei E. floss außerdem eine bislang weiße Weste ins Urteil ein. Wegen seiner psychischen Probleme war für ihn ein Gutachter angefordert worden, der allerdings eine von der Verteidigung erhoffte Schuldunfähigkeit nicht bestätigen konnte. Der Sachverständige Peter Haag: „Es gibt keinerlei Hinweise auf eine psychische Erkrankung, allenfalls auf eine leichte histrionische Persönlichkeitsstörung. Der Tatablauf über einen längeren Zeitraum spricht gegen eine Einschränkung der Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit!“ G. ist dagegen bereits mehrmals einschlägig vorbestraft, hatte zur Tatzeit gerade einen Jugendarrest hinter sich. Ihn hat die fünfwöchige Untersuchungshaft – erstmals im Erwachsenenknast – schwer beeindruckt, so einen Aufenthalt hätte er gerne abgehakt. Der Offenbacher: „Mein Zellennachbar hatte noch nie seine zweite Tochter gesehen. Ich habe Angst, im Knast den Anschluss zu verlieren und im falschen Umfeld zu landen.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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