Oft ein Katz-und-Maus-Spiel

Wie das Ordnungsamt illegale Autos aufspürt

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Nach erfolgloser Kontaktaufnahme mit dem Besitzer wird ein BMW an der Brinkstraße abgeschleppt. Der Halter erhält danach eine letzte Gelegenheit, sein Fahrzeug abzuholen.

Offenbach - Das illegale Entsorgen eines Autowracks im öffentlichen Raum ist kein Kavaliersdelikt. Für die Besitzer kann das richtig teuer werden.

Abderrahman Chaoui vom Ordnungsamt der Stadt ist täglich unterwegs, um nicht mehr zugelassene Fahrzeuge zu entdecken und von den Straßen zu holen. Zu tun hat er reichlich: An machen Tagen spürt er bis zu 50 Fahrzeuge auf. Jetzt wird es ernst für den Besitzer des blauen Golfs. Das amtliche Kennzeichen fehlt, das Fahrzeug ist nicht mehr zugelassen. Abderrahman Chaoui zieht einen orangefarbenen Zettel aus dem Papierstapel, der vor ihm auf dem Armaturenbrett liegt. Handschriftlich mit einer fünfstelligen Kontrollnummer versehen, klebt der grelle Hinweis wenig später auf der Windschutzscheibe.

Jeden Tag markiert Abderrahman Chaoui illegal abgestellte Fahrzeuge mit dem orangefarbenen oder gelben Aufruf an den Besitzer, das Fahrzeug innerhalb von drei Tagen zu entfernen.

„Der Halter ist aufgefordert, sein Auto innerhalb von drei Tagen aus dem öffentlichen Bereich zu entfernen“, erklärt Chaoui und fotografiert das auf dem Mainparkplatz abgestellte Fahrzeug. Er wird in ein paar Tagen erneut vorbeikommen und überprüfen, ob der Besitzer reagiert hat. Steht das Auto dann immer noch dort, wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet – und ein Bußgeld fällig. Seit 20 Jahren ist der 64-Jährige Angestellter beim Offenbacher Ordnungsamt. Zielsicher und pflichtbewusst spürt er in dessen Auftrag nicht mehr zugelassene Kraftfahrzeuge und Autowracks auf, die illegal auf öffentlichen Straßen und Plätzen abgestellt wurden. Meist folgt Chaoui seinem Spürsinn, oft gibt es aber auch Hinweise von Anwohnern und Nachbarn.

Bis zu 50 Verwarnungen pro Tag

Das Polo-Wrack wird offiziell entfernt und verschrottet.

An manchen Tagen schreibt er bis zu 50 Verwarnungen. Dafür steht der gebürtige Marokkaner früh auf. Seine Tour durch das Stadtgebiet startet jeden Morgen um sieben Uhr, „wenn noch wenig Verkehr auf den Straßen ist“. Chaoui sieht sich um. Aufmerksam schweift sein Blick über den weitläufigen Parkplatz. Irgendwo könnte noch immer der Peugeot stehen, den er vorige Woche auf seine Liste gesetzt hat. „Besitzer stellen ihr Auto gern um, damit wir es nicht mehr so schnell finden.“ Er kennt die Tricks und Maschen – und viele der Betroffenen. Ein paar Meter weiter ist der Peugeot gefunden. Das Kurzzeitkennzeichen ist seit zehn Tagen abgelaufen. „Der Mann hat Probleme mit seiner Familie, keine Arbeit, kein Geld. Er lebt von Sozialhilfe. Ich habe schon mit ihm geredet.“ Viele Leute, sagt er, verdienten kein Geld, doch sie verstünden nicht, dass es noch teurer wird, wenn sie es aufs Abschleppen ankommen lassen. Chaoui macht einen Vermerk in seinen Unterlagen. Das Ordnungsamt wird den Besitzer des Peugeot kontaktieren, ihm eine letzte Frist zum Entfernen des Fahrzeugs setzen. „Ein Bußgeld muss er in jedem Fall zahlen.“ Sonst wird abgeschleppt. „Das wirkt nachhaltig. Doch vorher werde ich ihn wohl zu Hause besuchen.“

Alte Autoreifen und Haushaltsmüll lagerten in dem illegal abgestellten Polo in unmittelbarer Nachbarschaft der Autoverwertung.

Langsam rollt Chaoui mit dem weißen Caddy des Ordnungsamts vom Gelände. Er ist ein Mann mit Gewissen. Einer, der die Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen ernst nimmt. Seit 40 Jahren ist er bei der Stadt tätig, war zunächst beim Tiefbauamt, dann bei der Straßenverkehrsbehörde. So einiges hat er bei seiner Arbeit schon erlebt, ist immer nah dran an den Menschen und ihren Schicksalen. „Man muss auf die Leute eingehen“, sagt er. Verständnis und ein gewisses Maß an Flexibilität gehörten zu einem Stadtbediensteten. „Dennoch muss ich meine Arbeit machen. Recht und Ordnung müssen eingehalten werden.“ Er lächelt. „Ich liebe diese Stadt und kann nicht akzeptieren, wie manche Menschen mit ihr umgehen.“ Chaoui besitzt Befugnisse eines Polizeivollzugsbeamten, darf Bußgelder erheben, Personalien feststellen und ist verpflichtet, Straftaten zu verfolgen. Oft muss er diskutieren, versuchen Leute ihn zum Verzicht aufs Bußgeld zu überreden. „Irgendwann fangen sie an zu schimpfen: ,Habt ihr nichts Besseres zu tun?’“

Die meisten kontrollierten Fahrzeuge sind in gutem Zustand. Doch Chaoui entdeckt auch Wracks, die heimlich abgestellt werden, weil die Besitzer die Entsorgungskosten sparen wollen. „Oft können wir die Halter nachträglich anhand der FIN-Nummer im Fahrzeug ausfindig machen.“ Sie werden kontaktiert und erhalten eine letzte Chance, ihr Auto vor dem Abwracken abzuholen. Ist es soweit gekommen, wird’s richtig teuer: Mehrere hundert Euro kommen für Abschleppen, Bußgeld und Verwaltungsgebühr zusammen. Chaoui greift zum Telefon, ruft den Abschleppdienst. Dann packt er Werkzeug aus seinem Wagen und öffnet den grünen BMW an der Brinkstraße. Seit mehr als vier Wochen steht das an der Karosserie beschädigte Auto dort – zum Ärger der Nachbarn. Der Innenraum ist verschmutzt, abgenutzt. Chaoui macht sich ein Bild vom Zustand des Motors. Öl leckt, die Bremsflüssigkeit befindet sich noch im Behälter. Die Batterie scheint in Ordnung. „Vor dem Abschleppen muss ich alles genau prüfen und fotografieren.“

Nur in ganz seltenen Fällen ist auch das Ordnungsamt machtlos. Etwa bei Fahrzeugen aus dem Ausland. „Die Halter sind dort schwer zu ermitteln.“ Fehlt der Versicherungsschutz, entfernt die Polizei die Kennzeichen und schickt sie ans zuständige Konsulat. „Das Auto selbst aber bleibt in der Stadt.“

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