Geselle auf Wanderschaft

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Kreishandwerksmeister gefällt’s: Wolfgang Kramwinkel begutachtet den Barschrank, den sein Lehrling Mathias Franzreb als Gesellenstück angefertigt hat.

Offenbach - Ob sie wohl dreimal auf Holz geklopft haben vor ihrer Abschlussprüfung? Geschafft haben diese jedenfalls alle elf Tischlergesellen an der August-Bebel-Schule. Zur Freisprechung stellten sie ihre Gesellenstücke aus. Von David Heisig

Die Aula der Kreisberufsschule ist in warmes Licht gehüllt. So werden die ausgestellten Möbelstücke dezent betont. Fast könnte man meinen, man besuche ein exquisites Möbelhaus und nicht eine Schule. Dennoch sind es Werke von Tischlergesellen, die den Gästen vorgeführt werden. Alle elf haben ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, bekommen in der Freisprechung die Gesellenbriefe überreicht. Vorher dürfen sie ihre Gesellenstücke zeigen. „Mer habbe bestanne, Jungs“, jubelt Mathias Franreb, einer der Absolventen. „Einen Handwerksberuf zu erlernen, ist immer eine gute Basis, um im Leben weiterzukommen“, gratuliert Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel.

Franreb schlägt den traditionellsten Weg ein: Er geht als Geselle auf Wanderschaft. Für ihn heißt das, ab August drei Jahre und einen Tag von Ort zu Ort zu ziehen und Arbeit zu suchen. Immer mindestens 50 Kilometer vom Heimatort entfernt. Zehn Jahre Lebenserfahrung sammeln, das ist sein Plan. Das könne man in drei Jahren Wanderschaft durchaus erreichen. Nach Berlin soll es gehen. Nur Trampen und Laufen ist erlaubt. Bammel hat er keinen, er fühlt sich gut vorbereitet.

„Mir tut’s leid“, sagt Kramwinkel, bei dem der Geselle gelernt hat, mit einem Schmunzeln. Immerhin verliere er einen engagierten Mitarbeiter. Dieser hat zur Prüfung einen Barschrank entworfen und gebaut. Ein Dreivierteljahr hat er in die Arbeit investiert. Das Material – Olivesche – ergibt durch die verschiedenfarbige Maserung einen besonderen Kontrast. Der eigentliche Wert liege bei 6500 Euro, der ideelle Wert um vieles höher, erzählt der Schüler.

Stolz auf Leistungen der Schüler

Den kompletten Arbeitsvorgang mussten die Gesellen in einem Bericht festhalten. Einführung ins Werk, Kostenaufstellungen und Zeichnungen waren als Prüfungsleistung verlangt. Dem Besucher geben sie Gelegenheit, die Stücke näher kennen zu lernen. Zum Beispiel den „Schreibtisch mit Pfeiler“, den Oliver Tesch getischlert hat. Zwei verschiedene Materialien hat er verwendet. Optisch bilden Schublade und Schränkchen den Pfeiler, der die Tischplatte durchdringt.

Raimund Kirschner, Leiter der August-Bebel-Schule, ist sichtbar stolz auf die Leistungen seiner Schüler. Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Betrieben und Schreinerinnung von Stadt und Kreis habe sich bewährt. Dennoch sei es schwierig, weiter Unternehmen, aber auch Schüler für Bildungsgänge zu interessieren.

Staatliche Quoten müsse die Schule erfüllen, um einen Bildungsgang anbieten zu können. So lägen für das kommende Berufsgrundbildungsjahr Holztechnik derzeit zu wenige Anmeldungen vor. Kirschners düsterstes Bild ist, dass künftig einige Ausbildungsgänge nur noch an bestimmten Schulen angeboten werden könnten. Grund sei vor allem der demografische Wandel.

Für einen guten Start in den Beruf seien die Schüler jetzt gerüstet, jedoch „nicht freigesprochen vom Lernen“, betont der Obermeister der Schreinerinnung, Joachim Hildebrandt.

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