Digital Retro Park per Game Boy erleben

Offenbacher Museumsrundgang als Videospiel

Falk Heinzelmann nutzt die Spielkonsole als Museumsführer zu Hause.
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Falk Heinzelmann nutzt die Spielkonsole als Museumsführer zu Hause.

Um die Museumserfahrung nicht nur in der Erinnerung mit nach Hause zu nehmen, bieten Museen häufig Kataloge mit ihren Exponaten an. Das Computermuseum Digital Retro Park, das seit 2018 in seinen Räumen an der Frankfurter Straße, mitten im Herzen der Offenbacher Fußgängerzone zuhause ist, kann man jetzt auch nacherleben - und das in ganz besonderer Form:

Offenbach - Ganz auf die Zielgruppe von Nostalgiefreunden und die Fans von alten Computern und Spielkonsolen zugeschnitten, kann man den Gang durch das Museum nun auch digital machen – auf dem Nintendo Game Boy. Programmiert hat den virtuellen Rundgang der Offenbacher Grafiker Falk Heinzelmann, der seit der ersten Stunde zum Digital Retro Park gehört.

Das tragbare Handheldsystem gehörte vor rund 30 Jahren in jedes Kinder- und Jugendzimmer: 1989 ging der erste Game Boy über den Ladentisch. Recht schnell zum Kultobjekt avanciert, werden heute horrende Preise für die Klassiker gezahlt. Da könnte man sich im ersten Moment fragen: Warum wird für das System heute noch eine Cartridge produziert? Doch die Freunde des Digital Retro Parks sind definitiv Retro-Fans, von denen viele noch eine der alten Handkonsolen zuhause haben dürften. So ist es keine Überraschung, dass die einhundert Exemplare umfassende Erstauflage von „Museum on a Cart“ binnen eines Tages ausverkauft war.

Das vertraute Game Boy-Feeling, das sich damals bei „Tetris“ oder „Super Mario Land“ einstellt, ist sofort wieder da, wenn man die Cartridge einlegt und der typische elektronische Klang ertönt. Obwohl es sich „nur“ um einen Rundgang durch das Museum handelt, muss man sich zu Beginn stilecht für eine Figur entscheiden, mit der man durch die virtuelle Ausstellung loszieht: Es gibt ein Mädchen, einen Jungen oder einen Roboter - „Charaktere mit Knuddelfaktor“, beschreibt Schöpfer Heinzelmann seine Figuren. Dann geht es los, durch das „Museum on a Cart“: Tatsächlich ist der komplette Digital Retro Park hier zu besichtigen, mit dem Steuerkreuz kann sich der User frei durch alle Räume bewegen. Natürlich sind die Räume in der nach heutigen Maßstäben etwas groben Game Boy-Grafik abgebildet, aber trotzdem sind die einzelnen Räume gut zu erkennen, auch in den Details: Schon am Startpunkt, im Café des Museums, kann man zum Beispiel den prägnanten Tisch sehen.

Für das volle Museumserlebnis sorgen natürlich die Exponate, deren virtuelle Äquivalente ebenfalls in den Räumen an ihrem originalen Platz auf dem Game Boy-Display zu sehen sind. Hier hat Heinzelmann sein Fachwissen spielen lassen: Nähert sich der Charakter einem dieser Exponate, öffnet sich auf Knopfdruck ein Pop-up-Fenster mit allerlei wissenswerten Informationen über den angeklickten Computer oder die Konsole. Das ist natürlich eher Hintergrundwissen für Kenner, wenn der 1975 erschienene „Imsai 8080“ als PC-Klon und „verbesserte Version des Altair 800“ beschrieben wird. So entsteht ein detailreicher Museumsführer auf verspielte Art.

A propos verspielt: Ein paar Gimmicks hat Heinzelmann für die Game Boy-Fans noch eingebaut. So gibt es als Easter Eggs ein paar kleine Aufgaben in verschiedenen Leveln zu lösen. Gelingt das, wird auf dem Bildschirm eine Party gefeiert. Außerdem kann der User einigen Figuren begegnen, deren realen Versionen man auch im Digital Retro Park über den Weg laufen können: So hat Heinzelmann sich selbst, aber auch seine Kollegen als Charaktere im Spiel untergebracht.

Die Idee, das Museum in einem anderen Medium abzubilden, bestand schon lange: Im Alleingang konzipierte und programmierte Heinzelmann sein „Museum on a Cart“ mit dem Toolkit „GB Studio“. Den ersten Raum stellte er seinen Kollegen kurz vor Weihnachten bei einer virtuellen Weihnachtsfeier vor und bekam ein „Mach weiter!“. Dank Kurzarbeit hatte Heinzelmann genügend Zeit, sich richtig „reinzuknien“. Mit einer Ladung leerer Cartridges aus Asien stellte er nach Fertigstellung des Programms in Handarbeit die fertigen Game Boy-Kassetten her. Für die entwarf der Grafiker auch eine Box, deren Äußeres den originalen Game Boy-Spielecovern nachempfunden ist. Der Unterschied fällt im Detail auf: Wo auf den Ur-Spielen der Schriftzug von Nintendo prangte, ist jetzt das Wort „Offenbach“ zu lesen.

Lediglich bei der Gestaltung der Musik suchte sich Heinzelmann Unterstützung von außen und fand sie in dem „Chipmusiker“ Jörg „Tronimal“ Ritterhaus aus Hannover, der mit mehr als zehn Stücken eine akustische Begleitung erstellte.

Der Verkaufserlös aus „Museum on a Cart“ fließt in den Trägerverein des Museums: Corona hat auch im Digital Retro Park Spuren hinterlassen, denn weder Eintrittsgelder noch Einnahmen aus dem Café konnten generiert werden. „Das wird uns hoffentlich etwas über Wasser halten“, hofft Heinzelmann. Der Verkauf der ersten hundert Module hat sowohl Geld als auch Aufmerksamkeit gebracht: Durch „Museum on a Cart“ hat der Verein neue Mitglieder hinzugewonnen.

Infos im Internet unter digitalretropark.net

Von Jan Schuba

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