Erst getrocknet, dann verbrannt

Offenbacher Müllkraftheizwerk mit Anlage zur thermischen Verwertung von Klärschlämmen ausgestattet

Zentimeterarbeit: Mit einem Kran heben Arbeiter ein halbes, gut 150 Tonnen schweres Drehrohr durch das geöffnete Dach der Anlage. In zwei Röhren (jeweils 20 Meter lang, mit einem Durchmesser von 2,50 Meter) werden künftig die Klärschlämme verbrannt.
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Zentimeterarbeit: Mit einem Kran heben Arbeiter ein halbes, gut 150 Tonnen schweres Drehrohr durch das geöffnete Dach der Anlage. In zwei Röhren (jeweils 20 Meter lang, mit einem Durchmesser von 2,50 Meter) werden künftig die Klärschlämme verbrannt.

Seit Jahren gewinnt die EVO aus Müll Strom und Fernwärme. Künftig wird der Versorger im Kraftwerk an der Dietzenbacher Straße auch Klärschlamm verbrennen. Die Technik dazu wird aktuell final installiert. Im November nimmt die neue Anlage ihren Betrieb auf. Die Zeit für private Müllanlieferer ist wohl endgültig passé.

Offenbach – Entlang der Dietzenbacher Straße reihen sich die Autos. Sie zeugen seit Monaten von einer regen Bautätigkeit auf dem begrenzten Areal des Müllkraftheizwerks (MHKW). Aktuell sind dort gut 30 Fremdfirmen mit rund 160 Arbeitern tätig – unter anderen Schlosser, Gerüstbauer, Elektriker, Messtechniker. Der Hausherr, die Energieversorgung Offenbach (EVO), investiert rund 50 Millionen Euro und baut eine Anlage zur thermischen Verwertung von Klärschlämmen. Es ist eine der ersten ihrer Art in Deutschland.

„Wer kommt denn auf eine solche Idee?“, fragt sich der Laie. Nun, es ist keine Offenbacher Erfindung, könnte sich jedoch für die lokalen Versorger bald rechnen. Die EVO beschäftigt sich seit rund drei Jahren mit diesem Thema, „ein Genehmigungsbescheid liegt uns seit Januar 2019 vor“, sagt Technikvorstand Günther Weiß bei einer Begehung der Baustelle vor Journalisten. Die Klärschlämme fallen nach Worten von Weiß als Endprodukt bei der Aufbereitung des Abwassers in kommunalen Kläranlagen an und wurden bisher als Dünger in der Landwirtschaft ausgebracht.

Damit ist nach dem Willen von Bundesregierung und EU bald Schluss: Denn diese Praxis führte zu einer wachsenden Nitrat- und Schwermetallbelastung der Böden und des Grundwassers. Um die Trinkwasserreserven zu schonen, sollen Klärschlämme grundsätzlich nicht mehr als Dünger eingesetzt, sondern in eigens dafür konzipierten Anlagen verbrannt werden. Ein weiterer Faktor ist der beschlossene Kohleausstieg. Der Grund: Ein Teil der Klärschlämme wurde in den Kohlekraftwerken mitverbrannt – auch dieser Weg entfällt künftig; die ersten Kraftwerke gehen 2020 vom Netz.

Spezialsteine werden aktuell in einem Brennraum erneuert: Sie sind hitzebeständig bis 1800º. Kostenpunkt: 450 Euro – pro Stück, versteht sich...

Und in dieses wohl lukrative Geschäft steigt die EVO ein. Gut 80 000 Tonnen Klärschlamm kann die neue Anlage im Jahr verbrennen. Um die Dimension anschaulich zu machen. In Dietzenbach mit seinen rund 40 000 Einwohnern fallen pro Jahr etwa 3 500 Tonnen Klärschlamm an. Die Anlage an der Dietzenbacher Straße verbrennt aber nicht allein die Schlämme aus den kommunalen Kläranlagen des Kreises Offenbach „Wetterau, Vogelsberg, Main-Kinzig-Kreis – dort gibt es hunderte Anlagen“, steckt Technikvorstand Günther Weiß das avisierte Geschäftsgebiet ab.

Kraftwerksleiter Markus Gegner macht deutlich, dass „unsere Technik in Deutschland für die Behandlung von Klärschlämmen noch nicht verbaut worden ist. Wir betreten absolutes Neuland“. Die EVO verwendet dabei zwei leicht geneigte Drehrohre – rund 20 Meter lang und mit einem Durchmesser von 2,50 Meter. Ohne physikalische und chemische Details: Während auf der einen Seite der Schlamm einläuft, wird von der anderen etwa 900 Grad heißes Rauchgas zugeführt, während sich die Rohre permanent drehen, wird der Klärschlamm zunächst getrocknet (Wasseranteil etwa 75 Prozent) und anschließend verbrannt.

Nebeneffekt im Sinne der Umwelt: Neben Nitraten enthält der Rest aus den Kläranlagen Metalle wie Blei, Cadmium oder Zink, Medikamente und Hormone. Was bislang über die Ausbringung auf den Feldern in das Grundwasser und die Nahrungskette gelangt ist, wird im MHKW mit modernster Technik unschädlich gemacht. „Unsere Anlage hält auch die strengsten Emissionsgrenzwerte ein“, heben die Verantwortlichen hervor.

Aus der Geschichte des MHKW

. 1989: Inbetriebnahme einer leistungsfähigen Rauchgasreinigungsanlage mit abwasserfrei arbeitender Nasswäsche.

. 1996-1997: Nachrüstung der Anlage gemäß den Erfordernissen der 17. Bundes-Immissionsschutzverordnung sowie Erneuerung der Feuerräume und Kessel

. 1999:Übernahme der Anlage vom Umlandverband Frankfurt durch die EVO

. 2001: Inbetriebnahme der Fernwärmeverbindungsleitung vom MHKW zum ehemaligen Heizwerk 2 in Dietzenbach

. 2006: Neue Turbine mit 2,2 MW installiert und in Betrieb genommen

. 2008: Erstmals Jahresdurchsatz von 250 000 Tonnen; Einbau von Dampf-Gas-Vorwärmern vor den Katalysatoren (Verringerung Erdgaseinsatz in den Flächenbrennern)

. 2009: Bau und Inbetriebnahme der Fernwärmeleitung nach Heusenstamm; Verlängerung der Waagetische

. 2010: Erneuerung der Leittechnik

Während die organischen Stoffe der Klärschlämme bei der Verbrennung in unschädliche Bestandteile aufgespalten werden, ist der Pflanzennährstoff Phosphor für die EVO der willkommene Rest. Denn dieser Rohstoff muss derzeit größtenteils importiert werden. Bis zu zehn Prozent hoch konzentrierter Phosphor wird sich den Berechnungen zufolge in der Asche befinden. Sie soll zur Rückgewinnung des Phosphors und seiner Verbindungen weiterverwendet werden. „Wir treffen schon jetzt Vorbereitungen für die Wiederverwertung von Phosphor, die wir in der nächsten Projektphase umsetzen werden“, erläutert der EVO-Vorstand.

Aktuell wird die Annahmehalle errichtet und die gesamte Verfahrenstechnik installiert. Bis zum Spätherbst steht der Bau der kompletten Verrohrung samt Pumpen und sonstiger Technik auf dem Programm. Daran schließt sich der Testbetrieb der Anlage an.

Einher geht das wohl mit dem Aus der samstäglichen Anlieferung von privatem Sperrmüll. „Die neue Anlage läuft sechs Tage die Woche, aus Sicherheitsgründen können wir den gewerblichen Schwerlastverkehr nicht mit privaten Anlieferern vermischen. Da ist das letzte Wort gesprochen? „Mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit“, sagt Günther Weiß.Von Martin Kuhn

evo-ag.de

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